„Guerilla-Marketing“ in Osnabrück Sticker und Klappstühle: Was darf Werbung in der Stadt?

Von David Hausfeld


Osnabrück. Beim gemütlichen Schlendern durch die Stadt buhlen sie um unsere Aufmerksamkeit: Plakate, Reklametafeln, Leuchtschriften, Aufkleber und Flyer. Das urbane Leben ist geprägt durch Werbung in allen Formen und Farben mit immer dem gleichen Tenor: Beachte mich! Besuche mich! Kaufe mich! Doch nicht alle Werbeaktionen, egal ob von Konzertveranstalter, Kaufhaus oder gemeinnütziger Organisation, sind im öffentlichen Raum legal. Manchmal sind sie sogar ein echtes Ärgernis.

Ein Luftballon liegt schlapp auf dem Boden, daran ein Zettel mit einem kurzen Text. „Ein Luftballon-Wettbewerb“, denkt sich womöglich der aufgeregte Finder. Wer hat den Ballon geschickt? Möglicherweise ein kleiner Junge aus Münster, oder gar von noch weiter, der holländischen Grenze vielleicht? Wahrscheinlich hat er auf dem Pfarrfest seines Heimatdorfes eine Postkarte mit seinen Kontaktdaten ausgefüllt, sie an einen Heliumballon geknotet und zusammen mit den Ballons der anderen Dorfkinder in luftige Weiten geschickt. Jetzt wartet er sehnsüchtig auf die Nachricht eines Finders, die ihm bestätigt: „Dein Ballon ist am weitesten geflogen“, was ihn zum Gewinner eines Kinogutscheins oder Modellbausatzes macht.

Beim Betrachten des Zettels setzt Enttäuschung und vielleicht auch ein bisschen Ärger ein. „Wenn Sie uns heute anrufen, könnte ihr Glückstag sein!“, steht auf dem Papier, darüber prangt der Name einer Osnabrücker Firma für Reinigungsgeräte und eine Telefonnummer ist auch zu sehen. Bei Anruf jener Nummer erklärt eine Mitarbeiterin der Firma, dass der Fund die Teilnahme an einer Verlosung ermöglicht, dessen Gewinn eine Reinigungsvorführung darstellt.

Marketing-Partisanen im öffentlichen Raum

„Guerilla-Marketing“ lautet der Fachbegriff für derlei Werbeaktionen, die mit ungewöhnlichen Maßnahmen die Aufmerksamkeit potenzieller Kunden erhaschen wollen. Abgeleitet wird der Begriff vom Guerillakrieg. Eine besondere Art der Kriegsführung, bei der paramilitärische Einheiten, die sogenannten Guerilla, mit untypischen Taktiken einen Kleinkrieg führen. Doch nicht immer sind diese Reklametaktiken so irreführend wie diese Luftballonaktion.

Sticker auf Ampel- oder Laternenpfählen und Verkehrsschildern zieren das Stadtbild ebenso wie Plakate an den Wänden leer stehender Häuser oder auf Stromkästen. Der gesamte öffentliche Raum wird zum Ziel der Marketing-Partisanen, zu denen auch große Firmen gehören. Im November beklebten Auszubildende der Ameos-Kliniken zahlreiche Mülleimer in der Innenstadt mit Protest-Aufklebern – zur großen Verärgerung der Stadt Osnabrück. 2007 stellte die schwedische Möbelkette IKEA 60 Klappstühle zum Mitnehmen in die Fußgängerzone. Auch eine solche Marketingmaßnahme bewegt sich bestenfalls am Rande der Legalität.

Gemeingebrauch oder Sondernutzung?

Die IKEA-Aktion hätte einer Genehmigung zur Sondernutzung auf öffentlichen Straßen und Plätzen bedurft, erklärt Sandra Solf, Leiterin des Fachbereiches Bürger und Ordnung. Sie fand jedoch nicht „an der Stätte der eigenen Leistung“, also nicht unmittelbar vor dem eigenen Ladenlokal, statt und wäre deshalb schon damals nicht genehmigt worden. Selbst an der eigenen Leistungsstätte werden solche Aktionen nur in geringem Umfang zugelassen. Größere Aktionen bedürfen eines besonderen Anlasses, etwa einer Neueröffnung oder eines Jubiläums, sagt Solf.

Sogar das Verteilen von Gutscheinen vor dem eigenen Ladenlokal kann untersagt werden, denn der Wert eines Gutscheins darf nicht oder nur geringfügig an einen finanziellen Gegenwert gebunden sein. Liegt ein geldwerter Vorteil vor („5 Euro Rabatt, wenn...“), bedarf es einen besonderen Anlass. Beim Verteilen von Werbeartikeln im öffentlichen Raum werde laut Solf zwischen Gemeingebrauch und wirtschaftlichem Marktwert unterschieden. Ein Flyer oder auch Luftballons, der einer Person in die Hand gedrückt werden, können zum Gemeingebrauch zählen und dürfen in geringer Menge verteilt werden. Limonaden-Dosen dürfen dies aufgrund des wirtschaftlichen Marktwertes unter Umständen nicht.

Von der Ordnungswidrigkeit bis zur Straftat – der Einzelfall entscheidet

Beim bloßen Ablegen der Ballons kann hingegen eine Ordnungswidrigkeit in Betracht gezogen werden, sollte eine abfallrechtliche Komponente hinzukommen. Auch das Bekleben von öffentlichem Eigentum mit Stickern und Plakaten kann als Ordnungswidrigkeit und je nach Sachverhalt auch als Sachbeschädigung und damit als Straftat geahndet werden. Der Einzelfall ist entscheidend. Da in vielen Fällen die Verursacher jedoch nicht ermittelt werden können, bleibt die zeit- und kostenintensive Entfernung an der Stadtreinigung hängen.