Kleines, feines Konzert im Blue Note Marcelo Nisinman: Tango-Sinnlichkeit bei Classic con brio

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Begeistert im Blue Note mit seiner Version eines „Tango Oscuro“: Marcelo Nisinman Foto: Egmont SeilerBegeistert im Blue Note mit seiner Version eines „Tango Oscuro“: Marcelo Nisinman Foto: Egmont Seiler

Marcelo Nisinman ist ein Garant für schummrig-erotische Tangostimmung: Das hat er am Donnerstag beim Classic-con-brio-Konzert im Blue Note einmal mehr unterstrichen. Das Programm aus Eigenkompositionen und Stücken von Astor Piazzolla hat das Publikum begeistert.

Wenn Marcelo Nisinman einen Tango von Astor Piazzolla oder ein Stück von sich selbst ansagt, wirkt er verletzlich, dass man ihn unwillkürlich vor den vielen Menschen im Blue Note beschützen möchte. Er spricht leise und bedacht, was vielleicht damit zu tun hat, dass dem Argentinier die deutsche Sprache schwerfällt. Wichtiger indes: Er drückt sich auf der Bühne nicht in Worten, sondern kraft der Musik aus: durch seine Kompositionen, seine Arrangements – sein Bandoneon.

Damit taucht er die Grundstimmung im Blue Note in ein dunkles, schwitziges blau-rot. Ein Tango-Klischee? Und wenn schon. Nisinman ist ein feiner, kreativer Musiker, der ausgesprochen lässig im Bühnenzentrum steht. Das rechte Bein auf einem Stuhl gibt seinem Bandoneon einen kleinen Halt, vor auf seinem Notenständer stehen knittrigen Partituren – der Tango ist kein improvisierter Freestyle, sondern Kunstmusik; spätestens seit Piazzolla Tango Nuevo weiß man das wieder. Doch die Musik lässt Freiräume für Tonketten wie Trippelschritte im schwarzglänzenden Tango-Lackschuh, die Nisinman zu langen Phrasen aneinanderreiht. Und am Ende bleibt immer noch Platz für einen letzten abschließenden Schlenker.

Tango im freien Fall

Doch der Tango ist nicht nur bered, er ist auch launisch: Dann überziehen Ruß und Öl die silbrigen Tonketten, verträumte Melancholie steigert sich zu Zorn oder versinkt in tiefer Depression. Was vorher Sicherheit gab, scheint sich aufzulösen; Takt, Tonart, Tempo befinden sich im freien Fall. Bis die typische tiefe, grummelnd nach oben rollende Bass-Floskel wieder in feste Tangostrukturen zurückführt.

Neben Nisinman bewegt sich Gitarrist Alberto Mesirca mit großer Selbstverständlichkeit durch diese Welt der Leidenschaften. Der Italiener steuert ein paar sehr feine, sehr entspannte Intros bei, die sich hervorragend in Nisinmans Stil fügen. Geiger Daniel Rowland spielt dagegen mit ausgeprägtem Vibrato und übersteigerter Intensität nach dem Motto „viel hilft viel – weshalb sein Bogen etliche Pferdehaare lässt. Natacha Kudritskaya bleibt am Klavier eine Spur zu nobel; ein bisschen Schmutz unter den Fingernägeln schadet dem Tango gar nichts. Zoran Markovič schließlich rundet mit dem Kontrabass die Sache nach unten ab, und so sind die Elemente des Tango, seine Farben, seine Strukturen, seine typischen Wendungen alle so da, wie sie sein sollen. Die Musik schreitet ein wenig stolz in Vierteln, dann hält sie inne, ja, manchmal hält Nisinman sogar die Zeit an sich an. Dann holt die Band aus zur großen expressiven Klage, badet im Chaos, hält wieder inne, tut dann so, als wäre nichts gewesen.

Ganz nebenbei unternimmt der Abend eine Erkundungsfahrt durch ein Jahrhundert Tango-Geschichte. Mit Osvaldo Tarantino und Pedro Datta kommen zwei Vorgänger Astor Piazzollas zu Wort, während Kompositionen von Nisinman die düstere Sinnlichkeit und Emotionalität des 21. Jahrhunderts reflektieren. Das Finale fasst schließlich die zentralen Aspekte des Tango Nuevo zusammen: In „L‘Histoire de tango“ hat Astor Piazzolla den Tango in vier Stationen aus dem Bordell und über das Kaffeehaus und den Nachtclub in den Konzertsaal geführt. Das Blue Note ist an diesem Abend eine gute Mischung aus beidem: Konzentriert lauschen die Kammermusikfreunde der kunstvollen Musik, lassen sich aber auch von Nisinmans Musikalität und der Hitze des Tango mitreißen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN