Drehkreuz Busbahnhof Wie Altenpflegerinnen aus Polen der Region Osnabrück helfen

Von Hendrik Steinkuhl


Osnabrück. Seit Jahren herrscht in Deutschland Pflegenotstand, und ohne ausländische Arbeitskräfte wäre aus dem Notstand schon längst eine Katastrophe geworden. Das Drehkreuz für polnische Pflegerinnen in der Region ist die Fernbushaltestelle am Osnabrücker Hauptbahnhof. Wir stellen vier von ihnen vor.

1200 Zloty hat Marta verdient, als sie in Polen als Verkäuferin gearbeitet hat. 1200 Zloty, das sind umgerechnet 290 Euro. Damit musste sie auskommen. Nun pflegt Marta seit April dieses Jahres in der zwischen Münster und Osnabrück gelegenen Gemeinde Ladbergen eine alte Frau. Sie arbeitet zwei Monate am Stück, dann fährt sie für zwei Monate nach Polen. „Für meine Arbeit bekomme ich etwas mehr als 1000 Euro im Monat“, sagt die 24-Jährige. Über 70 Prozent mehr Gehalt, dazu freie Kost und Logis – wer würde dafür nicht ins Ausland gehen?

Die Fernbushaltestelle am Osnabrücker Hauptbahnhof ist so etwas wie das regionale Drehkreuz für polnische Pflegerinnen. Von hier startet Marta in ihren zweimonatigen Heimaturlaub im schlesischen Tychy. „Heute Morgen war ich hier und habe die Pflegerin abgeholt, die sich in den nächsten zwei Monaten um meine Mutter kümmert“, sagt die Frau, die Marta bezahlt. Nachdem ihre Mutter im Frühjahr schwer gestürzt war, haben sie und ihr Bruder zwei Pflegerinnen engagiert, die die alte Frau abwechselnd rund um die Uhr versorgen. Mit deutschen Kräften wäre so eine Pflege unbezahlbar.

24-Stunden-Betreuung kostet 12000 Euro im Monat

In einem Artikel der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ sagte der Pflege-Experte Professor Michael Isfort, eine 24-Stunden-Betreuung durch einen ambulanten Pflegedienst würde bis zu 12000 Euro im Monat kosten. „Um es aber klarzustellen: Wir haben in den ambulanten Pflegediensten derzeit weder die Kapazität noch das Personal.“ Heißt: Selbst wenn Geld keine Rolle spielt, geht es oft nicht ohne ausländische Pflegekräfte. Und die kommen überwiegend aus Polen.

Was die Frauen in Deutschland erleben, deckt erwartungsgemäß die ganze Spanne ab: von der Aufnahme als Familienmitglied bis hin zur Teilversklavung. Die 24-jährige Marta scheint es in Ladbergen gut erwischt zu haben, ihre Arbeitgeberin behandelt sie ausgesprochen freundlich und respektvoll. Schon vor Martas Ankunft hat sie ihr einen PC eingerichtet, über den sie per Skype in die Heimat telefonieren kann. „Jeden Tag mache ich das“, sagt die junge Pflegekraft.

Ihr Deutsch ist nach zwei Monaten Aufenthalt schon erstaunlich gut. Fragen, die sie nicht versteht, übersetzt für uns eine polnische Lehrerin. „Der Arbeitsmarkt in Polen ist schlecht“, sagt sie. „Die meisten ungelernten Arbeiterinnen verdienen nicht viel mehr als 250 Euro im Monat – wenn sie überhaupt einen Job finden, denn davon gibt es viel zu wenige.“

2,5 Millionen in Deutschland sind pflegebedürftig

In Deutschland ist die Lage anders – vor allem in der Betreuung von Alten und Kranken. Derzeit leben 2,5 Millionen Pflegebedürftige in der Bundesrepublik, knapp 70 Prozent werden zu Hause versorgt. Rund 1,1 Millionen von diesem Pflegebedürftigen werden von der eigenen Familie gepflegt, um den Rest kümmern sich Betreuer. Wie groß der Anteil an osteuropäischen – und damit meist polnischen – Pflegerinnen ist, kann nur vermutet werden. „Schätzungen gehen von ungefähr 150000 migrantischen Haushaltshilfen in deutschen Familien aus“, schreibt Pflege-Experte Michael Isfort in einer Analyse aus dem Jahr 2014.

Auch Annja arbeitet als Altenpflegerin in der Region, auch sie hat zwei Monate Betreuung hinter sich und reist nun mit dem Fernbus für zwei Monate in die Heimat, in ihrem Fall ist das Breslau. Sie pflegt in Wallenhorst einen alten Mann, jeden Tag für vier bis fünf Stunden. Der Lohn: knapp 1000 Euro. „Die Arbeit ist gut. In Polen hatte ich zuletzt eine Büro-Arbeit, da habe ich viel weniger verdient.“ Vermittelt wurde ihr die Arbeit durch eine Bekannte, die ebenfalls als Altenpflegerin in der Region arbeitet.

Täglich zwei bis drei Busse von Osnabrück nach Polen

„Ich bin eine alte Frau, in Polen finde ich keine Arbeit mehr!“, sagt Elsia, die aus einem der Busse steigt, die in Osnabrück Station machen. Laut Auskunft des Inhabers des Fernbus-Reisebüros am Hauptbahnhof sind es jeden Tag zwei Busse, die aus Osnabrück in das östliche Nachbarland fahren. Heute sind es sogar drei.

Elsia, die nur kurz zum Rauchen ausgestiegen ist, ist 60 und stammt aus Lodz. Sie pflegt im westfälischen Recke einen alten Mann. Ihr Turnus: drei Monate Recke, drei Monate Lodz. „Die Arbeit ist gut!“, sagt sie noch, und dann muss sie wieder einsteigen, weil der Bus abfährt.

„Ich kenne sehr viele Polen, die hier als Pflegekräfte arbeiten“, sagt Isa Benn. Die gebürtige Polin lebt seit 33 Jahren in Deutschland, zunächst im Ruhrgebiet, inzwischen in Spelle. Sie bringt gerade ihre Mutter zum Fernbus; ihre Eltern sind vor ein paar Jahren in die Heimat zurückgezogen, die Mutter besucht sie nun regelmäßig. Auch Isa Benn arbeitet in der ambulanten Altenpflege, sie kennt die Situation sehr genau. „Viele alte Männer wollen nicht von einer Frau angefasst werden, deshalb sind inzwischen auch viele männliche polnische Pfleger hier.“