60 Jahre Karmann Ghia (6) Zurück zum Kasinohotel: Wie fährt sich ein Karmann Ghia?

Von Frank Wiebrock


Osnabrück/Georgsmarienhütte. Ortstermin vor dem Kasino in Georgsmarienhütte. Es ist eine Rückkehr. Nicht an den Geburtsort, der je nach Perspektive bei Karmann in Osnabrück oder bei Ghia in Turin liegt. Aber an den Ort, an dem die Erfolgsgeschichte des Karmann Ghia mit der Presse-Vorstellung vor 60 Jahren am 14. Juli 1955 begann.

Wo sollte der neue Wagen vorgestellt werden? Die Wahl bei Karmann fiel auf das Kasino des Stahlwerks in Georgsmarienhütte. Die Gemeinde vor den Toren Osnabrücks war an diesem Donnerstag im Juli 1955 für einen kurzen Moment der Nabel der Automobilwelt. Hier hob sich der Vorhang über „einen der schönsten Wagen der Welt“, wie die Volkswagen-nahe „Gute Fahrt“ damals schrieb.

Gäste vom italienischen Chic begeistert

Auf der Bühne des großen Saals glänzt im Licht der Scheinwerfer ein gazellenbeiger Wagen mit betörenden Formen. Dahinter ist auf schwarzen Grund eine italienische Landschaft skizziert, den Treppenaufgang zum Wagen rahmen Grünpflanzen ein. Ein Moment Stille, dann brandet der Applaus der geladenen Gäste auf. Die Überraschung war Karmann gleich mehrfach gelungen: Kaum etwas war über das Projekt durchgesickert, Fotos des Sportcoupés tauchten erst nach der Präsentation im Kasinosaal auf. Und die Gäste waren vom italienischen Chic des VW-intern als „Typ 14“ bezeichneten Karmanns begeistert.

Einen Monat später lief die Produktion an, wenn auch zunächst mehr schlecht als recht. Alteingesessene Osnabrücker erinnern sich, wie die Rohkarossen in den ersten Jahren auf Hängern durch die Stadt von einem Karmannwerk zum anderen gefahren wurden. Der in Deutschland mal spöttisch, mal liebevoll als „Hausfrauen-Porsche“ und „Sekretärinnen-Ferrari“ titulierte „kleine“ Karmann wurde dennoch – oder gerade deswegen – ein Erfolg. Besonders in den USA, wohin rund 61 Prozent der Fahrzeuge exportiert wurden.

Der Glanz einer längst vergangenen Zeit

Auch rund 60 Jahre nach diesem Paukenschlag scheint beim Ortstermin des Spätheimkehrers am Kasino die Sonne. Die nahe gelegenen Hochöfen und das Erzlager sind längst Geschichte, Gasometer und Sinteranlage sind abgerissen. Das Kasino verbreitet aber immer noch ein wenig von seinem alten Glanz. Über dem Eingangsportal hängt der Schriftzug „Kasino Park“, auch wenn im vorderen Teil längst Firmen ihren Sitz gefunden haben. Gastronomie gibt es immer noch und auch den Saal, in dem einst der Ghia vorgestellt wurde und eine ganze Generation von Tanzschülern die ersten Schritte auf dem gebohnertem Parkett wagten.

Im Sonnenschein zeigt sich der regattablaue Karmann für den Fototermin von seiner Schokoladenseite. Links hat der Lack die Jahre nun mal besser überstanden als auf der rechten Seite. Technisch ist er inzwischen top: Optisch wurde aus dem Originallack herausgeholt, was möglich war. Im Innenraum wartet aber noch ein ganzes Stück Arbeit auf den Besitzer. Vorbeischlendernde Passanten lächeln, auch wenn sie vermutlich nicht wissen, dass hier die Ghia-Geschichte offiziell begann.

Und wie fährt sich so ein Karmann Ghia nun? Der Zündschlüssel ist ungewohnt klein, fast zierlich. Natürlich, hier muss weder eine Wegfahrsperre noch eine Zentralverriegelung vom Schlüssel angesteuert werden. Im Karmann sitzt man tief, deutlich tiefer als im Käfer. Trotz der knappen Höhe ist die Kopffreiheit zumindest für Menschen bis gut 180 Zentimeter auf den vorderen Sitzen kein Problem.

Zündung an, im Tachometer leuchten die altvertrauten roten Kontrollleuchten auf. Noch eine Stufe weiter, der luftgekühlte Vierzylinder-Boxer im Heck springt sofort an. Und verbreitet schon im Leerlauf den typischen, leicht sirrenden Käfer-Sound.

Eine Fahrt, die glücklich macht

Die Kupplung geht leicht, nur die Schaltung wirkt nach fast zwei Jahrzehnten Käferabstinenz etwas hakelig. Ob es am Auto oder am Fahrer liegt? Die Suche nach dem Rückwärtsgang ist erst nach mehreren Anläufen von Erfolg gekrönt.

Der erste Gang ist schneller gefunden, sauber beschleunig der Beau aus Osnabrück. Mit jeden Stundenkilometer steigt auch die Geräuschkulisse im Heck. Klar, der Karmann reißt keine Bäume aus, auch wenn er mit der 50 PS-Maschine über zehn Prozent mehr Leistung als bei seiner Auslieferung hat.

Aber er macht glücklich. Den Fahrer. Die Zuschauer. Und ganz besonders natürlich den Besitzer. Warum gibt es eigentlich einen „New Beetle“, aber keinen „New Karmann“? Verdient hätte es der Ghia allemal.

Wer den Spätheimkehrer sehen will: Im Automuseum Melle findet seit dem 12. Juli 2015 eine kleine Ausstellung mit Karmann-Fahrzeugen statt. Mit dabei: der regattablaue Karmann, der nach fast fünf Jahrzehnten unter der Sonne Kaliforniens nach Osnabrück zurückgefunden hat.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie.

Zum zweiten Teil.

Der dritte Teil.

Der vierte Teil

Der fünfte Teil