Rätselhaftes Osnabrück Was verbirgt sich hinter dem Osnabrücker Gotteshaus in der Arndtstraße?

Die katholisch-apostolische Kirche in der Osnabrücker Arndtstraße 28 Foto: Joachim DierksDie katholisch-apostolische Kirche in der Osnabrücker Arndtstraße 28 Foto: Joachim Dierks

Osnabrück. Kein Hinweisschild, keine Gottesdienstzeiten, kein Aushangkasten mit Gemeindeinformationen – mit keiner Silbe erfährt der Vorbeigehende, zu welchem Zweck das Gebäude in der Arndtstraße Nr. 28 steht. Aber wir sind der Frage einmal nachgegangen.

Wie ein Mauerblümchen inmitten Osnabrücks bunter Kirchenvielfalt kommt die katholisch-apostolische Kirche in der Arndtstraße Nr. 28 daher. So adrett und gepflegt sie auch ist, wird sie dennoch leicht übersehen, weil sie zurückgezogen von der Straßenflucht ihr bescheidenes Dasein fristet. Geradezu eingequetscht wirkt sie zwischen den sehr viel höheren Gründerzeit-Wohnhäusern zur Rechten und zur Linken.

 Einzig ein kleines Kreuz auf dem Dachfirst und ein bleiverglastes Rosettenfenster über dem Eingang, dem man Sonnenstrahlen als Motiv für eine Erweckungsbotschaft entnehmen könnte, weisen auf eine christlich-sakrale Nutzung hin. Eigentlich doch untypisch für eine Glaubensgemeinschaft, die von dem eigenen Weg überzeugt ist und auch andere dafür gewinnen will, die mit dem Missionsbefehl Jesu im Ohr hinaus in alle Welt gehen und die Frohe Botschaft verkünden sollte? Gerade von religiösen Splittergruppen ist man es sonst doch gewohnt, dass sie ihre Glaubensrichtung vehement auch nach außen vertreten?

„Wir missionieren nicht mehr“, stellt dazu das Gemeindemitglied Nicolai Strauch ebenso knapp wie eindeutig und abschließend fest, „wir haben gar nicht die Möglichkeit, neue Mitglieder aufzunehmen“.

Der Musikwissenschaftler mit deutsch-brasilianischen Wurzeln ist ausgebildeter Pianist und Organist und als solcher berufen, die sonntäglichen Gottesdienste musikalisch zu begleiten. Aber ansonsten hat er keine herausgehobene Funktion, er bezeichnet sich als „Laienhelfer“ wie einige andere der 20 bis 25 verbliebenen Mitglieder der „Restgemeinde“ auch.

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Sie ist in Osnabrück als eingetragener Verein organisiert, besitzt aber ansonsten keine Gemeindestruktur mehr. Es gibt schon lange keinen hauptamtlichen Priester und auch keinen „Unterdiakon“ mehr. Insofern ist auch niemand da, der verbindlich den katholisch-apostolischen Glauben erklären oder Neumitglieder aufnehmen könnte. Entsprechend zurückhaltend und vorsichtig ist Strauch mit allen Äußerungen zum Glaubensinhalt. Das Innere der Kirche darf er zwar zeigen, aber nicht fotografieren lassen. Schon gar nicht während des Gottesdienstes. So um die zehn Gläubige finden sich noch jeden Sonntag ein. Am Eingang hängt eine Tafel mit der Überschrift „Unsere Kranken“, darunter steht ein Name. Es fällt auf, wenn einer weniger da ist. Für ihn wird gebetet.

Die schöne, mit Schnitzerei verzierte Kanzel wird nicht mehr genutzt, seitdem in den 1950er-Jahren zuletzt ein ordinierter Geistlicher in der kleinen Kirche predigte. Seither treten in Gottesdiensten nur die Laienhelfer ans Lesepult und rezitieren alte Predigttexte. Das Abendmahl wird nicht mehr gefeiert. „Wir befinden uns im Zustand des ‚traurigen Fastens‘“, merkt Strauch dazu an, „aber wir haben nicht die Befugnis, aus eigener Kraft etwas daran zu ändern“. Alles, was man derzeit tun könne, sei, in festem Glauben und in rechter Lebensweise auf die Wiederkehr Jesu vorbereitet zu sein.

Die katholisch-apostolische Bewegung entstand um 1830 in England. „Katholisch“ bezeichnet nicht etwa eine besondere Nähe zur römisch-katholischen Kirche, sondern wird in der Ursprungsbedeutung als „allumfassend, universell“ verstanden. Ziel war die „Erweckung“ aller Christen und ihre Einstimmung auf die bevorstehende Wiederkunft Christi. „Apostolisch“ nennt sich die zur Kirche gewordene Bewegung, weil sie die urchristliche Kirchenordnung mit dem Apostelamt wiederhergestellt sehen möchte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählten katholisch-apostolische Gemeinden weltweit etwa 200.000 Mitglieder, davon in Deutschland rund 70.000 in 348 Gemeinden.

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Es war die Hochphase auch der Osnabrücker Gemeinde. Sie hatte genügend Geldmittel gesammelt, um 1890 nicht nur die Kirche, sondern auch das angrenzende Wohnhaus Arndtstraße 27 bauen zu können. Das Wohnhaus war für Amtsträger und später auch für einfache Kirchenmitglieder gedacht. Bis vor wenigen Monaten wohnte hier noch ein älteres Gemeindemitglied, inzwischen sind alle Räume kirchenunabhängig vermietet.

Eine größere Innen- und Außenrenovierung des Gotteshauses fand Anfang der 1970er-Jahre statt. Die Heizung wurde von Kohle auf Gas umgestellt, die nach den Bombenschäden im Krieg reparierte Dacheindeckung erneuert, der Kirchenraum neu ausgemalt und (1981) eine neue Orgel aus der Werkstatt Oberlinger eingebaut. Während der Bauphase fand die Gemeinde für ihre Gottesdienste Unterschlupf im damals zur Katharinenkirche gehörenden Lutherhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Wir leben in gutem Einvernehmen mit allen getauften Christen auf der ganzen Welt, weil wir Teil der einen Kirche Christi sind“, betont Strauch.


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