Germanicus-Ausstellung Zeigen Knochengruben Überreste römischer Soldaten?

Von Olga Zudilin


Osnabrück. Der römische Feldherr Germanicus stieß im Jahr 15 nach Christus mit seinen römischen Legionen auf die in der Varusschlacht gefallenen römischen Soldaten. Er ließ sie in Gruben bestatten. In den vergangenen 20 Jahren wurden 8 Knochengruben in Kalkriese gefunden. Die Germanicus-Ausstellung im Museum Kalkriese zeigt Silikonabdrücke von den Knochen aus den Gruben. Stammen die Überreste aus den gefunden Knochengruben tatsächlich von den römischen Soldaten?

Kaputte Knochen, eine aufgeplatzte Schädeldecke und ein Gebiss: Die acht in Kalkriese gefundenen Knochengruben bringen ein erschütterndes Bild aus dem ersten Jahrhundert zutage. Das Museum Kalkriese fertigte Silikonabdrücke von den Knochenresten an und zeigt sie in der Germanicus-Ausstellung. Experten gehen davon aus, dass die Gruben die Überreste der in der Varusschlacht getöteten römischen Soldaten zeigen. Auf die Leichen der römischen Soldaten stieß Germanicus, als er mit seinen Legionen im Jahr 15 nach Christus zu dem Ort der Varusschlacht zurückkehrte. Germanicus ließ die herumliegenden Toten auf einem großen Grabhügel und in Knochengruben bestatten. Die in Kalkriese gefundenen Knochengruben werden mit diesen Bestattungen in Verbindung gebracht.

Ein Gemisch aus Menschen- und Tierknochen

„Anthropologische Untersuchungen haben gezeigt, dass es sich bei den Überresten um 20- bis 40-jährige, gut genährte, muskulöse und gut versorgte Männer handelt“, sagt der Ausstellungskurator Stefan Burmeister. Dies kann ein Indiz dafür sein, dass es sich bei den Überresten tatsächlich um gefallene römische Soldaten handelt.

„Im Römischen Reich wurden die Soldaten sehr gut ausgestattet und versorgt. Etwa die Hälfte des römischen Staatseinkommens wurde ins Militär gesteckt“, sagt Burmeister. Viele der Knochen sind übersät von Verletzungsspuren, die wahrscheinlich tödlich waren. So erkennt man beispielsweise eine Schädeldecke, die offenbar mit einem Schwert verletzt wurde. Durch den Schlag ist ein Stück vom Schädeldach abgeplatzt. Gut zu erkennen ist auch ein menschliches Gebiss mit fünf Zähnen, das aus dem Knochengemisch herausragt. Ein Zahn fehlt in der Zahnreihe. Neben Menschenknochen wurden in den Gruben auch Maultier- und Pferdeknochen entdeckt.

Der Grund warum die Knochen so gut erhalten sind, liegt an den Gruben. „Die Römer legten die Gruben mit Kalksteinen aus und schufen dadurch ein etwas basischeres Milieu in dem eigentlich sauren und feuchten Boden“, sagt Burmeister. Hätten die Römer dies nicht getan, hätte die Säure im Boden die Knochen deutlich mehr angegriffen.

Nur noch einzelne Knochen

Die anthropologischen Untersuchungen bringen außerdem eine weitere Erkenntnis ans Licht, die dafür spricht, dass es sich bei den Knochen um Überreste römischer Soldaten handelt: „Die Knochen müssen zwei bis vier Jahre an der Oberfläche gelegen haben, bevor sie schließlich beigesetzt wurden“, sagt der Kurator. In dieser Zeit waren die Muskeln und Sehnen der Leichen bereits zersetzt. Dieses Ergebnis passt zu der Situation, die Germanicus und seine Soldaten im Jahr 15 nach Christus wiederfanden. Schließlich lagen die Überreste bereits seit sechs Jahren an der Oberfläche. Da die Knochen nicht mehr durch Muskeln und Sehnen zusammengehalten wurden, mussten die römischen Soldaten die Knochen einzeln einsammeln.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Soldaten noch auf ganze Körper stießen. „Mehr als zehn Jahre können die Überreste allerdings auch nicht an der Oberfläche gelegen haben, weil sich sonst auch die Knochen zersetzt hätten“, sagt Burmeister. Das Zeitfenster vor mehr als zwei und weniger als zehn Jahren passt sehr gut zu der Bestattung der römischen Soldaten sechs Jahre nach der Varusschlacht. „Um gegnerische - also germanische Soldaten wird es sich bei den Überresten wohl kaum gehandelt haben, da man davon ausgehen kann, dass die Germanen ihre eigenen Soldaten umgehend nach der Varusschlacht bestattet haben und sie nicht haben liegen lassen“, sagt Burmeister.

Widerspruch zur römischen Bestattungssitte

Die Beisetzung der römischen Soldaten lässt allerdings auch Fragen offen. Schließlich war es römische Bestattungssitte, Leichen zu verbrennen. Experten gehen davon aus, dass es sich bei der Bestattung 15 nach Christus um eine Art „Notfallbestattung“ handelte, bei der man den Toten auch in der Fremde die letzte Ehre erweisen und die Leichen zumindest mit Erde bedecken wollte. Die Überreste mit nach Hause zu nehmen und sie dort zu bestatten, war auch nicht möglich. „Die Überreste wären als schlechtes Omen gedeutet worden“, sagt Burmeister. Überhaupt sei der römische Kaiser Tiberius ursprünglich nicht einmal von der Idee begeistert gewesen, dass Germanicus mit den römischen Legionen den Ort der Varusschlacht aufsucht. „Tiberius hatte Angst, dass der Ort die Kampfmoral der römischen Soldaten schwächt“, erklärt der Kurator. Doch das Gegenteil ist aufgetreten: „Der Wille der römischen Soldaten, sich an den Germanen für die Varusschlacht zu rächen, war danach sogar noch größer“, sagt Burmeister. Warum letztendlich Germanicus sich dazu entschied, sechs Jahre nach der verheerenden Niederlage den Ort der Varusschlacht aufzusuchen, bleibt aber bis heute unklar.

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