Jazz als reine Kraftentfaltung Vijay Iyer Trio im Blue Note: Der amerikanische Zwölfzylinder

Von Ralf Döring

Elegant und kraftvoll: Vijay Iyer im Blue Note. Foto: Swaantje HehmannElegant und kraftvoll: Vijay Iyer im Blue Note. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Der amerikanische Pianist Vijay Iyer gilt als ein Hoffnungsträger des zeitgenössischen Jazz. Im Februar hat er mit seinem Trio bei ECM sein neues Album „Break Stuff“ veröffentlicht; jetzt war er im Osnabrücker Blue Note, um sein aktuelles Programm und seine Vorstellung von der Zukunft des Jazz darzulegen.  

Den Weg zur Bühne müssen sich Vijay Iyer, Stephan Crump und Marcus Gilmore regelrecht durchs Publikum bahnen. Denn das Blue Note ist voll wie selten; dem Trio und vor allem dem Bandleader eilen ein lauter, jubelnder Ruf und hervorragende Kritiken für sein aktuelles Album „ Break Stuff „ voraus. Da muss man doch mal hören.

Auf der Bühne angekommen, richtet sich das Trio erst mal ein: Der Bandleader begrüßt die Gäste, stellt sich und seine Kollegen vor, nestelt am Mikro, wirkt, wie er da so steif und aufrecht am Klavier sitzt, fast ein wenig unnahbar. So klingen auch die ersten Töne: Zusammen mit Bassist Crump spielt er unisono ein zerklüftetes Thema, später, im B-Teil, folgen recht pauschale Tonleitern. Gilmore mahlt dazu leise und stetig an seinen Drums: Allmählich tastet sich die Band in den Raum hinein und bereitet das Publikum vor auf die kommenden zwei Stunden. Die erste halbe Stunde davon spielen die drei  gleich am Stück durch. Und nach einer weiteren halben Stunde ist klar: Eine Pause wird es nicht geben. Vijay Iyer mutet seinem Publikum einiges zu.

Maximale Reibung

Das stößt nicht auf ungeteilte Gegenliebe. Und zugegeben: Die minimalistischen Patterns, die Iyer so lange durch den musikalischen Beschleunigungstunnel jagt, bis sie brodeln, können anstrengend sein. Zumal Iyer, abgesehen von ein paar Balladen-Einwürfen, nur selten dem Klang an sich vertraut.

Aus musikalischen Zellhaufen – einer Tonleiter, einem Akkord, manchmal nur einem permanent wiederholten Ton –, schafft Iyer seine musikalischen Welten. Die  kleinen Einheiten entlehnt er unüberhörbar der Minimal Music; sie werden ihm zu Bausteinen für die großen Formen, die er zusammen mit seinen beiden Mitmusikern errichtet. Dabei werkelt scheinbar jeder in seinem eigenen Modus: Iyer tupft einen harmlosen Akkord in noch harmloserer Gleichmäßigkeit in den Flügel, aber dazu spielt Gilmore an den Drums ein Metrum, das so leicht verschoben ist, dass es die maximale Reibung erzeugt, und Crump geht mal mit dem einen, mal mit dem anderen parallel und oft genug auch allein. In diese Flut treiben sie dann aber gemeinsame Harmoniewechsel, plötzliche Stopps, jähe Umbrüche, die dem wilden Treiben Form verleihen.

Das hat etwas Ekstatisches; es ist, als wolle das Trio sein Publikum in Trance spielen. In diesem Fluss gibt es nur wenige Momente, die mal einen kühlen Kontrast setzen, nämlich dann, wenn Iyer die Kunst der Klavierballade pflegt oder sich vor Thelonious Monk verbeugt. Ansonsten erreicht das Vijay Iyer Trio wieder und wieder den Siedepunkt. Dabei lotet es Grenzen aus: Wie oft muss ein Motiv in der Zentrifuge kreisen, bis es maximale Energie freisetzt, um den Jazz voranzutreiben? Im Blue Note stellen sich regelmäßig berufene Musiker der jüngeren Generation  dieser Frage nach der Zukunft, und man darf ruhig sagen, dass der junge deutsche Jazz darauf auch facettenreichere Antworten gibt. Vijay Iyer hingegen setzt auf Kraftentfaltung wie ein amerikanischer Zwölfzylinder. Und machen wir uns nichts vor: Das kann ganz schön viel Spaß machen.