„Nur so erreicht man junge Leute“ Tödlicher Bahnstrom-Unfall: Feuerwehr erklärt Facebook-Appell

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Lebensgefährlich: Bahn-Oberleitungen führen Starkstrom. Wer ihnen zu nahe kommt, erleidet mit hoher Wahrscheinlichkeit lebensgefährliche Verletzungen. Foto: Archiv/Gert WestdörpLebensgefährlich: Bahn-Oberleitungen führen Starkstrom. Wer ihnen zu nahe kommt, erleidet mit hoher Wahrscheinlichkeit lebensgefährliche Verletzungen. Foto: Archiv/Gert Westdörp

Osnabrück. Am Samstag erlitt ein 18-jähriger Osnabrücker bei einem Bahnstrom-Unfall schwerste Verletzungen, an denen er schließlich starb. Einige Stunden nach dem Unglück veröffentlichte die Osnabrücker Feuerwehr einen emotionalen Appell auf Facebook. Nun erklärt Verfasser Jan Südmersen seinen Text.

Seit einigen Jahren betreut Südmersen die Facebook-Seite der Osnabrücker Feuerwehr – und wenn er in dieser Zeit eines gelernt hat, dann das: „Man erreicht die Leute eigentlich nur mit Emotionen.“

Am Samstagmorgen hatte Südmersen gerade angefangen, einen nüchternen Bericht über den Einsatz der Osnabrücker Feuerwehr auf den Bahngleisen in der Nähe der Bremer Brücke zu schreiben. In der Nacht von Freitag auf Samstag war dort ein 18-Jähriger auf einen Waggon geklettert, hatte aller Wahrscheinlichkeit nach die Oberleitung berührt und dabei einen Stromschlag mit einer Spannung von 15 000 Volt erlitten. Die Verletzungen waren so schwer, dass der junge Osnabrücker ihnen am Samstagnachmittag erlag.

„Bleibt verdammt noch mal von den Waggons weg“

Weil solche Unfälle immer wieder vorkommen und ausschließlich dem Leichtsinn der Opfer zuzuschreiben sind, entschied sich Feuerwehrmann Jan Südmersen, auf den nüchternen Ton zu verzichten und emotional zu werden.

Ein Auszug: „Wieder einmal eine Situation, deren Bilder, Geräusche und Gerüche den Zeugen und den Helfern lange, lange im Kopf bleiben werden [...]He, ihr da, die auf dem Weg nach Hause eine Abkürzung über die Gleise nehmt: Bleibt verdammt noch mal von den Waggons weg. Oder einfach komplett von den Gleisen. Ihr seid nicht besonders coole Socken, wenn ihr auf einem Waggon rumklettert, sondern ihr seid Toast!“

Südmersen selbst ist bei diesem Einsatz nicht dabeigewesen. „Ich habe mir aber von der Einsatzleiterin genau schildern lassen, wie es gewesen ist.“ Die grundsätzliche Situation ist ihm allerdings auch nicht fremd: Zweimal war er in der Vergangenheit selbst vor Ort, als junge Leute der Oberleitung zu nahe kamen und dadurch einen schweren Stromschlag erlitten. „Ich kann mich noch an einige Bilder erinnern, die sind mir im Kopf geblieben.“

Posting bezieht sich ausdrücklich auf alle Fälle der Vergangenheit

Genau wie vielen völlig Unbeteiligten fällt es auch Südmersen schwer, einen Unfall, der „so sinnlos und vermeidbar“ sei, einfach hinzunehmen. „Es spielt ja kein technischer Defekt oder eine Unachtsamkeit eine Rolle.“ Und wäre der junge Mann in den letzten Jahren nur ein bisschen aufmerksam gewesen, hätte er in den regionalen Medien ja mitbekommen müssen, wie gefährlich Bahnstrom ist.

Der aktuelle und leider tödliche Unfall sei aber eben nur der Auslöser für das emotionale Posting gewesen. „Der Text bezieht sich ausdrücklich auf alle Fälle der Vergangenheit – und auf alle hoffentlich zu verhindernden Fälle in der Zukunft.“

Riesige Resonanz bei Facebook

So emotional der Facebook-Eintrag klingt, so nüchtern sei er geschrieben worden. „Ein bisschen stumpft man mit den Jahren in diesem Beruf natürlich auch ab. Ich war bewegt, aber ehrlich gesagt nicht aufgewühlt.“

Südmersen gesteht schließlich zu, dass der Text aus der Sicht eines Angehörigen respektlos erscheinen mag. Aber es gebe nun mal ein öffentliches Interesse an dem Thema – und im Sinne der Prävention sei es einfach sinnvoll, den Unfall in dieser Art aufzuarbeiten. „Außerdem wollte ich die Feuerwehr aus ihrer Anonymität herausholen und zeigen: Hier arbeiten Menschen, die so etwas natürlich auch mitnimmt.“

Die Resonanz scheint Südmersen Recht zu geben: Der Text wurde bei Facebook 2000 Mal geteilt und bekam 4000 Likes.

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