60 Jahre Karmann Ghia (2) Ein Karmann Ghia kommt zurück auf die Osnabrücker Straßen


Osnabrück. Original-Lackierung, ungeschweißt. Und „unverbastelt“: Anfang 2014 kehrt ein Karmann Ghia aus den USA in seine Heimatstadt Osnabrück zurück.

Ein blauer Karmann, mit Original-Lackierung, ungeschweißt. Und „unverbastelt.“ Was da Anfang 2014 in Göttingen aus dem Übersee-Container gerollt wurde, war trotz der Beschreibung eher in einem „erbärmlichen Zustand“, räumt auch der heutige Besitzer ein. Inzwischen ist der regattablaue Karmann Ghia wieder zurück auf den Straßen seiner Heimatstadt Osnabrück.

Unverbastelt? Das bedeutet bei einem fast 50 Jahre alten Auto fast immer zwei Dinge: Der Wagen ist vermutlich von Hobbyreparaturen und Showroom-Restaurationen (Spachteln, schleifen, lackieren – wer jemals „Pimp My Ride“ auf MTV gesehen hat, weiß, was man Autos antun kann) verschont geblieben. Soweit die gute Nachricht. Die schlechte: Auf den neuen Besitzer wartet ganz sicher Arbeit. Viel Arbeit. Denn ein so langes Autoleben hat Spuren am Fahrzeug hinterlassen.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie.

Es gibt verschiedene Auffassung zum Thema Restaurieren: Die einen wollen am Ende ein Auto im Neuzustand, so, als wäre es gerade aus dem Laden gekommen. Anderen dagegen ist es wichtiger, möglichst viel von der originalen Substanz zu bewahren. Der Besitzer des regattablauen Karmann gehört ganz eindeutig zu den letzteren. Originallack? Ungeschweißt? Schon deshalb konnte er dem blauen Reimport aus den USA trotz Staubschicht, verwohntem Innenraum, plattgestandenen Reifen und etlichen Dellen und Macken nicht widerstehen. Schließlich waren Unterboden und der oft gammelnde Vorderwagen tatsächlich nicht nur unverbastelt, sondern sogar außergewöhnlich gut erhalten. Ein Autoleben in Kalifornien, dem „goldenen Staat“, hat wohl auch Vorteile.

Spur verliert sich zunächst im Dunkeln

Die Geschichte dieses Karmanns beginnt – natürlich – in Osnabrück: Am 21. Mai 1968 läuft er in der Hasestadt vom Band, am 23. Mai 1968 wird er ausgeliefert. Bestimmungsland: USA. Die Export-Version ist schon äußerlich leicht an den unter Fans begehrten größeren Stoßstangen und den weniger begehrten roten Reflektoren an den hinteren Kotflügeln zu erkennen. Auch sonst weicht die Ausstattung deutlich von den Modellen für den heimischen Markt ab: Beckengurte, Meilentachometer, Sealed Beam-Scheinwerfer, Warnblinkanlage, aber dafür keine Lichthupe, Windschutzscheibe mit Verbundglas und serienmäßige Rückfahrscheinwerfer. Die Farbe: Regattablau, Farbcode: L50 F.

Aufgrund der amerikanischen Zulassungsbestimmungen verliert sich die Spur des Karmanns nach der Auslieferung zunächst im Dunkeln. Vermutlich war er in Kalifornien zugelassen. Das mitgelieferte „Certificate of Title“ ist zwar so etwas wie der Fahrzeugbrief, die Zahl der Vorbesitzer ist dem Dokument allerdings eben so wenig zu entnehmen wie der Tag der ersten Zulassung. Dafür aber der Name des letzten Besitzers, ein gewisser William Jay Lowery in Sacramento, der kalifornischen Hauptstadt. Dort wurde der Wagen im Jahr 2000 mit gut 83.000 Meilen auf dem Tacho stillgelegt, bevor er dann zwölf Jahre später über ein Online-Portal angeboten wird und schließlich über Göttingen nach Osnabrück gelangt.

Der 68er Karmann hat noch weitere Pluspunkte: Die Scheinwerfer rutschen Anfang der 1960er Jahre etwas nach oben, die Lüftungsschlitze im Bug werden größer, die Vorderachse bekommt Scheibenbremsen, während es hinten noch bei relativ kleinen, eleganten Rückleuchten und den zierlichen Blinkern bleibt. Für viele sind diese Ghia die optisch und technisch gefälligsten. Im Heck wuchtet ab 1966 der 1500er-Motor aus dem Transporter immerhin 44 PS auf die Hinterräder, und seit 1967 sind 12 Volt auch beim Ghia Standard.

Voller guter Anlagen, aber im arg mitgenommen Zustand wird der Ghia im März 2014 in die Werkstatt von Thomas Peterwerth an der Osnabrücker Liebigstraße geschoben. In den kommenden Wochen werden im Cassic-Carré der Motor gegen ein 50 PS-Aggregat ausgetauscht, Technik, Fahrwerk und vor allem die Bremsen überholt, Automatikgurte eingebaut, die in Deutschland so nicht zulassungsfähigen Sealed Beam-Scheinwerfer gegen StVO-konforme Exemplare getauscht. Und noch eine kleine Detailverbesserung wird moniert: eine Abschlepp-Öse. Man kann ja nie wissen …

Im Juli 2014 ist es dann so weit: Der TÜV hat das Fahrzeug nach gründlicher Prüfung abgenommen. Auch die letzte Hürde, die „Begutachtung für die Einstufung als Oldtimer“ für die Erteilung eines H-Kennzeichens ist trotz einiger kritischer Blicke des Prüfers in den noch nicht hergerichteten Innenraum genommen. 14 Jahre nach der Stilllegung in den USA kann der Karmann zurück auf die Straßen seiner Heimatstadt - und alle weiteren Stationen unter die eignen Räder nehmen.

Im nächsten Teil unserer Serie begleiten wird den Karmann Ghia zur Lackaufbereitung.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie.


Das Automuseum Melle plant ab dem 12. Juli 2015 eine kleine Ausstellung mit Karmann-Fahrzeugen. Mit dabei: der regattablaue Karmann, der nach fast fünf Jahrzehnten unter der Sonne Kaliforniens nach Osnabrück zurückgekehrt ist.

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