Scharfsinnige Fragmente Der türkische Autor Emra Serbes las im Ledenhof

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Selma Wels und Emrah Serbes im Ledenhof.Foto: HehmannSelma Wels und Emrah Serbes im Ledenhof.Foto: Hehmann

lboe Osnabrück. Der türkische Autor Emrah Serbes las am Mittwoch im Ledenhof aus seinem neuesten Buch „Fragmente“ und erzählte von den Hintergründen.

Galip hatte sich an der Stirn verletzt. Im Krankenhaus wird die Wunde von der sympathischen Krankenpflegerin Nuran genäht. Mit ihrem Lächeln verdreht sie Galip den Kopf. „Was kann ich machen?“, fragt er draußen seinen Freund. „Leiden, wie alle Liebenden.“ Galip zieht sich die Fäden aus dem Gesicht – und Nuran, die sympathische Krankenpflegerin, näht die Stirn noch einmal...

Dies ist die Handlung einer der Kurzgeschichten aus „Fragmente“. Der türkische Autor Emrah Serbes las am Mittwoch im Ledenhof aus seinem neuesten Buch und erzählte von den Hintergründen. Unterstützt wurde er dabei von seiner Verlegerin Selma Wels, die das Buch ins Deutsche übersetzt hat, und dem Dolmetscher Utku Kaynar, der dem Publikum Serbes’ Ausführungen übersetzt. Wels moderierte den Abend und las Ausschnitte aus der deutschen Fassung.

Das Buch besteht, wie der Titel schon deutlich macht, aus vielen kleinen Fragmenten. Die eingangs erwähnte Geschichte von Galip ist eine der längsten. „Fragmente“ entstand aus privaten, zum Teil sehr persönlichen Notizen, sagt Serbes. Ein Teil der Notizen sei zu privat gewesen und daher nicht in diesem Buch erschienen. In Osnabrück spricht Serbes zum ersten Mal darüber, dass ein Manuskript für diese Fortsetzung in seinem türkischen Verlag bereitliege, um nach seinem Tod veröffentlicht zu werden. Der Dolmetscher Kaynar hofft, dass diese Texte noch lange nicht zu lesen sein werden.

Serbes solidarisierte sich 2013 mit den Bürgerprotesten im Gezi-Park in Istanbul. Auch in „Fragmente“ spielt der Gezi-Park eine Rolle. Seine Romanfigur, der Polizist Behzat Ç., wurde während der Proteste auf Transparenten als der einzige vertrauenswürdige Polizist bezeichnet. Weil er Ministerpräsident Erdogan verhöhnt hatte, stand Serbes vor Gericht, wurde aber freigesprochen. Dass er als Schriftsteller wegen seiner Meinung verfolgt wird, empfinde er aber als normal, das sei eben so in der Türkei.

Die Fragmente sind scharfsinnig und enthalten viel Wortwitz, der sich auch in der Übersetzung noch gut erkennen lässt. Vielleicht ein Ergebnis enger Zusammenarbeit zwischen Autor und Übersetzerin. Die Geschichten haben keinen erkennbaren Zusammenhang. Sie stehen alle für sich. Sie überraschen manchmal mit sehr ungewöhnlichen Gedankengängen:

Du bist die Person, die du wirklich bist, die Person, die du sein willst und die dazwischen – Wenn wir uns verlieben sind also sechs Personen beteiligt.

Die Lesung wurde vom Literaturbüro Westniedersachsen und dem Büro für Friedenskultur veranstaltet.


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