Stonehenge im Osnabrücker Land Stadt- und Kreisarchäologie feiert 40. Geburtstag

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Osnabrück. „Woher kommen wir?“ Diese Frage steht für Bodo Zehm immer noch wie eine Überschrift über seiner Arbeit. Seit 1982 arbeitet er bei der Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück, die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen mit vielen Aktionen feiert. Ein Projekt führt zu magischen Orten in Stadt und Land, unter denen sich auch Zehms persönliches Stonehenge befindet.

Als Quereinsteiger ist Bodo Zehm vor 33 Jahren zu Stadtarchäologie gekommen. Damals studierte er Erziehungs- und Medienwissenschaften an der Osnabrücker Universität und arbeitete als Museums-Pädagoge. „Ich wollte noch Archäologie studieren, aber mein Vorgänger Wolfgang Schlüter meinte: Lassen sie mal, das kriegen wir auch so hin“, erzählt Zehm mit trockenem Humor. 2002 übernahm er die Leitung der Stadt- und Kreisarchäologie von Schlüter.

Hinterlassenschaften sind Alltag

Die Hinterlassenschaften unserer Vorfahren sind der Alltag von Bodo Zehm und seinen Mitarbeitern Axel Friederichs, Wolfgang Remme Georges Tarek und der stellvertretenden Leiterin Ulrike Haug. Doch nicht im Boden zu graben und die Hinterlassenschaften unserer Vorfahren ans Tageslicht zu holen ist, wie auf dem ersten Blick zu vermuten wäre, das Kerngeschäft der Archäologen.

Funde im Boden erhalten

Ihr vornehmliches Ziel ist es, Funde im Boden zu erhalten, zu erfassen und zu dokumentieren – so wie jüngst die Skelette aus einem Friedhof, die bei den Bauten auf dem Osnabrücker Neumarkt gefunden wurden. „Das war ein Zufallsfund“, so Zehm. Spektakulär sei er auch nicht gewesen. Dieses Attribut trifft auf die Funde zu, die auf dem Gelände der Varusschlacht bei Kalkriese gefunden wurden. Sie sind wohl das Spektakulärste, was aus dem Boden des Osnabrücker Lands gegraben wurde, so Zehm. Er leitete damals die ersten Ausgrabungen.

Schnippenburg ist sein Stonehenge

Sein persönliches Stonehenge liegt jedoch nicht in Kalkriese, sondern bei Ostercappeln: die Schnippenburg. Davon sind lediglich Konturen in einem Waldstück zu sehen, die auf eine Burg deuten. Zehm selbst hat dort nicht gegraben, aber 1999 einem Sondengänger den Tipp gegeben, mal in dem Gebiet zu forschen. Und der kam mit reichlich Material zurück. „Es stellte sich heraus, dass es ein kultischer Ort war, der in Verbindung mit der keltischen Kultur steht“, so Zehm. Ironischerweise hat er 1983 eine wissenschaftliche Arbeit über die Schnippenburg verfasst. Dass es der spektakulärste Fund in seiner Amtszeit sein werde, konnte er damals nicht ahnen.

Wenn Zehm von der Schnippenburg erzählt, strahlt er übers ganze Gesicht. Und das, obwohl er wohl nie dort graben wird. „Solange solche Funde im Boden bleiben, werden sie nicht aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen“, erklärt Zehm. Es juckt ihm zwar in den Fingern, er gibt freimütig zu: „Klar, will ich wissen, was da dran ist.“ Aber die Geduld, den Fund für die Nachwelt zu erhalten, ist größer als die Neugierde. „Wir halten die Hand drauf“, sagt Zehm. Forschergenerationen nach ihm sollen die Möglichkeit erhalten, solche wertvollen Funde unbeschädigt aus dem Boden zu holen, sodass sie nicht aus dem historischen Kontext gerissen werden. Zehm und seine Kollegen hoffen darauf, dass die technischen Möglichkeiten es irgendwann zulassen, solche Artefakte in Gänze der Forschung zukommen zu lassen. So können sie auch besser über historische Vorgänge erzählen.

Interesse an Umbrüchen

Für Bodo Zehm lassen sich Fragen über die Entwicklung der Menschheit und die Lebensweise der Menschen in der Vergangenheit am besten beantworten, wenn archäologische Schätze zerstörungsfrei aus dem Boden gehoben werden. „Die Frage, wie Umbrüche, zum Beispiel die Wandlung des Menschen vom Jäger zum Sammler entstanden sind, interessiert mich sehr“, sagt Zehm. Ob solche Vorgänge Revolutionen oder langsame Prozesse waren, sei schwer zu beantworten, da es wenig archäologische Funde dazu gebe, sagt er weiter. Auch bei der Schnippenburg könnten die Fragen, die sich durch den Fund ergeben, erst beantwortet werden, wenn sie betrachtet werden kann. Doch neben der Technik fehle es auch an Geld, sagt Zehm bedauernd.

Schätze zum Anfassen

Aber nicht alle Funde bleiben im Boden. Viele archäologische Schätze können auch in der Osnabrücker Region betrachtet, berührt oder bestiegen werden. Die Schnippenburg gehört zu den „Magischen Orten“. So nennt sich ein Projekt der Stadt- und Kreisarchäologie, das anlässlich des 40-jährigen Jubiläums aus der Taufe gehoben wurde. Mit einer App können nun neun archäologisch interessante Orte in der Osnabrücker Region erkundet werden. Sie stammen aus Zeiten, die bis zu 5500 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht. Vor Ort sind sie mit weißen Pyramiden gekennzeichnet. Die App zu den magischen Orten und weitere Infos dazu gibt es unter www.magischeorte.eu .

Zu den magischen Orten zählen unter anderen ein Großsteingrab am Schölerberg oder der Piesberg in Osnabrück. Sie dienten den Menschen in früheren Zeiten als Orientierungspunkte, erklärt Zehm. Die Wittekindsburg in Rulle ist ebenfalls ein magischer Ort. Genauso wie die Teufelssteine in Vehrte, der Steingräberweg Giersfeld in Wetserholte, der Wacholderhain Plaggenschale in Merzen oder die Kirchenburg in Ankum . „Wir wollen den Leuten nahe bringen, dass es viele solcher Orte in Osnabrück und der Region gibt“, sagt Bodo Zehm. „Dass diese Orte ,magisch‘ genannt werden, liegt daran, dass sie in der Geschichte immer wieder eine Rolle gespielt haben“, erklärt Projekt-Leiterin Judith Franzen.

Aktion lebendig geworden

Durch die App werde die Aktion lebendig, so Franzen. Darauf können Hörspiele, Filme und Tipps für Aktivitäten zu den jeweiligen Orten angesehen werden. „Es ist auch interessant, was die Menschen über diese Orte dachten, als viele noch nicht lesen und schreiben konnten“, sagt Franzen. Zum Teil seien das sehr bizarre Geschichten, ergänzt Zehm. Die Besucher der magischen Orte können aber auch selbst aktiv werden und ihre eigenen Filme hochladen.


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