Sozialverband Deutschland Hilfe für Osnabrückerin beim Marsch durch den Sozialdschungel

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Sozialberatungen sind das Kerngeschäft des Sozialverbandes Deutschland. Carsten Elmer berät in Osnabrück unter anderem Anja Draeger in Rentenfragen. Foto: Michael GründelSozialberatungen sind das Kerngeschäft des Sozialverbandes Deutschland. Carsten Elmer berät in Osnabrück unter anderem Anja Draeger in Rentenfragen. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Wenn Anja Draeger im Gespräch mit Carsten Elmer einmal lacht, ist es eher ein bitteres Lachen. Zu viele gesundheitliche Rückschläge haben sie getroffen, zu dünnmaschig ist das viel gepriesene soziale Netz, zu wenig wertgeschätzt werden ihre 32 Berufsjahre. Nach all der Zeit ist es jetzt genug.

Draeger möchte eine Erwerbsminderungsrente beantragen. Elmer, Osnabrücker Geschäftsstellenleiter des Sozialverbandes Deutschland soll ihr dabei helfen. Die Gefahr, sich im Dschungel der Sozialgesetzgebung zu verlaufen, wäre ohne ihn zu groß.

Behutsam fragt sich Elmer durch die Kranken- und Lebensgeschichte der 49-Jährigen. Mit viel Power hat sie sich nach ihrer Ausbildung als Einzelhandelskauffrau in eine leitende Position im Einkauf ihres Unternehmens hochgearbeitet – Arbeitswochen mit 60 bis 70 Bürostunden inklusive. Jetzt ist die Power weg, der Körper legt sein Veto ein. Hörsturz und Tinnitus beidseitig, Probleme mit den Augen, Rheuma und als üble Zugabe auch noch ein Burn Out mit anhaltenden psychischen Belastungen. Der Schwerbehindertenausweis ist schon seit einigen Jahren ihr ungeliebter Begleiter.

Ungeliebter Begleiter

Ungeliebt, weil er das Gegenteil von dem bewirkt, was er eigentlich bewirken soll: Er führt nicht zu mehr Teilhabe, sondern zu verstärkter Ausgrenzung. „Ich darf die Schwerbehinderung bei Bewerbungsgesprächen nicht verschweigen“, sagt Draeger. Erwähnt sie ihr Handicap, ist aber sofort Schluss. Von wegen „bei gleicher Qualifikation werden Schwerbehinderte bevorzugt eingestellt“. Elmer kennt das. „Es gibt immer einen Weg, den Bewerber mit Schwerbehindertenausweis rauszukegeln“, sagt er. Inklusion sieht anders aus. Vergünstigter Eintritt ins Museum und ins Schwimmbad können das wahrlich nicht aufwiegen.

Bei all den Hürden, die sich Draeger in den Weg stellen, ist sie sicherlich noch um einiges besser dran als viele andere. Ihr Ehemann verdient gutes Geld, sie bekommt nach Ende des Krankengeldbezugs derzeit noch Arbeitslosengeld. Soziales Elend sieht anders aus. Und dennoch: Auch Draeger und alle anderen, die ebenso wie sie hart gearbeitet haben und zumindest Teile ihrer Gesundheit dem Broterwerb opferten, haben ein Recht, ihre ihnen während der Arbeitsjahre zugewachsenen Ansprüche geltend zu machen. Das aber ist so einfach nicht. Teils entwürdigende Runden durch die Praxen begutachtender Ärzte, sperrige Rentenversicherer und bockige Krankenkassen machen den Weg zu den viel gepriesenen Segnungen unseres Sozialstaats kurvenreich und steinig. Die Gefahr zu stolpern, vor eine Wand zu laufen und dann nicht weiter zu kommen ist groß.

Carsten Elmer und seine Kollegen beim Sozialverband helfen professionell. Sie kenne ihre Pappenheimer auf der anderen Seite. Elmer weiß zu berichten, dass vor einigen Jahren die Krankenkassen längerfristig Erkrankte drängten, doch aus dem Krankengeldbezug auszusteigen und einen Rentenantrag zu stellen – wohlwissend, dass das so einfach nicht ist. Aber wer darauf eingegangen sei, konnte von der Zahlliste der Kassen gestrichen werden. Zielvorgabe erreicht. Es wird also mit harten Bandagen gekämpft bei Krankenversicherung, Pflegeversicherung und Rentenkassen.

Nach dem Blick zurückwendet sich Elmer Draegers Zukunft zu. Ob sie denn noch arbeiten wolle. So weit es ihre Kräfte zulassen, will sie das. Aber viel geht halt nicht mehr. Vielleicht zwei bis drei Stunden. Und wenn gar nichts mehr läuft für sie am Arbeitsmarkt, will die 49-Jährige sich wenigstens noch ehrenamtlich engagieren.

Harte Bandagen

Eigentlich, so Elmer, mache es oftmals Sinn mit dem Rentenantrag zu warten, wenn noch die Chance bestehe, dass sich die gesundheitliche Situation verbessere. Bei Anja Draeger aber biete es sich an, sofort tätig zu werden. Wenn dann alles gut läuft, wird ihr Antrag vielleicht passend zum Auslaufen des Arbeitslosengeldes genehmigt.

Also greift Elmer zu Antragsformular und zum Kugelschreiber, der jetzt zur scharfen Machete wird, mit der er für Anja Draeger den Weg durch den Sozialdschungel freilegt.


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