Sieben Schauplätze und 80 Akteure Ungewöhnliche Revue: „Couchzone“ in Rulle



Wallenhorst. Sieben Schauplätze und 80 Akteure, die mit theatralischen, erzählerischen, sportlichen, musikalischen und tänzerischen Mitteln Alltägliches und Besonderes des Ortes Rulle zu einer ungewöhnlichen Revue zusammenstrickten: So lässt sich die „Couchzone“ beschreiben, in die man dort am Wochenende eintauchen konnte.

„Kann ich vielleicht mal den Zucker haben?“, ruft ein vorlautes Mädchen quer über die Kaffeetafel. „Hol ihn Dir doch selbst“, schallt es pampig zurück. Da steigt es kurzerhand auf den Tisch und arbeitet sich auf allen vieren zum Zuckertopf vor. Empörter Zwischenruf: „Pass auf, das ist doch Oma sein Geschirr!“ Turbulent geht es zu, hier, hinter dem Supermarkt in Rulle. Selbstverständlich spielt sich die vergnügliche Familienfeier nicht in der Realität ab. Nein, sie ist Teil einer Ortsinszenierung, die Katrin Orth und Elisabeth Lumme in der kleinen Gemeinde realisiert haben.

Um in die Geheimnisse des Ortes im Schatten der Stadt Osnabrück eintauchen zu können, hatte Regisseurin Katrin Orth vom Musiktheater Lupe monatelang recherchiert, mit Bürgern gesprochen, Archive durchsucht. Außerdem warben die beiden künstlerischen Leiterinnen des Projekts bei den Bürgern fürs Mitmachen.

Wie sich herausstellte, kein Problem: Sportvereine, Feuerwehr, Ballettschule, Chor oder Privatperson, alle wollten dabei sein. So gelang es, Rulle mithilfe vieler Mitwirkender auf ungewöhnliche Weise zu charakterisieren.

„Wir werden uns jetzt zu drei sakralen und drei profanen Orten begeben“, sagt Andrea Otte zu den circa 20 Teilnehmern, die sich zur Gruppe „Blau“ zusammengeschlossen haben. Otte ist eine der Guides, die zu den verschiedenen Spielstätten führen. Mit dem Osnabrücker Weihbischof Johannes Wübbe wurde ihr ein prominenter Gast zugeteilt, der bestimmt besonders gespannt ist, was an den „heiligen Stätten“ passiert.

Doch zunächst wird es heiter: Die „Ruller Familie“, die sich hinter dem Supermarkt zu Kaffee und Kuchen trifft, ist eine heitere Persiflage. In der Feuerwache wird der junge Mann, der so gern zur Feuerwehr möchte, von Ballettmädchen überrascht, die aus dem Feuerwehrwagen springen. In der nächsten Station wird es experimentell: In der Ulrichskirche trifft Cellist Willem Schulz auf eine Tänzerin, die sich ausdrucksvoll mit der Wallfahrts- und Wundergeschichte von Rulle auseinandersetzt. Am Marienbrunnen singt der Johanneschor, begleitet vom Duo Wüstensand, griechische Verse aus einer orthodoxen Liturgie, und im Jugendbildungszentrum „Haus Maria Frieden“ erfährt man etwas über die missliche Situation der Ruller Bürger während des 30-jährigen Kriegs, derweil junge Judokas sich mit lautem Klatschen gegenseitig auf die Kampfmatten schleudern. Bevor die Besucher der „Couchzone“ sich zum gemeinsamen Ausklang und Austausch bei Bier, Wein und Grillgut wieder im Ruller Haus einfinden, werden sie im Postshop in die Vergangenheit zurückversetzt. Beispielsweise, als es nur ein Telefon im Ort gab und der Sparkassenchef Kontoüberweisungen ins Ausland an die Nazi-Administration melden musste, wenn er keinen Ärger bekommen wollte.

Mit einem Platzkonzert des Blasorchesters Georgsmarienhütte endet diese hintergründige bis witzige, auf jeden Fall sehr unterhaltsame Inszenierung, ein nicht immer ernst gemeintes, doch außergewöhnliches Loblied auf den Ort Rulle.


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