60 Jahre Karmann Ghia (5) Rückblick: 2009 endet die Osnabrücker Karmann-Geschichte


Osnabrück. Der regattablaue Karmann Ghia hat es geschafft: Der Reimport bleibt erhalten, als fahrendes Zeugnis einer langen Osnabrücker Automobiltradition. Den Hersteller, die Wilhelm Karmann GmbH, gibt es dagegen nicht mehr. Ihren Schriftzug an der Abluft-Anlage der Lackiererei hat inzwischen das Volkswagenlogo verdrängt.

Die Karmann-Geschichte beginnt 1901. Wilhelm Karmann senior übernimmt in Osnabrück den Wagenbaubetrieb von Christian Klages. Den Pferdekutschen folgen bald die ersten Karosserieaufbauten für Kraftwagen. Das Unternehmen wächst und spezialisiert sich zunehmend auf Cabriolets und Cabriolimousinen. Ein Aha-Erlebnis wird für Wilhelm Karmann eine Amerikareise im Jahr 1924. Hier lernt er moderne Produktionsverfahren kennen.

Spätestens jetzt erkennt Karmann, dass die in Deutschland noch weit verbreitete klassische Holzbauweise bald Geschichte sein dürfte. Und dass die Zukunft des Karosseriebaus in der Massenfertigung am Fließband liegt. In einer Broschüre von 1938 zum in Osnabrück produzierten Adler „Autobahnwagen“ Cabriolet ist dann immerhin schon von „fließender Fertigung“ die Rede. Die echte Fließbandproduktion begann bei Karmann aber wohl erst 1949. Da startete das Osnabrücker Unternehmen die über so viele Jahre erfolgreiche Zusammenarbeit mit Volkswagen.

Karmann wird zur Marke

Und im Zusammenspiel mit den Wolfsburgern gelang Wilhelm Karmann junior dann etwas, was nur wenigen Karosseriebauern glückte: Einige der Autos, die das Werk verlassen, tragen seinen Namen. Karmann wird zur Marke: Zwar wurde sowohl der „kleine“ Ghia (VW- internen Bezeichnung „Typ 14“) als auch der große Ghia (VW-intern „Typ 34“) über das Volkswagen-Händlernetz verkauft und gewartet, in der Wahrnehmung waren beide Autos aber „Karmänner.“

Dann gab es auch noch den Karmann Buggy, ein Spaßmobil, ebenfalls auf Käferplattform, das als Bausatz zu haben war. Und natürlich noch die Wohnmobile und den in Brasilien gefertigten Karmann TC.

So kurz die Liste der Fahrzeuge ist, die offiziell den Namen „Karmann“ tragen, so illuster ist die Reihe der Hersteller, die bei dem Osnabrücker Unternehmen produzieren ließen: Audi gehörte genauso dazu wie BMW, Chrysler, Ford, Kia, Mercedes, Opel, Porsche, Renault und natürlich VW. Der Porsche 914 lief ebenso vom Band wie Käfer- und Golf-Carbiolets, der Scirocco oder später der Corrado. Schon vor dem Krieg hatte unter anderem Adler bei Karmann produzieren lassen.

Selbst die Fans britischer Automarken kommen an dem Osnabrücker Karosseriebauer nicht vorbei. In der Hasestadt wurde das Design des legendären Triumph-Roadsters TR6 entwickelt. Und im brasilianischen Karmann-Werk setzten die Mitarbeiter zwischen 2002 und 2005 fast 2800 Land Rover Defender zusammen.

Die Krise für das Traditionsunternehmen begann spätestens 2007: Audi und Mercedes ließen ihre Cabrio-Produktion bei Karmann auslaufen. Die große Zeit für Karosseriebauer neigte sich dem Ende entgegen, viele Auftraggeber nahmen Fahrzeuge nun ausschließlich in die eigene Fertigung. Am 8. April 2009 meldete die Wilhelm Karmann GmbH Insolvenz an.

Das Ende des Karosseriebaus in Osnabrück bedeutete die Insolvenz allerdings nicht: Ende 2009 übernahm die Volkswagen AG das Werk, im März 2011 lief die Produktion in den jetzt der Volkswagen Osnabrück GmbH gehörenden Anlagen wieder an. Unter anderem laufen der Porsche Boxter und der Porsche Cayman in der Hasestadt vom Band.

Und der Markenname Karmann? Vielleicht lässt Volkswagen ihn ja irgendwann wieder auferstehen. Wie wäre es mit einem kleinen, schnittigen Sportcoupé à la Ghia?

Im letzten Teil der Serie kehren wir an den Ort der ersten Vorstellung des Ghia zurück.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie.

Zum zweiten Teil.

Der dritte Teil.

Der vierte Teil


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