„Mendelssohn hat an beiden Enden gebrannt“ Domchordirektor Clemens Breitschaft bereitet den „Elias“ vor

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Der Nachbar zu Gast: Domchordirektor Clemens Breitschaft arbeitet im Orchesterstudio mit dem Osnabrücker Symphonieorchester. Foto: Gert WestdörpDer Nachbar zu Gast: Domchordirektor Clemens Breitschaft arbeitet im Orchesterstudio mit dem Osnabrücker Symphonieorchester. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. „Elias“ ist ein Werk der Superlative: Felix Mendelssohn Bartholdy hat zweieinviertel Stunden Musik für ein großes Orchester, einen großen Chor sowie sieben Solisten geschrieben. Am Samstag und am darauffolgenden Montag beschließt das Werk die Sinfoniekonzertreihe des Osnabrücker Symphonieorchesters. Am Pult: Domchordirektor Clemens Breitschaft.

Dienstag um die Mittagszeit ist die Orchesterprobe um. Die Musiker des Osnabrücker Symphonieorchesters gehen in der dritten Etage des Theaters am Domhof den schmalen Gang Richtung Treppenhaus lang. „Das Stück hat es in sich“, sagt ein Musiker, „man darf das nicht unterschätzen.“ Das bestätigt später Clemens Breitschaft, der Domchordirektor. Zum ersten Mal leitet er ein Sinfoniekonzert des Osnabrücker Symphonieorchesters, und dafür hat er für sich und seine Domchöre ein maßgebliches Werk der Chor-Orchester-Literatur ausgesucht: das Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Akkorde, hart wie Kommandos

„An dieser Stelle muss das kompromisslos, fast ausdruckslos klingen“, sagt er zum Orchester. An diesem Vormittag gehen Orchester und Dirigent auf Tuchfühlung mit dem Werk. Gerade sind sie bei der großen Baal-Szene am Ende des ersten Teils angelangt. Der Prophet Elias sagt da zum Volk: „Greift die Propheten Baals, dass ihrer keiner entrinne, führt sie hinab an den Bach, und schlachtet sie daselbst!“ Das Orchester wirft nur einzelne Akkorde ein – die aber will Breitschaft hart und trocken, emotionslos wie ein militärisches Kommando. Um den Musikern plastisch darzulegen, was er meint, zieht er die Verbindung zwischen der alttestamentarischen Szene und der heutigen Zeit. „Das ist ein Zeugnis des Christentums“, sagt er später in seinem Büro. „Wenn man derzeit Nachrichten aus Syrien und Irak hört, schaudert es einen schon.“ Gleichzeitig räumt er aber auch ein, dass Mendelssohn und seine Zeitgenossen die Passage vermutlich anders interpretiert haben, als wir das heute angesichts schrecklichster Greueltaten des IS tun. Doch die Geschichte des Propheten erzählt im ersten Teil von einem Kampf der Kulturen, nein: der Religionen, der als Wette ausgetragen wird und in einen handfesten Aufruf zur Gewalt mündet. Der zweite Teil ist weniger dramatisch und gipfelt in der Himmelfahrt des Elias und der Ankündigung des Messias. Ein perfektes Werk für den Dom, obwohl Mendelssohn Protestant war. Aber die Konfession spielt für Breitschaft ohnehin keine Rolle.

Auf gute Nachbarschaft

Die gemeinsamen Konzerte von Domchor und Symphonieorchester sind fester Bestandteil der musikalischen Nachbarschaftspflege von Dom und Theater. Breitschaft leitet zum ersten Mal eines dieser Konzerte und ist über die Voraussetzungen „ausgesprochen glücklich“. Denn häufig kaufen Chöre für den „Elias“ ganze Orchester ein – mit der Folge, dass die Konzerte in ein, zwei Proben zusammengestückelt werden – je weniger Proben, desto günstiger das Orchester. Mit dem Osnabrücker Symphonieorchester ist das anders, und das freut Breitschaft: Bei sechs Proben kann er ruhig in die Details gehen. Und derer gibt es etliche: „Es gibt viele Tempowechsel, viele Übergänge“, sagt Breitschaft. „Das muss geprobt werden.“ Zudem sei „Elias“ das „hochdramatische Werk“ eines Komponisten, „der an beiden Enden gebrannt hat“. Das ist in seine Musik eingeflossen. „Mendelssohn wird oft festgelegt auf die schöne Melodie. Aber sein Werk steckt voller faszinierender Rhythmik, ist prägnant, hochenergetisch“, sagt Breitschaft. „Das ist so toll an Mendelssohn.“ Und gleichzeitig so schwer. Aber Breitschaft hat viel Zeit mit seinen Musikern und Sängern. Ein Luxus heutzutage.


„Elias“: Samstag, 27.6., Montag, 29.6., jeweils 20 Uhr im Hohen Dom zu Osnabrück. Mitwirkende:Dominik Wörner, Erika Simons, Richard Kullmann, Stephanie Rethmann, Almerija Delic, Judit Stärker, Daniel Wagner. Osnabrücker Symphonieorchester, Dom- und Jugendchor. Leitung: Clemens Breitschaft. Kartentel. 0541/7600076

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