SPD-Anfrage Spricht Osnabrück „geschlechtergerecht“?

Werden Frauen ungewollt diskriminiert, wenn die Stadt Osnabrück in ihren Veröffentlichungen nicht konsequent von „Bürgerinnen und Bürgern“ spricht? Foto: Imago/Jürgen EisWerden Frauen ungewollt diskriminiert, wenn die Stadt Osnabrück in ihren Veröffentlichungen nicht konsequent von „Bürgerinnen und Bürgern“ spricht? Foto: Imago/Jürgen Eis

Osnabrück. Achtet die Stadt in ihren Veröffentlichungen auf eine „geschlechtergerechte Sprache“? Und warum ist die Homepage der Stadt nur zu 75 Prozent barrierefrei? Die SPD-Fraktion hat mit einer Ratsanfrage ein sensibles Thema angestoßen.

Die SPD bezieht sich auf eine Untersuchung des Medienzentrums, wonach nur 75 Prozent der städtischen Homepage barrierefrei ist. Soll heißen: Ein Viertel der Inhalte bleiben sehbehinderten Menschen verborgen. Die Sozialdemokraten wollten deshalb vom Presseamt wissen, ob dieser Mangel behoben und eine hundertprozentige Barrierefreiheit erreicht werden kann. Und außerdem möge man darauf achten, die „verfassungsgemäß garantierte Gleichberechtigung von Frauen und Männern“ auch in einer „geschlechtergerechten Sprache“ zum Ausruck zu bringen.

Geschlechterneutralität ist ein Thema

Sven Jürgensen, Pressesprecher der Stadt, antwortet der SPD ausführlich und in aller Ernsthaftigkeit – doch wer genau liest, vernimmt zwischen den Zeilen auch ein leichtes verbales Augenzwinkern. Ja, die Verwaltung sei der Auffassung, dass die Geschlechterneutralität auf der Homepage nicht fehlen dürfe. Aber es gebe Grenzen, markiert durch drei Eckpunkte: richtiges Deutsch, einfacher Ausdruck und Zielgruppenorientierung. Deshalb habe die Verwaltung auch bei der Oberbürgermeisterwahl darauf verzichtet, von „Oberbürgerinnenmeisterinnenkandidatinnen“ zu sprechen, wie es die politische Korrektheit wohl konsequenterweise erfordert hätte.

Beliebt, weil geschlechtsneutral, sind in eher links und feministisch orientierten Kreisen Partizipien: Studenten sind männlich, Studierende geschlechtsneutral. Aber Stadtsprecher Jürgensen weist auf die semantischen Feinheiten hin: „Anders als Studierende müssen Studenten nicht gerade studieren, um dennoch als Studenten bezeichnet zu werden. Sprechende sprechen gerade, Sprecher hingegen können durchaus auch schweigen.“ Die deutsche Sprache kennt das „generische Maskulinum“, das sind Worte, die in der männlichen Form daherkommen, aber beide Geschlechter meinen. Das Wort Studenten kann als solches generisches Maskulinum aufgefasst werden. Im Strafgesetzbuch wird auch nur der „Mörder“ verwandt, obwohl natürlich auch Frauen als Täter (!) in Frage kommen. So macht die deutsche Sprache auch diesen Satz möglich: „Ärztinnen sind die besseren Ärzte“ – was, wie Jürgensen in seiner Antwort zu recht feststellt, eine inhaltlich problematische Aussage wäre.

Geschlechtergerecht ist nicht gleich barrierefrei

Das Partizip hat sich in den Medien nicht durchgesetzt, wie der Pressesprecher anmerkt. Da sich ein Großteil der Veröffentlichungen des stadtischen Referates für Medien und Öffentlichkeitsarbeit an Medien zum Zwecke der weiteren Verbreitung richte, werde die geschlechtergerechte Sprache „behutsam“ angewendet. Das gelte auch für das „Binnen-I“ wie in „BürgerInnen“, das beide Geschlechter einschließt. Auf der Homepage verzichtet die Stadt auf das „Binnen-I“, weil Sehbehinderte es leicht mit einem „L“ verwechseln können und spezielle Programme, die ein automatisiertes Vorlesen ermöglichen, darüber stolpern. Außerdem entspreche das große „I“ nicht den Rechtschreibregeln. Aber: Die Dudenredaktion, so Jürgensen, beobachte die weitere Sprachentwicklung und schließe nicht aus, dass diese Ausnahme als Besonderheit eines Tages akzeptiert wird. Dann wird es vielleicht doch eines Tages heißen: OberbürgerInnenmeisterInnenkandidatInnen.

Internetauftritt attestiert „weitgehend barrierearm“

Der leisen Kritik der SPD an einer unzureichenden Barrierefreiheit der Homepage entgegnet Jürgensen mit der gebotenen Ernsthaftigkeit. Der Inklusionsachstandsbericht von 2012 habe dem Internetauftritt attestiert, „weitgehend barrierearm“ zu sein. Vor der Umstellung auf eine neues System Anfang des Jahres haben nach seinen Angaben zwei seheingeschränkte Mitglieder des Behindertenforums die neue Seite geprüft und ihr gute Noten gegeben – mit Einschränkungen, die sie akzeptieren. So werden weiterhin Filme und Fotos ins Netz gestellt, obwohl Sehbehinderte diese nicht oder nur eingeschränkt verfolgen können. Jürgensen: „Eine hundertprozentige Barrierefreiheit kann also generell nicht erreicht werden.“


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