Harro Lehmann verabschiedet Ein Leben für das Rudern am Osnabrücker Ratsgymnasium

Nach 44 Jahren im Dienst des Ruderns darf sich Harro Lehmann auch mal eine Auszeit im Liegestuhl gönnen. Foto: David EbenerNach 44 Jahren im Dienst des Ruderns darf sich Harro Lehmann auch mal eine Auszeit im Liegestuhl gönnen. Foto: David Ebener

Osnabrück. Mittlerweile kennt er wohl jeden Liter des Kanalwassers zwischen Haster und Hollager Schleuse persönlich. 44 Jahre leitete Harro Lehmann das Schülerrudern am Ratsgymnasium. Jetzt wurde er mit einem großen Bootshausfest in den Ruhestand verabschiedet. Eine vielköpfige Gemeinde von aktiven und ehemaligen Ruderern, Eltern und Lehrerkollegen war Zeuge, als Olympiasieger und Bundestrainer Ralf Holtmeyer einen neuen Achter auf den Namen „Harro“ taufte.

Für Lehmann war es ein Abschied nach Maß. Unterricht fand nicht statt, die ganze Schulgemeinschaft war am Freitag an den Kanal gezogen , um ein Sportfest am und auf dem Wasser zu begehen. Die Schülerruderriege, die unter Lehmanns Ägide von 50 auf mehr als 150 Mitglieder anwuchs, zeigte ihr Können, während alle Schüler Gelegenheit hatten, sich auf den Ergometern oder in den Drachenbooten auszutoben.

Von den 95 Jahren Rudern am Rats hat Lehmann mehr als die Hälfte mitgestaltet, wenn man seine Zeit als Schüler mitrechnet. 1962 stieg er als Fünftklässler erstmals ins Boot. Nach dem Abitur studierte er aufs Lehramt, ließ sich aber noch als Student ab 1971 für das Amt des Protektors der Ruderriege einspannen. Die erste Lehrerstelle bekam er nicht am Ratsgymnasium. Was den damaligen Schulleiter Tscharntke veranlasste, alle Hebel in Bewegung zu setzen, den im besten Sinne vom Rudern Besessenen zurück zu holen. Das gelang 1980. Seitdem unterrichtet Lehmann vormittags Mathematik, Englisch, Sport und Geschichte, „und nachmittags ist er am Kanal“, wie Schulleiter Lothar Wehleit es kurz und treffend ausdrückte.

Tausende von Schülern hat Lehmann für den Rudersport begeistert und dabei ohne Absicht auch ungezählte „Ruderehen“ gestiftet. Wehleit dankte ihm, der „ein Leben in den Dienst der Ruderei am Rats“ gestellt habe, für die Impulse, die er so vielen jungen Menschen mit auf den Lebensweg gegeben habe. Nachhaltiger als der Aufbau von Muskelpaketen sei zweifelsohne, dass sie von ihm Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit und Verantwortungsgefühl vermittelt bekamen.

Zwei ehemalige Rats-Ruderer, die heute führende Positionen im Deutschen Ruderverband (DRV) einnehmen, übernahmen die Taufe neuer Boote. Der zweite DRV-Vorsitzende Moritz Petri enthüllte am Gig-Doppel-Vierer den Namen „San Francisco“, womit Lehmanns Pionierarbeit in der Austauschpartnerschaft mit kalifornischen Clubs gewürdigt wurde. DRV-Justiziar Stefan Felsner bekannte: „Harro, du hast mich rudernd durch meine Schulzeit geführt.“ Lehmann sei auch für die markigen Rituale zu danken, die er eingeführt habe, so etwa die traditionsreiche Zubereitung von „arabischem Reiterfleisch“ auf jeder Ruderwanderfahrt. Die Feinabschmeckung mit unbekannten Gewürzen habe Lehmann sich nie aus der Hand nehmen lassen. Dazu passend taufte Felsner ein neues Einer-Boot auf den Namen „Spicy“ (würzig).

Unter den Klängen der Schülerkapelle steuerte der Nachmittag im Bootshafen dann seinem Höhepunkt zu: Bundestrainer Ralf Holtmeyer, der den Deutschland-Achter zweimal zu Olympia-Gold führte, taufte einen Achter als neues Flaggschiff der Rats-Flotte auf den Namen „Harro“. „Der Name ist mir sehr geläufig. Ich habe zwar am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium gerudert, aber Harro und ich sind seit 1970 Freunde“, sagte der 2012 zum „Trainer des Jahres“ gekürte Holtmeyer. Dem aktuellen Rats-Achter ermöglichte Holtmeyer kürzlich ein gemeinsames Training mit dem Deutschland-Achter im Ruderleistungszentrum Dortmund . „Ich kann mir eine dauerhafte Verbindung unserer Mannschaften sehr gut vorstellen“, sagte Holtmeyer, „es ist für meine Athleten wichtig, sich immer mal wieder umzuschauen, wo sie herkommen.“


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