3500 Einäscherungen im Jahr Respekt ist oberste Pflicht im Osnabrücker Krematorium

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Osnabrück. Es gibt einige Vorurteile hinsichtlich der Arbeit in Krematorien. So denken manche, dass die Asche verschiedener Verstorbener während des Verbrennungsprozesses vermischt wird oder dass bei allen Menschen immer gleich viel Asche anfällt. Andrew McCulloch weiß, dass das nicht stimmt. Auch deshalb lädt der technische Leiter des Krematoriums gern ein zum Blick in die Betriebsabläufe.

Erstaunen beim ersten Schritt um die Ecke: In der Verbrennungshalle ist es bunt. Zwischen all der Technik und den Schalttafeln sind einige Wandelemente himbeerrot gepinselt, andere petrolgrün. Die Atmosphäre hier ist aber ruhig und bedächtig. Denn Genauigkeit ist gefragt, wo die Verstorbenen mit ihren Särgen den Flammen übergeben werden: Nichts darf hier verwechselt werden oder durcheinander kommen.

Deshalb liegt auf dem Schreibtisch rechts neben der Eingangstür ein großes Buch, in das die Verstorbenen mit Namen und einer eigens zugeordneten Nummer eingetragen werden. Diese Nummern stehen auch auf kleinen Papierkarten, sind eingestanzt in Metalldeckel und eingestempelt in Schamottesteine. Das alles hat seine Funktion im Ablauf der Einäscherung. So wird mit dem jeweiligen Metalldeckel später die Urne verschlossen, in die die Asche des Verstorbenen samt Schamottestein hineingegeben wurde. Die Karte geht dann zur Computererfassung, die zusätzlich zu dem handschriftlichen Buch geführt wird.

Arbeit in zwei Schichten

Die Mitarbeiter des Krematoriums mögen dieses Buch. „Es gibt auch noch das erste von 1936 mit dem ersten Verstorbenen mit der Nummer eins. Die Nummern wurden immer fortlaufend vergeben“, sagt Andrew McCulloch. Der gebürtige Osnabrücker mit schottischen Wurzeln ist seit 2009 im Krematorium tätig, seit einiger Zeit ist er der technische Leiter, doch erst seit zwei Monaten ist er nicht mehr im Schichtbetrieb der Einrichtung am Heger Friedhof eingeteilt. „Wir arbeiten in zwei Schichten von morgens vier Uhr bis 21 Uhr am Abend“, erläutert er die Arbeitszeiten seiner vier Kollegen, die mit der Verbrennung betraut sind. Dazu kommen zwei Bürokräfte.

Rund 3500 Verstorbene werden jährlich ins Krematorium gebracht. „Wir würden es gar nicht schaffen, wenn wir nur zweimal die Woche verbrennen würden“, betont Andrew McCulloch und führt solche Gerüchte auch zurück auf einen wachsenden Konkurrenzkampf zwischen privat geführten und städtischen Krematorien.

Altes Krematorium außer Betrieb

Seit 1936 wird an der Rheiner Landstraße ein Krematorium betrieben. Bereits in der alten Anlage gab es zwei Feuerstellen, wie Besucher bei den monatlichen Führungen sehen können, die der städtische Servicebetrieb „Straßen, Abfall, Grün“ anbietet, dem die 14 Osnabrücker Friedhöfe und damit auch das Krematorium zugeordnet sind. „1994 wurde das alte Krematorium außer Betrieb genommen. Bis dahin wurden hier 22000 Einäscherungen vorgenommen, mittlerweile sind es 66000“, erläutert McCulloch, während er eine Tür öffnet.

Drei Särge stehen dahinter in einer Kühlkammer mit 20 Plätzen. Eine zweite Kühlkammer umfasst 50 Plätze. Sie liegt im neuen Bereich des Krematoriums, der 1994 in Betrieb genommen wurde, 2008 wurde dieser Teil aufgrund verschärfter Umweltauflagen bereits saniert. Auch hier gibt es zwei Öfen, in denen jeweils drei Verstorbene verbrannt werden können.

Das geschieht auf drei Ebenen, sodass die Särge jeweils strikt getrennt voneinander behandelt werden, erläutert McCulloch an einem Monitor, auf dem ein Schema der Anlage leuchtet. „Pietät, also der respektvolle Umgang mit den Verstorbenen steht bei uns an erster Stelle“, betont er. Das sei auch ein wesentlicher Aspekt in dem Zertifizierungsverfahren, dem sich das Krematorium unterzogen hat.

Die Reihenfolge, in der die Särge in den Ofen geschoben werden, wird strikt dokumentiert. Früher wurden die Schamottesteine mit ins Feuer gegeben, um mit ihrer Hilfe am Ende zu erkennen, um welchen Verstorbenen es sich handelt. „Die Steine sind aber manchmal auf den Schrägen liegen geblieben. Jetzt ergibt sich die Zuordnung aus der Reihenfolge“, erläutert McCulloch. „Wir sind verpflichtet, die ständige Nachvollziehbarkeit der Asche zu gewährleisten“ sagt der zertifizierte Krematoriumstechniker, der die Fortbildung nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker und einer Zeit als Luftfahrzeugwaffenmechaniker absolviert hat. Warum er nun im Krematorium arbeitet? „Gute Frage. Die Stelle war ausgeschrieben“, erinnert er sich an seinen Einstieg 2009.

Morgens kommt der Amtsarzt

Verstorbene können rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche, zum Krematorium gebracht werden. Jeden Morgen kommt der Amtsarzt zur Untersuchung der Verstorbenen. „Um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich tot sind und um ein Verbrechen auszuschließen“, sagt McCulloch, der dafür Sorge tragen muss, dass die Urne spätestens drei Arbeitstage nach Anlieferung bereit gestellt wird: „Dafür müssen auch die Unterlagen vollständig sein.“ Es müssen also die Sterbeurkunde, der Auftrag zur Einäscherung, die Urnenanforderung und die amtsärztliche Freigabe vorliegen.

Zwei bis sechs Kilo wiegt die Asche von erwachsenen Verstorbenen, entsprechend groß sind die schwarzen Aschekapseln. Die für Kinder sind nur halb so groß und weiß. Etwa 75 Minuten dauert eine Einäscherung. Verbrannt wird der Verstorbene in seinem Sarg, nachdem Verzierungen und Griffe abgenommen worden sind. Die Verbrennung erfolgt in drei Kammern, zunächst bei etwa 900 Grad, später bei kälteren Temperaturen. Die hier entstandene Energie wird zur Heizung des Krematoriums, der Büroräume und der Trauerhalle genutzt.

Asche wird gemahlen

Nach dem Verlassen des Ofens muss die Asche etwa eine Stunde abkühlen. Allerdings kann dann von Asche noch nicht gesprochen werden. Es sind noch Knochenstrukturen im Aschekasten zu erkennen, die erst durch Mahlen verschwinden. Zuvor werden mit einem Magneten Metallteile, wie Schrauben und Klammern des Sarges, entfernt. Dann füllen McCullochs Kollegen die Asche in die Urnenkapsel, legen den Schamottestein dazu, verschließen die Urne mit der Metallscheibe und geben sie dann in die Schmuckurne, mit der der Verstorbene später beigesetzt wird.


Die Feuerbestattung

euer- oder Brandbestattung, Kremierung oder Einäscherung – es gibt einige Bezeichnungen für die Verbrennung Verstorbener, die in vielen Kulturen üblich ist. So werden in Indien Tote unter freiem Himmel den Flammen übergeben. In Deutschland ist dies nicht gestattet. Krematorien gibt es hier noch nicht sehr lange, auch wenn die Verbrennung Verstorbener eine lange Geschichte hat. So gibt es Hinweise, dass die Feuerbestattung seit etwa 3000 vor Christus praktiziert wurde, die Beisetzung der Asche in einer Urne verbreitete sich in Mitteleuropa zwischen 1250 und 750 vor Christus. Mit der Verbreitung des Christentums in Europa setzte sich die Erdbestattung durch. Karl der Große sah in der Einäscherung einen heidnischen Brauch. Aufgrund hygienischer Missstände setzte sich im 15. Jahrhundert jedoch wieder die Feuerbestattung durch. Das erste Krematorium in Deutschland wurde 1878 errichtet, in dieser Zeit begann die evangelische Kirche die Kremierung zu tolerieren. Im katholischen Kirchenrecht wurde erst 1964 das Verbot der Feuerbestattung aufgehoben.

In Deutschland galt bislang der Friedhofszwang. In manchen Friedwäldern war es jedoch möglich, die Asche zu bestatten. Doch das Bestattungsrecht lockert sich. In Bremen zum Beispiel dürfen Angehörige seit Anfang dieses Jahres die Asche Verstorbener im privaten Garten oder auf ausgewiesenen öffentlichen Flächen verstreuen.

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