Erste Vermietungen nach Sanierung Neues Leben im Hannoverschen Bahnhof in Osnabrück

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Osnabrück. Die Mitte 2014 begonnene Sanierung des Hannoverschen Bahnhofs in Osnabrück ist noch nicht abgeschlossen, da richten sich die ersten Mieter ein. Zwei von acht Briefkästen vor dem imposanten Gebäude am Wittekindplatz 4 sind bereits beschriftet: Im April eröffnete im Erdgeschoss eine Physiotherapie-Praxis. Und seit wenigen Tagen residiert auch eine Anwaltskanzlei in dem 160 Jahre alten Denkmal – mit freiem Blick aufs Landgericht.

Für Sven (30) und Ellen Jansing (26 Jahre) bedeutet der Einzug in den Hannoverschen Bahnhof den Sprung in die berufliche Selbstständigkeit. „Quietschfidel“ haben sie ihre Physiotherapie-Praxis genannt – ein Name, der mehr verspricht als bloß Krankengymnastik. „Familienfreundlichkeit soll bei uns im Mittelpunkt stehen“, sagt das Betreiber-Ehepaar. Was das erfordert, wissen die Eltern eines Zweijährigen aus eigener Erfahrung. So gehören zum Programm beispielsweise Kurse und Behandlungen, zu denen Väter und Mütter ihre Kinder mitbringen können.

Charmanter Altbau

Darüber hinaus gibt es bei Quietschfidel eine Reihe von Fitnessangeboten, die sich für Bewegungsmuffel und Diätwillige genauso eignen sollen wie für Sportler oder Rehapatienten. Nicht zu vergessen die Wellness-Massagen zum Genießen. Persönliche Atmosphäre sei ihnen wichtig, erklären die Jansings. „Anders als in Fitnessstudios“ würden sie und ihre drei Mitarbeiter besonderen Wert legen auf eine intensive Betreuung. Dafür stehen ihnen auf 345 Quadratmetern unter anderem sechs Behandlungszimmer zur Verfügung sowie ein Kraftraum und ein Kursraum.

Wie sie den Hannoverschen Bahnhof für sich entdeckten? „Über eine Anzeige im Internet. Dieses historische Gebäude mit seinem Altbau-Charme, den hohen Decken und großen Fenstern hat uns gleich zugesagt“, schwärmt Inhaberin Ellen Jansing. Auch von den Kunden ernte sie viel Lob. Was diese aber besonders goutierten, seien die vielen Parkplätze vor dem Haus.

Anwalts Liebling

Zumindest in diesem Punkt unterscheidet sich die Quietschfidel-Klientel also nicht wesentlich von jener der Kanzlei Haverkamp, Mäscher & Partner. Die Experten für Wirtschafts-, Insolvenz- und Steuerrecht haben ein 150-Quadratmeter-Büro im ersten Stock bezogen. Und Anwalt Lars Haverkamp bestätigt: „Mit dem Auto bis vor die Tür fahren zu können, ist unseren Mandanten sehr wichtig.“ Für ihn und seine Kollegen stehen jedoch andere Dinge im Vordergrund: das Mehr an Platz etwa, das der Hannoversche Bahnhof gegenüber der früheren Kanzleiadresse bietet. „Wir sind vor zwei Jahren in der Zelterstraße am Westerberg gestartet, dort aber schnell rausgewachsen.“

Den Ende April vollzogenen Umzug in das repräsentative Innenstadt-Domizil habe man deshalb herbeigesehnt. „Uns war schnell klar, dass dies der schönste Standort ist“, erklärt Haverkamp. Mit vier Büros bietet er sogar die Perspektive, auch personell zu expandieren. Rechtsanwältin Maxie Witter genießt einstweilen die Aussicht Richtung Neumarkt: „Wir können von hier direkt aufs Landgericht schauen – diesen Blick hat man von nirgendwo sonst.“ (Weiterlesen: Osnabrücks schönster und ältester Bahnhof >>)

Investor aus Recke

Hinter dem Umbau des Hannoverschen Bahnhofs steckt die Firma Brüwer Solar aus Recke. Sie hatte das Haus im Herbst 2013 einem Meller Geschäftsmann abgekauft. Für wie viel, ist unklar – ebenso die Summe, die das 1949 gegründete Familienunternehmen aus dem Kreis Steinfurt seither in das Vorhaben gesteckt hat. Bekannt ist lediglich, dass mit diesem Immobiliengeschäft in Osnabrück wachsende Absatzschwierigkeiten beim Kernprodukt Fotovoltaik-Anlagen kompensiert werden sollen.

„Wir investieren in den Hannoverschen Bahnhof, weil wir uns mit der Vermietung ein zweites Standbein schaffen“, erklärte Geschäftsführer Simon Brüwer unserer Redaktion im Februar 2014 – und fügte mit Blick auf den jahrelangen Leerstand des historischen Gebäudes hinzu: „Der Hannoversche Bahnhof soll endlich aus seinem Dornröschenschlaf erwachen.“

Noch Flächen verfügbar

Das tut er auch erkennbar, über die genauen Umstände herrscht gleichwohl Rätselraten. Denn was Details der Sanierung und Vermarktung angeht, ist Brüwer sehr zurückhaltend. Sämtliche Anfragen zu Planung und Fortschritt der Bauarbeiten lässt der Firmenchef seit Monaten unbeantwortet. Und das, obwohl eine Fertigstellung ursprünglich schon für Herbst 2014 angekündigt war. Doch wie es aussieht, wird noch eine Weile am Hannoverschen Bahnhof gebaut: Erst kürzlich wurde das Dach eines Seitenflügels entfernt, und noch immer sind Teile des Gebäudes von Gerüsten umstellt. (Weiterlesen: Hannoverscher Bahnhof wird wachgeküsst >>)

Bleibt also – was die Vermietungen angeht – zunächst nur der Blick in Exposés, welche die beauftragte Immobilienmaklerin Rita Schulte (Osnabrück) im Internet zur Verfügung stellt. Demnach sind noch einige Büro- und Praxisflächen im Hannoverschen Bahnhof zu haben: zweimal 100 Quadratmeter im ersten und zweiten Obergeschoss des im Bau befindlichen Nebentrakts (Mietpreis jeweils 1000 Euro/Monat plus Steuern und Nebenkosten). Außerdem das auf 177 Quadratmetern ausgebaute und mit Fahrstuhl erschlossene Dachgeschoss des denkmalgeschützten Haupthauses (1593 Euro). Drittens eine 330 Quadratmeter große Einheit, die ab 2970 Euro kosten soll. Gerade letzteres Objekt scheint nicht leicht zu vermitteln: Gegenüber einem früheren Exposé von Ende 2014 wurde der Mietpreis pro Quadratmeter hier bereits um einen Euro gesenkt.

Weitere Teile unserer Serie „Das tut sich in Osnabrück“ finden Sie hier.


Hannoverscher Bahnhof in Osnabrück

In Osnabrück begann das Eisenbahnzeitalter am 21. November 1855 mit der Eröffnung der Strecke nach Löhne. Dort gab es bereits Anschluss nach Hannover. Und so erhielt der im selben Jahr eröffnete Bahnhof in Osnabrück den Namen Hannoverscher Bahnhof.

Er wurde als repräsentativer Hauptbahnhof für den Personen- und Güterverkehr angelegt, zudem gab es Büroräume für die Verwaltungsbeamten der Hannoverschen Eisenbahndirektion. 1856 wurde die Verbindung in westlicher Richtung, über Rheine nach Emden, in Betrieb genommen. Eine schnurgerade Straße verband den Bahnhof, um den sich das noble Wohn- und Geschäftsviertel „Am Schillerplatz“ entwickelte, mit der alten Stadt. Als der Hauptbahnhof 1895 als Kreuzungsbahnhof den gesamten Eisenbahnverkehr in der Stadt aufnahm, wurde der Hannoversche Bahnhof zunehmend überflüssig. Schon bald wurde er als Haltepunkt für Personenzüge aufgegeben, als Güterbahnhof wurde er immerhin noch bis 1913 genutzt.

Danach fand das imposante Gebäude stets Verwendung für die Bahnverwaltungen, ehe es 2004 von der Deutschen Bahn verkauft wurde. Gut zehn Jahre stand der Hannoversche Bahnhof anschließend leer. Ende 2013 erwarb die Firma Brüwer Solar aus Recke das Gebäude und lässt es seit Anfang 2014 umbauen. Seit April 2015 wird es von mehreren Mietern gewerblich genutzt.

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