37 Stationen in Niedersachsen Dorfhelferinnen kommen, wenn die Mutter mal krank wird…


Dissen. Der Anruf kam am frühen Morgen: Silke M. (Namen und Orte sind verändert) musste ins Krankenhaus. Ein erfreuliches Ereignis, weil sich ihr zweites Kind angekündigt hatte. Doch sie musste Knall auf Fall ihre Rolle als Mutter, Hausfrau und Mitarbeiterin ihres Mannes auf dem Hof unterbrechen. Was tun?

Die Familie nutzte ihre guten Erfahrungen bei der Geburt ihres ersten Kindes vor drei Jahren und hatte sich schon früh an das Evangelische Dorfhelferinnenwerk Niedersachsen mit der Bitte um Unterstützung gewendet. Birgit Steinmeier, Einsatzleiterin der Station Melle-Wittlage-Osnabrück, hatte vorgesorgt. Dorfhelferin Sylvia Schroer macht sich auf den Weg nach Dissen.

Die 46-Jährige ist eine der 13 Dorfhelferinnen, die in einem Gebiet von Hasbergen bis Wittlage und von Wallenhorst bis Glandorf in Haushalten einspringen, wenn die Mutter einmal ausfällt – bei freudigen, aber auch bei traurigen Ereignissen . Da ist nicht nur die Arbeit zu erledigen, da muss auch getröstet werden, liebevoller Zuspruch gewährt, in den Arm genommen werden, ja und manchmal auch in den Schlaf gesungen werden. Andererseits gibt es Kindergeburtstage, die nicht einfach ausfallen sollen, nur weil die Mutter erkrankt ist.

Dorfhelferinnen vertreten, so sagt es Birgit Steinmeier, in ihren Einsätzen Mutter, Hausfrau und Mitarbeiterin auf dem Hof. „Da läuft das komplette Programm weiter“, sagt die Einsatzleiterin und zählt auf: Hausreinigung, Wäschepflege, Einkaufen, Essen kochen, Schularbeiten begleiten, Kinder zum Sport oder zur Musikstunde fahren, aber auch alte Menschen pflegen und betreuen, eventuell die notwendige Gartenarbeit machen und auf dem Hof jene Aufgaben erledigen, die der Hausfrau zufallen.

Diesen Katalog kann man nicht so einfach abarbeiten, dazu gehört viel Erfahrung. Und es ist auch nicht jedermanns Sache, Kälbchen zu tränken und Hühnereier zu suchen. Wer als Dorfhelferin eingesetzt wird, hat nach dem Schulabschluss eine dreijährige hauswirtschaftliche Ausbildung, eine anschließende einjährige Fachschule sowie ein 14-monatiges Dorfhelferinnen -Seminar hinter sich.

Die Möglichkeit des Quereinstiegs nach der Erziehungszeit nutzen 35 bis 50-Jährige, berichtet Birgit Steinmeier. Das Dorfhelferinnen-Seminar, ähnlich wie eine handwerkliche Meisterschule, ist die Nagelprobe. Wer sie durchläuft, investiert Zeit und Geld für die Ausbildung. Steinmeier: „Das muss die Familie mittragen“. Die Ausbildung aber ist die Voraussetzung für den Alltagseinsatz, der unterschiedlich belastend sein kann. Dabei werden die Dorfhelferinnen nicht alleingelassen. Gedankenaustausche mit den Kolleginnen oder auch Einzelgespräche sollen entlasten und neu motivieren.

Das Netzwerk der Dorfhelferinnen gibt es in Niedersachsen seit 55 Jahren. 37 Stationen sind über das Land verteilt. Triebfeder zur Einrichtung der Selbsthilfeorganisation waren die Landfrauen und das Landvolk. Getragen wird die Organisation von den evangelischen Kirchen in Niedersachsen.

Finanziert wird die Arbeit von unterschiedlichen Trägern wie landwirtschaftliche Sozialversicherungen, gesetzliche Krankenkassen und Rententräger, Beihilfestellen, Pflegekassen sowie Jugend- und Sozialämter. Jeweils 30 Prozent der Einsätze in der Station Melle-Wittlage-Osnabrück finanzieren landwirtschaftliche Versicherungen, den Rest gesetzliche Krankenkassen und andere Kostenträger. Bevor die Dorfhelferinnen tätig werden, muss die Kostenübernahme geklärt sein, verdeutlich Birgit Steinmeier. „Das muss manchmal ganz schnell gehen“.

Bei der Einsatzleiterin laufen alle Fäden zusammen. Die Dorfhelferinnen müssen dabei sehr flexibel sein. Da kommt es schon vor, dass vor dem Tätigwerden morgens um 6 Uhr eine längere Anfahrt erforderlich ist. Jeder Einsatztag hat acht Stunden, richtet sich aber nach den individuellen Erfordernissen auf dem jeweiligen Hof, besonders wenn Kinder betreut werden.

Aber was passiert, wenn die Dorfhelferin mal krank wird? Dann muss Birgit Steinmeier schnell für Ersatz sorgen, notfalls fällt die Betreuung einen Tag aus. Ersatz kann dabei auch aus benachbarten Stationen kommen. Dabei greift das landesweite Netzwerk der Dorfhelferinnen.

Weitere Informationen über: www.dhw-nds.de


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