Maßarbeit-Vorstand Averhage Ausländer gegen Fachkräftemangel im Landkreis Osnabrück

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Siegfried Averhage von der Maßarbeit des Landkreises Osnabrück erläutert im Politik-Talk mit NOZ-Redakteur Jean-Charles Fays, wie Ausländer das Problem des Fachkräftemangels in der Region lösen können. Foto: Michael GründelSiegfried Averhage von der Maßarbeit des Landkreises Osnabrück erläutert im Politik-Talk mit NOZ-Redakteur Jean-Charles Fays, wie Ausländer das Problem des Fachkräftemangels in der Region lösen können. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Der Leiter des Geschäftsbereichs Arbeit und Wirtschaft beim Landkreis Osnabrück, Siegfried Averhage, sieht in den Ausländern das Potenzial, um den Fachkräftemangel in der Region zu beheben.

Herr Averhage, unserer Region geht es wirtschaftlich gut, der Nachwuchs ist gut ausgebildet und im Landkreis Osnabrück beträgt die Arbeitslosenquote 3,5 Prozent. Unter den heutigen Bedingungen bedeutet das praktisch Vollbeschäftigung. Warum haben Sie als Leiter des Geschäftsbereichs Arbeit und Wirtschaft dennoch Sorgen?

Über die Arbeitslosenquote von nur 3,5 Prozent freuen wir uns zunächst natürlich. Jeder, der sich im Bereich der Arbeitsmarktpolitik bewegt, sagt: „Super, dass wir da sind.“ Wenn dann aber der Nachwuchs für die Unternehmen ausbleibt, dann haben wir sicherlich die Problematik, die Unternehmen und unseren gesunden Mittelstand dauerhaft mit den notwendigen Fachkräften zu versorgen. Da gilt es zu schauen, was vor Ort bei denen möglich ist, die noch nicht in Arbeit sind, gegebenenfalls aber auch über die Kreisgrenzen hinaus in andere Regionen zu gucken, wo die Arbeitslosigkeit deutlich höher ist oder auch ins europäische Nachbarland zu blicken.

Sie sind nicht nur Vorstand der kommunalen Arbeitsvermittlung Maßarbeit, sondern auch Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Osnabrücker Land (Wigos). Haben Sie sich besonders als Wigos-Vorstand nicht Gedanken darüber gemacht, ob das Problem des Fachkräftemangels in unserer Region hausgemacht ist. Haben Arbeitgeber hier zu lange die Augen vor dieser Entwicklung verschlossen, dass immer weniger Menschen geboren werden, der Bedarf an Fachkräften dabei aber nicht weniger wird?

Sie sagen ganz richtig, dass das Fachkräfteangebot nicht nur ein Thema der Arbeitsmarktpolitik ist, sondern auch der Wirtschaftsförderer. Sie kommen aus keinem Unternehmen heraus, wo nicht das Thema Fachkräfte und Auszubildende angerissen wird. Wir haben im Grunde mit unseren Aktivitäten in der kommunalen Arbeitsvermittlung, aber auch in der Ausbildungsplatzvermittlung sehr frühzeitig begonnen. Da wurde das Thema noch nicht breit diskutiert.

Bei der Frage, was wir für junge Menschen tun können, die erstklassige Voraussetzungen mitbringen, um direkt in die Duale Ausbildung hinüberzugleiten, sind wir seit weit über zehn Jahren dabei zu belegen, dass diese Jugendlichen ihre klassische Ausbildung machen können und ihre Abschlüsse erreichen. Daher haben wir uns seit 2002 auf diese Situation vorbereitet und sind gut aufgestellt. Bei den Unternehmen ist das Problem unterschiedlich intensiv angekommen.

Einige sind mit ihren Personalabteilungen dabei, sich den damit verbundenen Fragen zu stellen, aber in einer Region mit mittelständischen Unternehmen, die häufig keine personell stark ausgestattete Personalabteilung haben, wird das Problem noch nicht so intensiv bearbeitet wie es vielleicht vorbereitend auf die weitere Entwicklung geschehen sollte.

Was können Unternehmer tun, um qualifizierten Nachwuchs für Ihre Firma anzuwerben?

Früher hat man sich aus einer Vielzahl aus Bewerbern den richtigen Bewerber ausgesucht, und jetzt gehen wir auf eine Zeit zu, in der sich die Bewerber das Unternehmen aussuchen. Daher gilt es auch, das eigene Unternehmen interessant zu machen. Es gilt, die allseits diskutierten Themen wie betriebliches Gesundheitsmanagement anzugehen oder die Frage, wie kann ich Rahmenbedingungen schaffen, dass auch junge Mütter schnell nach der Geburt oder den ersten Jahren ihrer Kinder in den Betrieb zurückkehren können und dieses tolle Potenzial auch weiterhin zu nutzen. Letztlich muss jedes Unternehmen, je nachdem, wie es gestrickt ist, aufgestellt ist, in welcher Branche es tätig ist, seinen eigenen Weg finden, aber Arbeitgeberattraktivität ist sicherlich ein ganz entscheidender Punkt.

Familienfreundlichkeit ist also gerade nicht nur im Trend, sondern auch notwendig, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Wir machen seit Jahren regionale Arbeitsmarkt-Monitorings, in denen wir verschiedene Branchen regelmäßig überprüfen. Dabei werden diese Themen auch immer wieder als Themen der Zukunft angesprochen. Gleichwohl muss man feststellen, dass man manchmal auch spürt, bei einigen tut es scheinbar noch nicht so richtig weh. Themen wie Frauen, Ältere und Menschen mit Migrationshintergrund lehnen einige allerdings im Moment noch ab, aber auch das wird sich ändern.

Es wird prognostiziert, dass in etwa zehn Jahren 20 Prozent weniger Menschen unter 25 Jahren zur Verfügung stehen. Können Menschen mit Migrationshintergrund den mangelnden Nachwuchs in unserer Region kompensieren?

Wir müssen gezielt schauen, was wir brauchen und gezielt in anderen Regionen oder im benachbarten Ausland suchen. Auf der anderen Seite kümmern sich hier viele Kolleginnen und Kollegen darum, was mit Asylbewerbern und Flüchtlingen, die hier in deutlich steigenden Zahlen in die Region kommen . Wie können wir ein System sicherstellen, dass diese Menschen vom ersten Tag an vernünftig abgeholt werden und durch unsere Bürokratie geleitet werden, um sie dann, wenn es gewünscht ist und rechtlich passt, zielgerichtet sozial und beruflich zu integrieren. Dabei ist es dem Landkreis Osnabrück es wichtig, das gut strukturiert zu machen, alle mit ins Boot zu nehmen, die Mitgliedsgemeinden genauso wie die Agentur für Arbeit, sonst haben wir keine Chance.

Welche weiteren Potenziale gibt es in der Zuwanderung, um künftig den Fachkräftemangel aufzufangen?

Niedersachsenweit macht die Agentur für Arbeit in den Grenzdurchgangslagern ein sogenanntes Profiling und schaut, welche Voraussetzungen die Personen mitbringen, um darauf aufbauend weitere Schritte zu unternehmen. Im Landkreis Osnabrück schauen wir auf dieser Grundlage, was die Menschen neben der Sprachförderung und Anerkennungsverfahren brauchen. Was ist mit der Partnerin oder dem Partner und was ist mit den Kindern? Unsere Aufgabe ist nun, das gut strukturiert umzusetzen.

Die Flüchtlinge sind teilweis hochqualifiziert und bringen eine hervorragende Ausbildung mit. Die Sprachbarriere und das damit verbundene Vorurteil, wenn der kein Deutsch kann, kann er auch sonst nichts, verhindert aber oft eine Anstellung. Was kann man dagegen tun?

Ich pflege in solchen Momenten gerne ironisch darauf hinzuweisen, dass wir Deutsche ja Gott sei Dank alle Fremdsprachen perfekt beherrschen und von daher natürlich sofort überall einsatzfähig wären. Eine neue Sprache zu lernen, das dauert leider seine Zeit. Wenn jemand aber erst einmal das Niveau hat, um miteinander zu kommunizieren, dann kann man den Start machen. Alles Weitere ergibt sich im Beruf in der gemeinsamen Arbeit. Im täglichen Miteinander kann man die Sprache sehr gut weiter schulen.

Es gibt darüber hinaus die Möglichkeit, berufsspezische zusätzliche Angebote zu machen - auch schon, wenn man bereits in einem Unternehmen ist. Man muss diesen ersten Schritt einfach gehen. Im Moment mag es da vielleicht noch Hemmschwellen geben, eventuell beim Arbeitgeber, vielleicht auch innerhalb der Teams, die dann mit dieser Person zusammenarbeiten müssen. Das ist sicherlich alles nicht einfach und kein Selbstläufer, aber ich sehe darin eher das Positive und die Chance.

Kennen Sie es auch von unserem Arbeitsmarkt in der Region, dass Hassan schlechtere Chancen hat als Günther?

Ich befürchte, dass es Einzelfälle gibt, wo das zutrifft. Auf der anderen Seite haben wir im Zusammenhang mit jungen Menschen, die aus anderen Ländern kommen und die in Ausbildung gehen, auch schon verschiedene Projekte und Maßnahmen begleitet. Es funktioniert an vielen Stellen auch schon. Viele Unternehmer sagen, es hilft natürlich türkische Mitarbeiter zu haben, wenn ich mich womöglich selbst mit meinem Unternehmen auch noch auf dem türkischen Markt bewege. Da finden Sie für alle Facetten Beispiele.

Mehrheitlich würde ich sagen, die Unternehmen in der Region stehen dem grundsätzlich offen gegenüber, haben es aber natürlich nach wie vor lieber, wenn sie die passende Person, die alles mitbringt, was mat sich wünscht, hat. Aber das wird zunehmend schwerer.

Den kompletten Politik-Talk finden Sie hier im Video.


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