Bei Dyckerhoff in Lengerich Zwei Osnabrücker Firmen proben den Notfall im Windrad

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Osnabrück. Was tun, wenn sich der Kollege bei der Windradwartung schwer verletzt? Um seine Mitarbeiter entsprechend vorzubereiten, hat das Osnabrücker Unternehmen Seebawind nun beim Lengericher Zementhersteller Dyckerhoff in 35 Metern Höhe den Ernstfall geprobt. Geleitet wurde die Schulung von der jungen Osnabrücker Firma Rescoff.

Es ist zwar kein Windrad, und es sind auch keine 90 Meter – aber 35 Meter reichen auch schon, um der Übung ausreichend Ernst zu verleihen. „Das ist hier auf jeden Fall viel besser als auf einem kleinen Gerüst in einer Halle“, sagt Holger Hämel, während die Plattform, auf der wir stehen, ordentlich vibriert. Gerade wird ein über 100 Kilo schwerer Mitarbeiter abgeseilt – und das bekommen die Umstehenden schon mit.

Die Osnabrücker Fima Seebawind, deren Geschäftsführer Holger Hämel ist, bietet seit 2009 einen umfassenden Service und die technische Betriebsführung für Windkraftanlagen. Das Unternehmen überwacht europaweit 600 Anlagen, und das Tag und Nacht. Passiert irgendwo ein Fehler, wird die Lösung zunächst per Ferndiagnose gesucht. Wenn das nicht funktioniert, müssen die Mitarbeiter vor Ort nachschauen.

Normale Rettungsteams dürfen Anlage nicht betreten

Doch was passiert, wenn sich Mitglieder des Wartungstrupps verletzen oder wenn jemand in 90 Metern Höhe einen Herzinfarkt erleidet? Bislang ist das laut Holger Hämel zwar noch nicht vorgekommen. „Aber wer zur Wartung von Windkraftanlagen eingesetzt wird, muss in der Lage sein, sich aus großer Höhe abzuseilen.“

Das erscheint jedem Laien nachvollziehbar. Wie essenziell aber die Fähigkeit zur Selbsthilfe ist, wird einem bewusst, wenn man mit Kathrin Dambach spricht, die entspannt am Geländer der 35 Meter hohen Plattform lehnt. „Wenn sich jemand in einer Windkraftanlage verletzt, kann er dort von einem normalen Rettungsteam nicht geborgen werden“, sagt die Ärztin. „Die dürften die Anlage nämlich nur betreten, wenn sie eine spezielle Ausbildung in Höhenrettung haben.“ Und das sei noch nicht das einzige Problem: Selbst am Rand der Anlage würden die Rettungsteams praktisch nie in der Zeit ankommen, in der sie dort laut Theorie eigentlich ankommen sollten.

„Die Nachfrage ist größer, als ich je gedacht hätte“

Diese Missstände hat sich Kathrin Dambach zunutze gemacht. Die 32-Jährige gründete vor einem Jahr Rescoff, und dieses Unternehmen tut nichts anderes, als Mitarbeiter von Windkraft-Wartungsfirmen darin zu schulen, wie sie verletzte Kollegen bergen und versorgen. Bislang ist die junge Ärztin als Geschäftsführerin die einzige festangestellte Mitarbeiterin des Betriebs, der seinen Sitz an der Sandforter Straße in Osnabrück hat. In den nächsten Wochen allerdings werden einige der vielen Kollegen, die Kathrin Dambach bislang auf Honorarbasis unterstützen und teilweise das Unternehmen mit aufgebaut haben, fest in die Firma mit einsteigen.

„Die Nachfrage ist größer, als ich je gedacht hätte“, sagt Kathrin Dambach. Bei der Unternehmensgründung habe man sie noch davor gewarnt, sich mit diesem Konzept so weit im Landesinneren niederzulassen. „Die Leute meinten, wir müssten Richtung Küste gehen, weil da die ganzen Windkraftanlagen stehen.“ Wie sich herausstellte, gibt es im weiteren Umkreis von Osnabrück aber genügend Unternehmen, die Windräder warten.

Die Idee für Rescoff kam Kathrin Dambach während ihrer Doktorarbeit, die sie zum Thema „Medizinische Ereignisse in Offshore-Windparks“ schrieb. Zu dem Thema verpflichtete sie ihr Doktorvater – sie selbst hatte dazu bis dato weder einen Bezug, noch hatte sie große Lust darauf, diesen Bezug herzustellen. Bei der Recherche stellte sie dann fest, dass es zwischen 2008 und 2013 mehr als 600 Notfälle in Offshore-Windparks gab – und die Zahl dieser Parks wächst beständig.

Fünftägige Schulung für jeden Mitarbeiter

„Wir hatten Rescoff erst gar nicht auf dem Schirm – und dann fiel uns auf, dass es ja quasi die Straße runter ein Unternehmen gibt, das Rettungstrainings speziell für Windkraftanlagen macht“, sagt Günter Hopp von Seebawind, die am Osnabrücker Heideweg sitzen – keinen Kilometer von Rescoff entfernt. Sämtliche Mitarbeiter des Unternehmens werden zurzeit von Rescoff geschult; jeder Mitarbeiter bekommt die fünftägige Ausbildung, insgesamt dauert es damit sieben Wochen, bis der gesamte Betrieb auf den neuesten Stand in Sachen Notfallhilfe gebracht wurde.

Ob allerdings all das, was die Seebawind-Mitarbeiter von den Rescoff-Honorarkräften lernen, auch angewandt wird, muss sich erst herausstellen. Gerade wird einer der Wartungsexperten auf einem sogenannten Spineboard fixiert. Spine ist das englische Wort für Wirbelsäule – und damit erklärt sich auch schon der Sinn des Plastikbretts, das ein wenig wie ein Surfbrett aussieht. „Wenn Ihr den Kollegen zu zweit fixiert, dann sollte einer immer eine Hand und seinem Nacken haben“, sagt Rescoff-Ausbilder Ingo Wolters und macht vor, wie man einen Verletzten an dieser sensiblen Stelle am besten sichert.

Dyckerhoff hat 2001 eine Höhenrettung gegründet

„Bislang haben wir so ein Gerät noch nicht im Einsatz“, sagt Seebawind-Geschäftsführer Holger Hämel. „Das Problem ist ja, dass man das immer im Bulli haben müsste, wenn man zur Anlage fährt, und dann auch immer mit in die Anlage hineinnimmt.“

Dass alle Beteiligten erst einmal so realistische Übungsbedingungen vorfinden, ist in erster Linie Michael Semder zu verdanken. Der Arbeitssicherheits-Experte des Lengericher Zementherstellers Dyckerhoff gründete im Jahr 2001 eine unternehmenseigene Höhenrettung, die eng mit einem halben Dutzend Ortsfeuerwehren zusammenarbeitet. Das gesamte Gebäude, auf dessen „Balkon“ wir gerade stehen, wird regelmäßig zu Übungszwecken benutzt – und nun eben zum ersten Mal für zwei expandierende Osnabrücker Unternehmen, die keinen Kilometer voneinander entfernt liegen.


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