Interview mit Bülent Ucar Erstes muslimisches Studienwerk in Osnabrück



Osnabrück. Unter den Weltreligionen war der Islam bislang die einzige, die in Deutschland keine eigene Studienstiftung hatte. Der Verein Avicenna mit Sitz in Osnabrück schließt nun diese Lücke. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden Bülent Ucar, Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Osnabrück, darüber, welche Ziele die Stiftung verfolgt, ob alle Stipendiaten Muslime sein müssen - und welche Rolle die Stadt Osnabrück für Avicenna spielt.

Herr Ucar, das Bundesbildungsministerium hat Avicenna vor kurzem in die Riege der konfessionellen Begabtenförderwerke aufgenommen. Wie kommentieren Sie diese Entscheidung?

Diese Entscheidung war längst überfällig. Sie wurde nicht nur in der muslimischen Gemeinschaft, sondern in breiten gesellschaftlichen Kreisen und über alle Parteigrenzen hinweg begrüßt. Roman Herzog hat vor einigen Jahren gesagt, Bildung und Wissen seien die wichtigsten Ressourcen in unserem Land. Dank des Studienwerks werden diese Ressourcen nun auch unter muslimischen Nachwuchswissenschaftlern gefördert. Das ist gut für die muslimische Gemeinschaft und damit gut für Deutschland.

War es von Beginn an Ihr Ziel, in einer Reihe mit den Studienstiftungen von katholischer, evangelischer und jüdischer Kirche zu stehen?

Ja! Muslime brauchen in Deutschland keine Sonderregelungen, sondern Normalität. Und da darf es kein bisschen mehr und kein bisschen weniger geben als das, was den anderen Konfessionen und ihren Gläubigen zusteht. Bei den ganzen Vorbereitungen haben uns die anderen konfessionellen Förderwerke übrigens sehr zur Seite gestanden. Sie waren unsere größten Unterstützer.

Hat man Sie auch im Bildungsministerium mit offenen Armen empfangen, als Sie mit dem Wunsch vorstellig wurden, ein islamisches Studienwerk zu gründen?

Man ist uns offen begegnet, aber natürlich nicht unkritisch. In Deutschland ist es grundsätzlich nicht leicht, neue Strukturen aufzubauen. Und hinter Avicenna stecken drei Jahre harte Arbeit. Das war ein Kraftakt! Die islamischen Organisationen zu überzeugen, war keine Leichtigkeit. Und die Politik ist natürlich immer sehr sensibel und vorsichtig, wenn es um den Islam geht. Das gilt auch für die unterschiedlichen Behörden. Es war schon so, dass das ganze Projekt von A bis Z durchgescannt wurde.

Hatten Sie den Eindruck, dass man bei Ihnen alles ganz genau geprüft hat - aus Angst, man könnte islamische Extremisten fördern?

Ich würde es so formulieren: Die allgemeinen gesellschaftlichen Sensibilitäten färben natürlich auf die Institutionen ab. Die Mitarbeiter dieser Behörden sind wiederum ein Abbild der Gesellschaft. Und die allgemeine gesellschaftliche Haltung zum Islam dürfte Ihnen bekannt sein. Aber die Zusammenarbeit war insgesamt sehr transparent und konstruktiv.

Wie finanziert sich Ihre Stiftung?

Die Stipendien werden zu hundert 100 Prozent vom Bund bezahlt. Was wir übernehmen müssen, sind die Geschäftsstelle, die Verwaltung und das ideelle Programm. Dabei unterstützen uns zurzeit die Mercator-Stiftung und Privatpersonen. Mittelfristig erhoffen wir uns finanzielle Unterstützung durch islamische Religionsgemeinschaften in Deutschland.

An welche denken Sie konkret?

Zum Beispiel an die zentralen islamischen Organisationen und die Landesverbände. Wichtig ist, dass diese Institutionen unsere Arbeit inhaltlich mittragen und sich auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung positionieren. Wir werden für dieses Projekt übrigens kein Geld in bedeutender Höhe aus dem Ausland annehmen.

Warum nicht?

Weil wir keine Beeinflussung aus dem Ausland haben möchten. Es sei denn, es handelt sich um eine Institution, der das Bundesministerium für Bildung und Forschung ausdrücklich zustimmt.

Befürchten Sie, dass ausländische Islamisten an Sie herantreten, die unter Begabtenförderung etwas völlig anderes verstehen als Sie?

Das weiß ich nicht. Wir orientieren uns jedenfalls an einem Islamverständnis, das in den Moschee-Gemeinden in Deutschland in all ihrer Pluralität ausgelebt und von den allermeisten Muslimen in Deutschland geteilt wird.

Welche Ziele verfolgt Ihr Förderwerk?

Wir möchten wie alle anderen Studienstiftungen wissenschaftliche Exzellenz fördern. Das Wort Elite ist in Deutschland negativ besetzt, aber natürlich betreiben wir auch Elitenförderung. Mein Verständnis von Elite ist aber nicht der arrogante Akademiker, sondern der Wissenschaftler, der sich für unsere Gesellschaft einsetzt. Bei uns kommt hinzu, dass wir viele Menschen fördern werden, die eine Migrationsgeschichte haben. Deshalb wird auch der Anteil von Stipendiaten aus bildungsfernen Schichten bei uns viel stärker ausgeprägt sein als bei anderen Förderwerken - weil die Migranten in diesem Bereich nun mal stärker verortet sind. Wir möchten, dass diese Akademiker zu Vorbildern werden, an denen sich Schüler und Studenten orientieren können. Und der Öffentlichkeit wird damit gezeigt, dass Muslime nicht nur die ewig klagenden Verlierer dieser Gesellschaft sind.

Fördern Sie ausschließlich Muslime oder sind Sie auch offen für Studenten, die nicht Ihrer Glaubensgemeinschaft angehören?

Wir haben unser Auswahlverfahren noch nicht abgestimmt, das soll bis Ende des Jahres geschehen. Grundsätzlich orientieren wir uns an den anderen konfessionellen Förderwerken. Die unterstützen im Wesentlichen bekennende Menschen aus der eigenen Konfession. Wir haben im Vorstand abgesprochen, dass wir einen kleinen Teil nicht-muslimischer Studenten fördern wollen, die sich wissenschaftlich mit interkulturellen, interreligiösen Themen und dem friedlichen Zusammenleben in Deutschland beschäftigen. Der Islam muss dabei nicht unbedingt eine Rolle spielen.

Erwarten Sie von Ihren muslimischen Stipendiaten, dass sie ihren Glauben auch leben?

Grundsätzlich gilt, dass wir bekennende Muslime fördern wollen. Wir werden sicher nicht im Privatleben unserer Stipendiaten herumschnüffeln.

Sie haben an anderer Stelle gesagt, dass Sie mit Avicenna einen „Brain Drain“ verhindern und damit die von Ihnen geförderten Akademiker im Land behalten wollen. Wie soll denn das gelingen?

Ja, das ist ein Wunsch. Wir wollen wie gesagt Menschen fördern, die als Vorbilder dienen. Aber wenn unsere Stipendiaten nach dem Studium in großer Zahl Deutschland verlassen, werden wir dieses Ziel nicht erreichen. Dass der eine oder andere eine Karriere im Ausland anstrebt, ist völlig in Ordnung. In den letzten Jahren sind ja viele Berichte darüber erschienen, dass Akademiker mit Migrationshintergrund etwa in die Türkei auswandern, weil sie dort bessere Chancen für sich sehen. Gerade das möchten wir nicht. Deshalb wird es wichtig sein, diese Bildungselite durch ideelle Förderung und Netzwerkbildung in Deutschland zu halten.

Avicenna wurde in Osnabrück als Verein gegründet - wird nun auch das Begabtenförderwerk seine Geschäftsstelle in der Stadt haben?

Ja, das darf ich jetzt schon sagen: Wir haben beschlossen, die Geschäftsstelle in Osnabrück einzurichten.

Studienstiftungen finanzieren nicht nur Ihre Stipendiaten, sondern bieten auch Seminare, Vorträge und ähnliches. Sie sagten, dass Osnabrück Ihr Geschäftssitz sein soll. Werden Sie dann auch viele Veranstaltungen hier ausrichten?

Wir sind natürlich keine Osnabrücker und auch keine niedersächsische Einrichtung, sondern eine bundesweit agierende Institution. Deshalb werden wir auch Veranstaltungen im ganzen Bundesgebiet anbieten. Aber weil Avicenna in Osnabrück gegründet wurde und die Geschäftsstelle hier ist, werden wir selbstverständlich einige Veranstaltungen in Osnabrück haben. Und ich gehe fest davon aus, dass die Universität und die Stadt uns dabei unterstützen werden.


Avicenna Das Avicenna Studienwerk ist nach dem muslimischen Universalgelehrten Ibn Sina benannt, dessen latinisierter Name Avicenna lautet. Ibn Sina lebte im 11. Jahrhundert, sein bedeutendstes Werk ist ein Kanon der Medizin. Mit dem Avicenna Studienwerk gibt es nun 13 Begabtenförderwerke in Deutschland, darunter vier konfessionelle. Die übrigen stehen den Gewerkschaften und der Wirtschaft sowie den Parteien nahe. Bülent Ucar, der Vorsitzende von Avicenna, ist Professor für islamische Religionspädagogik in Osnabrück.

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