Holocaust-Saboteur ohne Heimat Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück in weiter Ferne

Von Sebastian Stricker


Osnabrück. Als Retter von Tausenden Juden zur Zeit des Nationalsozialismus ging der Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer in die Geschichte ein. Eine ihm gewidmete Dauerausstellung, geschweige denn ein eigenes Museum, sucht man in seiner Heimatstadt jedoch vergebens. Daran hat auch ein Ratsbeschluss vom Sommer 2014 nichts geändert.

Verbrieft ist seit einem Jahr der Wunsch aller Fraktionen, einem der berühmtesten Söhne der selbst ernannten „Friedensstadt“ mehr Raum zu geben. Erwogen wird sogar, ausgerechnet die Villa Schlikker für eine würdige Präsentation seines Lebens und Werks freizumachen und in Hans-Calmeyer-Haus umzubenennen. (Weiterlesen: Wird aus Villa Schlikker ein Hans-Calmeyer-Haus?)

Die über 100 Jahre alte Industriellenvilla am Heger-Tor-Wall diente der NSDAP in Osnabrück von 1933 bis 1945 als Hauptquartier. Nach dem Krieg nutzte das „Braune Haus“ vorübergehend den britischen Besatzern. Gegenwärtig ist es Teil des Kulturgeschichtlichen Museums, das inhaltlich und räumlich überarbeitet werden soll. Die Stadtverwaltung wurde Ende Juli 2014 einstimmig beauftragt zu prüfen, wie Hans Calmeyer am besten in dieses neue Museumskonzept passt. (Weiterlesen: Hans Calmeyer, der Retter aus dem Apparat des Todes)

Stadt ist planlos

Nun hat sich die CDU-Fraktion bei der Stadtverwaltung offiziell nach dem Stand der Dinge in Sachen „Haus für Hans Calmeyer“ erkundigt. Und erhielt von Kulturdezernentin Rita Maria Rzyksi in der letzten Ratssitzung vor den Sommerferien schriftlich folgende Auskunft: Die „Person Calmeyer“ werde bei der Planung einer künftigen Dauerausstellung zur Stadtgeschichte berücksichtigt. Dies geschehe in Absprache und mit Beteiligung der Hans-Calmeyer-Initiative. Allerdings: „Die Planungen für eine neue Konzeption der Dauerausstellung Stadtgeschichte haben noch nicht begonnen.“

Konkretes sei erst zu erwarten, wenn die neue Museumsleitung feststeht, heißt es sinngemäß in der Mitteilungsvorlage. Eine entsprechende Stellenausschreibung stellte die scheidende Stadträtin für „Mitte 2016“ in Aussicht. Dies jedoch zu einem Zeitpunkt, als die Haushaltssperre noch nicht verhängt war. Das Fragezeichen hinter diesem Termin scheint deshalb nicht kleiner geworden. (Weiterlesen: Haushaltssperre – Osnabrücks Oberbürgermeister zieht die Notbremse)

Internationale Strahlkraft

CDU-Fraktionschef Fritz Brickwedde ist mit dem Sachstandsbericht zum Hans-Calmeyer-Haus alles andere als glücklich, spricht auf Nachfrage unserer Redaktion von einem „verlorenen Jahr“. Es sei bedauerlich, dass es damit auf absehbare Zeit keinen Ort in Osnabrück gebe, an dem Hans Calmeyers Rettungswerk ausführlich und angemessen dargestellt werde.

Dabei strahle die „humanitäre Leistung“ des Juristen sogar ins Ausland aus. Besonders nach Holland. Grund: Im Dienst der Nazis leitete Calmeyer die Entscheidungsstelle für Abstammungsfragen im besetzten Den Haag. Es waren also vor allem niederländische Juden, die er dort tausendfach mit gefälschten Unterlagen vor der Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz bewahrte. (Weiterlesen: Niederländer bauen Vorbehalte gegen Hans Calmeyer ab)

Drittmittel wahrscheinlich

„Eine Dauerausstellung über Hans Calmeyer, und erst recht ein Hans-Calmeyer-Haus, könnte viele Touristen aus den Niederlanden nach Osnabrück locken“, sagt Brickwedde. Er ist überzeugt, dass die Stadt dafür nicht einmal tief in die Tasche greifen müsse. Denn Bund, Land und Stiftungen würden bestimmt das nötige Kleingeld zuschießen, um ein solches Projekt finanziell zu stemmen.

„In Osnabrück gibt es nur wenig kulturelle Themen, die bundesweite Bedeutung haben“, so der CDU-Fraktionsvorsitzende. Hans Calmeyer sei eins davon. Möglicherweise gelinge es ihm, davon auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu überzeugen, die er zu einem Besuch eingeladen habe. Fritz Brickwedde: „Ich hoffe, dass das in den nächsten Monaten zustande kommt.“

Können 400.000 Besucher lügen?

Enttäuscht über die Entwicklung zeigt sich auch die Hans-Calmeyer-Initiative (HCI). Calmeyer sei „der bedeutendste Rettungswiderständler, den die Geschichte kennt“, stellt Vorsitzender Ralf Steiner fest. Sein Eindruck sei, „dass die Verwaltung das nicht richtig zu würdigen weiß“. Es werde weder Person noch Sache gerecht, den Holocaust-Saboteur lediglich zum Bestandteil einer Dauerausstellung zur Stadtgeschichte Osnabrücks zu machen. Eine separate museale Aufbereitung aber würde „das Profil der Friedensstadt erheblich schärfen“.

Drei Wanderausstellungen über Hans Calmeyer mit insgesamt mehr als 400.000 Besuchern in den vergangenen Jahren hätten doch das „riesige Interesse“ der Öffentlichkeit bewiesen, sagt Steiner. Auch der pädagogische Wert sei nicht zu übersehen, denn Calmeyer konfrontiere das Publikum mit zeitlosen Themen wie Mitgefühl, Zivilcourage und Moral – kurz mit der Frage: Wie hätte ich mich verhalten? (Weiterlesen: Calmeyer-Ausstellung im Remarque-Zentrum Osnabrück)

Villa Schlikker perfekt geeignet

Kompetenz zur Gestaltung einer packenden Hans-Calmeyer-Dauerausstellung, die mehr biete als „irgendwelche Exponate auf Filz“, sei in Osnabrück vorhanden – und zwar in Gestalt des Historikers und Dokumentarfilmers Joachim Castan, dem Vater aller bisherigen einschlägigen Ausstellungen über Calmeyer. „Wer wenn nicht er könnte ein Konzept entwickeln?“, fragt Ralf Steiner. Von dem Gedanken, dafür auf historisch befleckte Villa Schlikker zurückzugreifen, ist der HCI-Vorsitzende begeistert. „Das wäre eine große Nummer. Wir können uns nichts Besseres vorstellen!“


Der Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Georg Calmeyer (1903 – 1972) hat zwischen 1941 und 1945 Tausenden von Niederländern und Deutschen jüdischen Glaubens das Leben gerettet. Seit 2012 erinnert an Calmeyers Geburtshaus an der Martinistraße 17 eine Gedenktafel an ihn. Das Wirken Calmeyers ist seit den späten 1980er-Jahren insbesondere von Peter Niebaum, dem 2013 verstorbenen Vorsitzenden der Hans-Calmeyer-Initiative, erforscht worden. Der heutige Osnabrücker CDU-Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg widmete 2001/02 seine juristische Doktorarbeit dem „ größten Judenretter in Deutschland “. Der Staat Israel ehrte Calmeyer im Jahr 1992 posthum als „ Gerechten unter den Völkern “ aus. 1995 verlieh ihm die Stadt Osnabrück mit der Möser-Medaille ihre höchste Auszeichnung.

Am Heger-Tor-Wall in Osnabrück, linker Hand vom Hauptgebäude des Kulturgeschichtlichen Museums, steht die weit über 100 Jahre alte Villa Schlikker . Sie trägt den Namen ihres Erbauers Edo Floris Schlikker. Der Sohn eines der bedeutendsten Textilfabrikanten in Schüttorf in der Grafschaft Bentheim ließ sie 1900 als Wohnhaus am damaligen Kanzlerwall errichten. Architektonisch zeigt die Villa neoklassizistische Stilelemente, die jedoch im Innenraum Gestaltungsformen des Jugendstils annehmen.

Nach dem Tod des Bauherrn ging die Villa in den Besitz seines Sohnes Dr. Gerhard Schlikker über. Dieser stellte sie in den Jahren 1930/31 aus bisher ungeklärten Gründen – offenbar unfreiwillig – der NSDAP zur Verfügung. Von 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges (am 4. April 1945 wurde Osnabrück von britischen Truppen besetzt) war die Villa Schlikker die Verwaltungszentrale der Nationalsozialistischen Partei in Osnabrück. Die britische Besatzung nutzte die Villa nach dem Zweiten Weltkrieg als Stadtkommandantur, erst 1959 wurde sie der Stadt Osnabrück übergeben.

Dort wurden ab 1961 die naturkundlichen Sammlungen eingerichtet und ab 1963 eröffnet. 1970 erhielt das Gebäude als Naturwissenschaftliches Museum seine Eigenständigkeit. Nach dem Umzug des heutigen Museums für Natur und Umwelt 1988 auf den Schölerberg wurde die Villa Schlikker restauriert und unter Denkmalschutz gestellt. Die Volkskundliche Abteilung des kulturgeschichtlichen Museums fand hier ihre Präsentationsräume. Seit 2004 beherbergt die Villa Schlikker als „Haus der Erinnerungen“ die Alltagskultur des 20. Jahrhunderts.