Folge 2: Osnabrücker Museen „Konkret mehr Raum“: Die Ausstellung im Qualitätscheck

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. „Konkret mehr Raum“ zeigt Werke von 20 Künstlern. Wie gut sind ihre Kunstwerke? Hier das Votum von „Herausragend“ bis „Fragwürdig“. Folge 2: Felix-Nussbaum-Haus/Kulturgeschichtliches Museum.

„Konkret mehr Raum“: Der Ausstellungstitel formuliert ein Versprechen. Die 18 Werke von 20 Künstlerinnen und Künstlern sollen vorführen, wie Kunst konkrete Räume neu definieren, aber vor allem auch abstrakte Denk- und Vorstellungsräume eröffnen kann. Kunst verändert Wirklichkeit - als Medium für Erfahrungsalternativen. Diese Philosophie steuert das Kunstprojekt „Konkret mehr Raum“. Welche Ausstellungsbeiträge lösen diesen Anspruch ein und welche eher nicht? Wir besuchen die drei Ausstellungsbereiche Kunsthalle Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus/Kulturgeschichtliches Museum und den Stadtraum. Hier der kritische Blick auf drei ausgewählte Werke im Felix-Nussbaum-Haus und im Kulturgeschichtlichen Museum - gern als Anregung zum Mit- und Weiterdiskutieren. (Hier weiterlesen: Alle Infos zu „Konkret mehr Raum“).

Herausragend: Alicja Kwades „2te 4te Dimension“

Der Titel klingt kompliziert, aber das Werk hält, was er verspricht - den Vorstoß in eine gedanklich neue Dimension. Denn ihre Plastik führt nicht nur Ordnung und deren Zerbrechen vor, sie wird auch noch auf schwarz schimmerndem Sockel beziehungsreich gespiegelt. So entsteht eine komplexe Anordnung, die das Nachdenken anregt, vor allem über Strukturen zwischen Regularität und Auflösung. Die Objekt- und Installationskünstlerin Alicja Kwade, deren Werke in großen Ausstellungshäusern von der Frankfurter Schirn Kunsthalle bis hin zur Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen gezeigt werden, steuert zu „Konkret mehr Raum“ eine komplex geplante und präzis ausgeführte Arbeit bei. Nur ganz wenige weitere Exponate kommen dem oft beschworenen, aber selten wirklich eingelösten Thema der Schau so nahe - einer zeitgenössischen Reflexion des Erbes der Konkreten Kunst. Kwades Plastik führt das Ideal der Konkreten Kunst im Sinn einer geschlossenen formalen Ordnung vor und nimmt es zugleich auseinander. Das ist bestens gemacht. Das Objekt „2te 4te Dimension“ belegt zudem, dass auch klein dimensionierte Werke gedanklich groß, wenn nicht gar umfassend sein können. Welch ein Glück, dass diese Arbeit im Glasgang des Felix-Nussbaum-Hauses auch noch wirkungsvoll platziert ist. (Hier weiterlesen: „Konkret mehr Raum“ - die Ausstellungskritik).

Licht und Schatten: Angela Glajcars „

Bei ihr ist der Bezug zu Friedrich Vordemberge-Gildewart ganz eng: Die an der Kunstakademie Nürnberg ausgebildete Angela Glajcar hat 2004 das Stipendium der Vordemberge-Gildewart-Stiftung erhalten. Ihre im Oberlichtsaal des Kulturgeschichtlichen Museums installierte Arbeit spielt direkt auf Verfahren der Konkreten und Seriellen Kunst an. Für ihre Plastik hat die Künstlerin 111 gleich große Papierbahnen in identischen Abständen gehängt und diese Papierbögen dann an- und aufgerissen. Auf diese Weise entsteht beides - ein plastischer Körper von klarer Außenkanten und zugleich eine zweite künstlerische Form, die von unten als Hohlraum sichtbar wird. Glajcar bringt so die Klarheit der Konkreten Kunst mit dem zerklüfteten Verlauf einer unregelmäßigen Form zusammen. Zugleich gelingt es ihr, mit dem gehängten Papierobjekt Massivität und Leichtigkeit zu verbinden und so den Oberlichtsaal mit einem einzigen Objekt wirkungsvoll zu dominieren. Glajcar hat bereits an anderen Orten wie Museen, Kirchen oder Abteien demonstriert, wie sensibel sie auf Raumumgebungen zu reagieren weiß. Schade nur, dass ihr Objekt in Osnabrück unter einem verspiegelten Oberlicht hängt. Wozu dieser Griff zur Überinszenierung? Der Spiegeleffekt ist schlicht überflüssig. Mit der Position über den Köpfen der Betrachter ist deren Untersicht definiert. Das hätte ausgereicht, um beeindruckende Wirkung zu erzeugen. Der Spiegel macht aus dem Oberlichtsaal eine Jahrmarktsbude. Schade. (Hier weiterlesen: „Konkret mehr Raum“ im Qualitätscheck - Folge 1) .

Fragwürdig: Diana Siriannis „Neubarock, Werkzyklus“

Manche Kunstwerke passen hervorragend zu den Zentralbegriffen der Theorie- und Katalogprosa, zu Begriffen wie „Rhizom“, „Dekonstruktion“ oder „Re-Vision“. Diana Siriannis schwebende, nein, explodierende Bildcollage „Neubarock“ ist so ein Werk. Das Problem: Werke der bildenden Kunst, gleich welchen Genres, müssen sich aus eigener Kraft behaupten können. Texte helfen da nicht weiter. Siriannis aufwendig gemachte, aber nicht wirklich überzeugende Rauminstallation weist an dem Punkt Probleme auf. Ihre gehängten Schnipsel einer römischen Architektur, der Capella Santa Croce Aldobrandini, fügen sich zu keiner überzeugenden Gesamtgestalt. Intention und Richtung dieser Arbeit bleiben unklar, der Bezug zum Libeskind-Bau des Felix-Nussbaum-Hauses bloße Behauptung. Diese Arbeit leistet keinen substanziellen Beitrag zu einem neuen Verständnis der Architektur, die hier den Kontext bildet. Eine Installation aus lauter Raumfetzen in einer Architektur der Schrägen und spitzen Winkel: Das ist auf einen Effekt berechnet, der leider oberflächlich bleibt (Hier weiterlesen: Die Podiumsdiskussion zu „Konkret mehr Raum“).

„Konkret mehr Raum“: Alles zum Kunstprojekt auf www.noz.de/kunsthalle