Gute Besserung, liebes Zootier! Mit Tierarzt Thomas Scheibe im Osnabrücker Zoo


Osnabrück . Die Wolfswelpen sollen geimpft werden, der Nandu muss in die Transportkiste, ein Nasenbär frisst nichts, der Einsatz von Zootierarzt Thomas Scheibe ist gefragt. Seit sieben Jahren eilt er in seinem Elektro-Auto im Osnabrücker Zoo von Tier zu Tier, behandelt die Großen unter ihnen meistens im Stall, führt Operationen an kleinen Tieren in seiner Praxis im Zoo-Verwaltungsgebäude durch, wertet Laborproben aus und, und, und…

„Für fast 300 Tierarten hier im Zoo bin ich Zahnarzt, Gynäkologe, Internist und Chirurg gleichzeitig“, versucht Thomas Scheibe die Vielfalt seines Berufs in Worte zu fassen. Als Zootierarzt benötigt er ein breites Fachwissen, denn er muss sich auf viele verschiedene Tierarten einstellen. Auch Mut ist in seinem Beruf gefragt, kommt er doch manch einem Raubtier bei der Behandlung sehr nah.

Jeden Morgen um halb acht begibt sich Thomas Scheibe zusammen mit dem Zoodirektor oder dem Zooinspektor und den wissenschaftlichen Mitarbeitern auf die Kontrollrunde durch den gesamten Zoo. Dabei begutachtet er nicht nur die Tiere, sondern schaut auch in die Revierbücher der Tierpfleger, die darin Auffälligkeiten ihrer Schützlinge notieren oder auch Hinweise auf einen fehlenden Futterzusatz geben.

Unterwegs mit dem Elektrowagen

Gegen halb elf ist es dann Zeit für die Behandlungsrunde. Der Zootierarzt verstaut seinen Behandlungskoffer auf der Ablage und schwingt sich auf den Sitz. Auf geht’s, im Elektro-Wagen zuerst zu den akuten Fällen. Kameldame Ayla leidet an Durchfall. Die bisherige Therapie ergänzt Thomas Scheibe nun durch ein Antibiotikum. Dieses lässt sich das Kamel nicht in Tablettenform auf der Zunge zergehen, sondern es muss gespritzt werden. Eine heruntergeschluckte Antibiotika-Tablette würde dem Pansen (Vormagen bei Wiederkäuern) des Kamels schaden, die darin natürlich vorkommenden und nützlichen Bakterienkulturen zerstören. „Ich spritze das Antibiotikum mit dem Blasrohr, denn wenn ich ein Kamel mit der Nadel piksen würde, würde es sich wehren. Kamele können nach allen Seiten austreten“, erklärt der Tierarzt.

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Immer ist bei den Behandlungen auch der zuständige Tierpfleger dabei, zum einen aus Sicherheitsgründen, zum anderen weil die Pfleger „ihre“ Tiere so gut kennen, dass sie ihr Verhalten am schnellsten deuten können. Bären seien zum Beispiel sehr schwer einzuschätzen, da sie keine Mimik hätten. Damit die Nadel auch wirklich durch die dicke Haut- und Muskelschicht des Kamels dringt, wird ein Blasrohr mit Treibhilfe benutzt. Zum Bedienen dieses Narkosegewehrs, das eine Aufprallenergie von 20 Kilojoule hat, benötigt der Arzt einen Sachkundenachweis. Regelmäßig üben der Arzt und andere Zoomitarbeiter die diesen Nachweis haben, das Schießen und vor allem Treffen mit dem Blasrohr und anderen Teleinjektionsgeräten. Als Zielobjekt muss Plüsch-Nilpferd Hippo herhalten. Thomas Scheibe zielt: „Beim Kamel entweder auf den Oberschenkel oder den Schulterbereich, da, wo viele Muskeln sitzen.“ Zack, die Nadel sitzt. Revierleiterin Tanja Boss entfernt sie nach kurzer Zeit wieder. Aylas Behandlung ist abgeschlossen.

„Ich bin bei allen Tieren sehr unbeliebt“

Nebenan haben die Alpakas schon die Anwesenheit des Tierarztes gewittert und werden nervös. „Ich bin hier bei allen Tieren sehr unbeliebt“, meint Thomas Scheibe schmunzelnd. Die Tiere verbinden mit ihm eben Pikser und bittere Medizin. „Dominga hat Probleme mit ihren Ohren. Sie schüttelt sich häufig“, beobachtete Tanja Boss. Der Arzt untersucht das Alpaka mit allen Sinnen. Er leuchtet mit der Taschenlampe ins Ohr, steckt danach den Finger in den Gehörgang, tastet und nimmt eine Geruchsprobe. „Entzündung mit Ohrmilben“, diagnostiziert er und notiert, welche Medizin er für Dominga aus der Zoo-Apotheke heraussuchen muss.

Noch vor der Mittagspause rufen die Wellensittiche. Es ist Frühling und somit Brutsaison der Vögel. „Die Hennen streiten sich jetzt um die Brutkästen und verletzen sich schon mal dabei“, erklärt Tierpflegerin Anja Unger und ergänzt: „Sind die Wellensittiche krank, verlieren sie ein wenig an Farbe.“ Immer mal wieder vermittelt der Zoo auch Sittiche in Privathände. Nun ist Fingerfertigkeit gefragt. Thomas Scheibe greift die zierlichen Vögel vorsichtig, um Wunden zu desinfizieren. „Dieser hier muss ein Medikament gegen Schnabelräude bekommen“, richtet sich der Arzt an die Tierpflegerin. Die letzte Diagnose vor der wohlverdienten Essenspause.

Hunger hat auch die große Seychellen-Riesenschildkröte. Gemächlich mampft sie, mit ihren 110 Jahren auf dem buckligen Panzer, Salatblätter im Reptilienhaus. Damit der Tierarzt ihren Panzer von unten mit Jod einsprühen kann, wendet Revierleiter Stefan Bramkamp einen Trick an. Er krault die urige Schildkröte am Hals, dabei streckt sie ihre Beine und hebt ihren Bauch vom Boden.

„So, die Behandlungsrunde ist für heute abgeschlossen“, sagt Thomas Scheibe, der die folgenden ein, zwei Arbeitsstunden für gesonderte Aktionen wie das Umsetzen von Tieren oder Prophylaxe wie Impfungen in seinem Arbeitsablauf einplant. Genau planbar ist sein Ablauf allerdings nicht, denn immer wieder kommen Ereignisse dazwischen. Ein Anruf von außerhalb: Einem Osnabrücker Landwirt sind zwei Rinder ausgebüxt. Ob der Tierarzt mit dem Blasrohr helfen könne, der Lage Herr zu werden.

Viele traurige Momente im Beruf

Und dann wartet noch die Schreibtischarbeit auf den Zootierarzt. Behandlungen müssen dokumentiert, nationale und internationale Tiertransfers geregelt, Laboruntersuchungen ausgewertet und Managementpläne erstellt werden. Aus pathologischen Befunden verstorbener Tiere ziehen Experten Schlüsse über die Krankheits- und Todesursachen. Beim im stolzen Alter von 39 Jahren im Januar eingeschläferten Nashorn Hans-Franz zeigte erst der Befund aus der Pathologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover, dass der Bulle neben Hautproblemen und Arthrose durch ein zusammengebrochenes Immunsystem auch einen Lungeninfekt hatte. „Als er nach tagelangem schweren Laufen letztendlich gar nicht mehr allein aufstehen konnte, war klar, dass die Altersbeschwerden zu stark und das Immunsystem zu angegriffen war“, erinnert sich Thomas Scheibe, der Hans-Franz durch eine Narkose für immer einschlafen ließ.

Das seien die traurigen Momente seines Berufs, für den er sich nach einer Zootierpfleger-Ausbildung in Rheine entschied. Thomas Scheibe holte das Abitur nach, um Tiermedizin in Berlin zu studieren. Danach arbeitete er unter anderem in einer Tierklinik in Neubrandenburg, bevor er über vier Jahre im Osnabrücker Zoo die Weiterbildung zum Fachtierarzt machte. Seine Sternstunden als Zootierarzt seien die Tiergeburten und wenn er Tiere mit einer zuvor schlechten Prognose nach einer Operation
wieder auf gutem Weg zur Besserung entlassen könne.


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