Neumarktsperrung richtig Stadtbaurat Otte: Wir müssen Autofahrern mehr Raum nehmen


Osnabrück. Verkehr: Kaum ein anderes Thema erhitzt die Gemüter der Osnabrücker so wie dieses. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt Stadtbaurat Frank Otte, wie er die Situation für Auto- und Radfahrer in Osnabrück verbessern möchte. Autofahrern müsse Radfahrern zugunsten Platz genommen werden, und die Neumarktsperrung sei die richtige Entscheidung gewesen.

Sie haben am Ride of Silence teilgenommen, der verunglückten Radfahrern gedachte. Waren Sie dort privat oder als Vertreter der Stadt?

Beides. Es war mir wichtig, dass die Stadt vertreten war. Es war mir aber auch ein persönliches Anliegen. Ich fahre selbst viel Rad, und die Todesfälle in der Stadt sind mir sehr nahe gegangen.

Was denken Sie, warum die Stimmung zwischen Rad- und Autofahrern in Osnabrück so gereizt ist?

Das ist eine Frage der Relation. Ich habe sieben Jahre lang in Stuttgart gearbeitet – dagegen ist Osnabrück ein Radfahrerparadies. Aber ja, die Stimmung ist teilweise gereizt. Das liegt an der Raumverteilung und am Selbstverständnis der Autofahrer, die lange bevorzugt wurden. Wir wollen Radfahrern aber mehr Fläche zur Verfügung stellen. In der weiteren Entwicklung geht es darum, den motorisierten Verkehrsteilnehmern Raum zu nehmen. Anders geht es nicht. Dabei geht es nicht darum, Autofahrer aus der Stadt zu verdrängen. Aber es gibt viele Autofahrten in der Stadt, die nicht nötig sind und mit dem Rad oder ÖPNV möglich sind. Daran müssen wir arbeiten.

Viele Radfahrer fühlen sich in Osnabrück nicht sicher. Was plant die Stadt dagegen zu tun?

Wir werden den Radverkehrsplan überarbeiten, es werden eine Menge neuer Maßnahmen hinzukommen. Parallel werden wir die Wallkreuzungen auf Gefahren für Radfahrer überprüfen.


Was für Maßnahmen können das sein?

Wir müssen die Wohnquartiere mit der Innenstadt mit attraktiven Radwegen verbinden und mehr Angebote wie die Katharinenstraße schaffen (eine Fahrradstraße, Anm.d.R.). Gewisse Kreuzungen am Wall müssen wir umbauen, das wird in absehbarer Zeit passieren. Wie die Umgestaltung des Berliner Platzes etwa aussehen wird, wird durch einen Wettbewerb am 2. Juli entschieden.

Kreisverkehre sparen Autofahrern Zeit – und damit Nerven und CO2. Städte wie Lingen setzen seit Jahren auf sie. Warum nicht Osnabrück, etwa am Berliner Platz?

Wir greifen schon darauf zurück, aber Kreisverkehre funktionieren nur bis zu einem bestimmten Verkehrsaufkommen und einer halbwegs gleichmäßigen Verteilung aus allen Richtungen. Darüber hinaus erfordern sie viel Raum, den wir oft nicht haben – auch nicht am Berliner Platz.

Sind die zahlreich an Kreuzungen angebrachten Spiegel für Lkw- und Busfahrer ausreichend, die Unfälle mit Radfahrern verhindern sollen? Kritiker sagen, Spiegel alleine reichen nicht aus.

Nein, die sind nicht ausreichend. Wir brauchen weitere Maßnahmen. Wir wollen aber nicht das Risiko eingehen, auch nur einen Unfall durch einen Spiegel nicht verhindert zu haben. Wir überprüfen darüber hinaus Radwegeführungen, Ampelschaltungen für Radfahrer, die ihnen einen Vorsprung geben und Ampelschaltungen, die den Abbiegeverkehr von Radfahrern trennen. Letztere werden aber nicht von allen Radfahrern akzeptiert, die sich fragen, warum sie Rot haben, während Autofahrer Grün haben.

Wie ist der Stand der Dinge zur Verlegung der B68 aus der Stadt heraus?

Da gibt es keinen neuen Stand. Die Straßenverkehrsbehörde koppelt die Verlegung an eine vernünftige Alternative, etwa den Lückenschluss der A33. Wir sind aber weiterhin an dem Thema dran und suchen nach einer Übergangslösung.

Der Neumarkt bleibt dicht, viele Autofahrer sind erbost über die Entscheidung des Rats der Stadt vom Dienstag. War das die richtige Entscheidung?

Ich bin der festen Überzeugung, dass das die richtige Entscheidung war. Wir brauchen Zeit, um die Auswirkungen der Sperrung weiter zu untersuchen. Ich kann den Unmut aber auch verstehen, wenn sich Verkehrsteilnehmer auf die Situation einstellen müssen. Ich kann aber nicht verstehen, wenn sie sagen, die Innenstadt sei schlechter erreichbar als zuvor. Die Zufahrtswege zu den Parkhäusern sind nicht sehr hoch mehrbelastet – teilweise sogar ganz im Gegenteil.

Denken Sie, der Neumarkt bleibt nun dauerhaft gesperrt – auch nach den drei bis vier geplanten Jahren?

Ich würde das nun nicht als grundsätzliche Richtungsentscheidung verstehen. Die Politik braucht zuvor Abwägungsmaterial.

Die Stadt ist der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen (AGFK) als Gründungsmitglied beigetreten. Was erhofft sich die Stadt davon?

Ich bin dort auch im Vorstand, und wir hoffen, gemeinschaftlich Maßnahmen zu erarbeiten, um den Radverkehr zu steigern. Wir hoffen weiter, gemeinschaftlich Förderprojekte erarbeiten und an ihnen teilnehmen zu können und dem Radverkehr einen besseren Status in Niedersachsen zu verleihen. Nicht zuletzt treten wir so als stärkerer Gesprächspartner gegenüber dem Land auf.

Zuletzt: Welches Verkehrsmittel bevorzugen Sie in der Stadt, und wie geht es Ihnen damit?

Ich fühle mich auf dem Rad sehr sicher in Osnabrück. Ich komme schlechter gelaunt ins Büro, wenn ich mit Auto gekommen bin.


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