Freiraum Petersburg Jeden Raum genutzt: „Erste Petersburger Hängung“


Osnabrück. Unverstellter Blick auf die aktive Kunstszene in Osnabrück: In dem ehemaligen Güterbahnhofsgebäude im „Kulturschutzgebiet Petersburg“ präsentierten Künstler die Ausstellung „Petersburger Hängung“.

Wer gerade die grell gemusterten Unterhosen inspizierte, die Marion Tischler männlichen Unterkörpern aus Kunststoff aufgemalt hat, vernahm plötzlich das Rauschen einer Klospülung. Es handelte sich nicht um die Geräusche einer Multimediainstallation. Daher wurde dem Besucher bald klar, dass er sich in einem Toilettentrakt befand. Und er realisierte: Die Künstler, die in dem ehemaligen Güterbahnhofsgebäude im „Kulturschutzgebiet Petersburg“ die Ausstellung mit dem Titel „Petersburger Hängung“ veranstalteten, meinten es ernst. Denn unter dem Begriff versteht man eigentlich, dass möglichst viel Platz an den Wänden eines Ausstellungsortes genutzt wird, um Kunstwerke zu präsentieren.

Die Veranstalter im Freiraum Petersburg variierten die Definition jetzt: Nicht jeder Zentimeter einer Wand, sondern jeder Raum wurde genutzt. Ob Flur, dunkler Kellerraum, ehemaliger Klettersaal oder Toilette, überall begegnete man Kunst der unterschiedlichsten Art.

Dreizehn Künstler, die im Gebäude arbeiten, oder Freunde des Hauses hatten zu einer Art offenem Atelier geladen. Zum Beispiel Susanne Heitmann, die ihre großformatigen Bilder mit nachdenklich oder traurig wirkenden Kindern zeigte oder eine Reihe mit Porträts von leidenden und wütenden Menschen.

Im Keller stieß man derweil auf die Hase: Gudrun Schmiesing projizierte ihr Video „Hasespaziergang“ zur Musik des Duos Phantom Ghost, derweil Christian Ellermann den Fluss mit seiner Kamera aus der Perspektive eines Schnorchel-Tauchers inspiziert hatte.

Wie unkonventionell die Gastgeber an den zwei Tagen ihre Petersburger Hängung handhabten, zeigte sich im zweiten Stock des Gebäudes, der wohl als Boulderhalle genutzt wurde. Jetzt waren an den simulierten Felswänden mit den typischen porösen Haltegriffen Kunstwerke befestigt. In anderen Räumen und Fluren trafen markante Penisgraffitis auf popartige Altäre von Ane Wendt, Fotografien von Axel Schaffland auf Siebdrucke von Christopher Abendroth, gruselige Zombies von Maximilian Wächter auf eine Rauminstallation von Lucie Vyhnálková. Die „Erste Petersburger Hängung“ geriet zwar nicht so spannend wie der Kunstflashmob am Güterbahnhof vor fünf Jahren, doch gewährte die Ausstellung in ungewöhnlichem Ambiente einen unverstellten Blick auf die hier aktive Kunstszene.


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