Ein Fluss in alten Ansichten Die Hase verliert bald endgültig ihren Betondeckel

Von Joachim Dierks


Osnabrück. Der Betondeckel über der Hase in der Osnabrücker Innenstadt gehört bald endgültig der Vergangenheit an. 1967 errichtet verschwand ein Teilstück bereits Ende der Neunzigerjahre. Auf dem Abschnitt Öwer de Hase folgt der Rest bis Ende 2016. Ein Streifzug durch die Geschichte.

Es gab Zeiten, da war die Hase ein wichtiger Bestandteil der städtischen Verteidigungsanlagen. Aber sie spendete noch vielerlei Nutzen mehr: Ihre Fische landeten auf den Tellern, ihre Wasser trieben Mühlräder an, trugen Kähne und erfrischten Badende, während Gerber und Papiermacher sie als Rohstoff gebrauchten. Bevor es Kläranlagen gab, diente sie auch der Ableitung der Abwässer und machte damit die hygienischen Verhältnisse ein klein wenig besser, als wenn es sie nicht gegeben hätte. In der Hochphase der Ansichtskarten zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird gerade auch der Flussabschnitt zwischen Neumarktbrücke und Georgsbrücke gern als Naturidyll mit romantischen Uferpavillons, Ruderbooten und entspannten Menschen in Freizeitkleidung gezeigt.

Dann kam eine Zeit, in der die Hase nur als eine lästige Platzverschwendung, als eine unansehnliche und im Sommer bisweilen stinkende Unterbrechung wertvoller innerstädtischer Flächen gesehen wurde. Schon 1953 hieß es in der „Neuen Tagespost“: „Die Hase, im Hochsommer wahrlich kein Anziehungspunkt für den Fremdenverkehr, würde, mit einer festen Betonüberdachung versehen, ein ideal gelegener Parkplatz sein.“ Das Auto als Statussymbol und Träger auch des innerstädtischen Verkehrs wurde zum Maß aller Dinge. Es lag im Trend der Zeit, den verunkrauteten und von Ratten besiedelten Fluss unter einem Betondeckel verschwinden zu lassen. Nur einige wenige Anlieger, die ihre kleinen Gärten an der Hase behalten wollten, wehrten sich erfolglos.

Willkommen für den Lieferverkehr

1967 wurde der Vorschlag dann umgesetzt, wobei die Stadtplaner auch schon vor Augen hatten, dass bei der späteren Umgestaltung der Großen Straße zu einer Fußgängerzone der Deckel die Belieferung der Geschäfte von der Rückseite her ermöglichen würde. Gewaltige Stützmauern aus Beton wurden an beiden Ufern errichtet, vier Meter hoch, im Sockel 1,50 Meter dick und nach oben hin auf 70 Zentimeter sich verjüngend. Darauf kamen als Deckel die abschnittsweise gegossenen 60 Zentimeter dicken Vollplatten aus Beton. Um einen Anschein von Bodenständigkeit zu wahren, erhielt der künstlich geschaffene Ort den plattdeutschen Straßennamen Öwer de Hase.

Ein Vierteljahrhundert später begann bei den Hauptanliegern die Einsicht zu reifen, dass mit dieser „schmucklosen Bausünde der Sechzigerjahre“ und „wenig einladenden Hinterhof-Situation“ kein Staat mehr zu machen sei. Der Zeitgeist hatte sich gedreht: Ein Fluss in der Stadt wurde nun als Aktivposten angesehen, der als Erlebnisort für Natur und Stadtgeschichte Aufenthaltsqualität bietet. Nicht nur in Osnabrück, in vielen Städten setzte die „Wiederentdeckung“ der urbanen Flusslandschaften ein, wurden die Flussufer aufgehübscht und mit Rad- und Fußwegen erlebbar gemacht.

Als Initiator des Projekts einer teilweisen Wiederöffnung des Flussbetts in Osnabrück gilt Immobilienkaufmann Theodor Bergmann. Eine seiner Immobiliengesellschaften ist Eigentümer des Kaufhauses Thomas-Kleidung/Wehmeyer/Sportarena an der südwestlichen Ecke des Hasedeckels. Er gewann sehr schnell den NOZ-Verleger Hermann Elstermann für die Idee. Die beiden gründeten die „Hasepromenade GbR“ und holten den Architekten Wilfried Ohnesorge mit ins Boot. Er entwarf die Lösung, die heute zu besichtigen ist: Auf 70 Meter Länge und 15 Meter Breite wurde das Flussbett wieder freigelegt. Eine diagonal gespannte Brücke verbindet die Gutenberg-Passage des Hauses Meinders & Elstermann mit der Deutsch-Passage gegenüber. Viel natürliches Grün, Edelstahl-Geländer und attraktives Pflaster werten die Uferstraßen auf. Am Südende setzt ein Pavillon über dem Fluss einen städtebaulichen Akzent. Zuerst sollte eine Mövenpick-Gastronomie hinein. Sie ließ sich nicht realisieren, stattdessen zog Apotheker Hans-Jürgen Leue mit der Neumarkt-Apotheke und einem Gesundheitszentrum ein.

Mischfinanzierung bei den Baukosten

Die Baukosten von 3,7 Millionen DM wurden privat und öffentlich mischfinanziert: 1,1 Millionen brachten neun beteiligte Anlieger auf, 1,4 Millionen die Stadt, und der Rest kam aus dem Ertrag des Erbpachtgrundstücks über der Hase. Als nach achtjährigem Planungsvorlauf und achtmonatiger Bauzeit im Dezember 1999 der neu gestaltete Hasebereich offiziell übergeben wurde, begründete Verleger Elstermann nochmals das starke Engagement des Medienhauses sowohl für die Verdeckelung wie auch für die Teilöffnung: „Noch bis Anfang der 80er-Jahre wurde hier ein Teil der NOZ gedruckt, die Ladestraße schien unentbehrlich. Wir haben jedoch erkannt, dass dies nicht der richtige Standort für so etwas ist, und uns für einen Branchenmix und für die Verschönerung der Straße eingesetzt.“

Wiederum 15 Jahre später werden wir nun Zeitzeugen des vermutlich letzten Schritts der Haseöffnung. Von dem ursprünglich fast 200 Meter langen Hasedeckel sollen weitere 60 Meter zwischen Gutenberg-Passage und Georgstraße entfernt werden. Gefordert und gefördert wird das 1,8 Millionen-Euro-Projekt wiederum gemeinsam von privaten Anliegern und der Stadt. Mittlerweile machen veränderte Zufahrten zu angrenzenden Gebäuden den Deckel auch hier verzichtbar. Der Stadt fällt die Mitfinanzierung leichter, weil sie ohnehin Geld in die Hand nehmen müsste, um Betonschäden am Deckel und Abdichtungsprobleme zu beseitigen.

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Als Begründung für die weiter gehende Öffnung bleibt der Satz gültig, den Architekt Ohnesorge schon vor 20 Jahren in einem Interview formulierte: „Wenn ein Stück Wasser freigelegt wird, tut das einer Stadt immer gut, auch wenn wir in diesem Fall nicht von einer Renaturierung sprechen können, denn die Hase ist und bleibt an dieser Stelle eingefasst. Aber wir können einen Punkt setzen mit einem Stück Natur (...), die die Stadt in diesem Bereich aufleben lässt.“ Noch in diesem Herbst soll der Umbau beginnen und Ende 2016 beendet sein. Dann wird sich die schmucklose Gasse in eine Art Gracht mit umlaufender Geschäftsgalerie verwandelt haben, wie der Entwurf des diesmal zum Zuge gekommenen Architekturbüros „Lützow 7“ aus Berlin verspricht.