Premiere am Samstag im Theater am Domhof Adriana Altaras und Almerija Delic, die Frauen hinter „Carmen“


Osnabrück. Als Treffpunkt für ein Interview wählen Adriana Altaras und Almerija Delic ein Café in der Redlingerstraße. Dafür sprechen zwei Gründe: der gute Kaffee und der Besitzer. Der stammt nämlich aus Ex-Jugoslawien, wie Altaras, die Regisseurin der „Carmen“ am Theater, und Delic, ihre Hauptdarstellerin.

Frau Altaras, Frau Delic, wie war Ihr erstes Treffen?

Delic: Gesehen haben wir uns auf dem Theatervorplatz – und uns direkt umarmt. Wir hatten vorher einmal telefoniert, und da habe ich gemerkt: Die ist genauso direkt wie ich.

Altaras: Ich hatte Dir mein Buch geschickt, und zwar auf Serbokroatisch...

Titos Brille “?

Altaras: Ja. Ich kannte niemanden, der das in der Originalsprache lesen kann. Aber meine zukünftige Carmen.

Delic: Das lag nach einer Vorstellung der „Johannes-Passion“ auf meinem Tisch. Erst dachte ich, das sei eine Fata Morgana, dann habe ich drin geblättert und gedacht, ich bilde mir das jetzt ein, habe noch mal geguckt, und bin dann rumgerannt und habe es jedem gezeigt...

Altaras: Das hat mich total aufgeregt, denn aus unserer gemeinsamen Herkunft entsteht eine Komplizenschaft. Neulich bin ich ins Theater gekommen und habe einen Spruch gesagt, den niemand verstanden hat. Nur Almerija: „S jednom riti svugdje biti“ – mit einem Hintern an zwei Orten sein. Meine Mutter hat das immer zu mir gesagt, weil ich das immer wollte. Und Almerija fing sofort an zu lachen.

Ist ihre gemeinsame Geschichte ein Thema für Sie?

Altaras: Wenig, weil wir die meiste Zeit gearbeitet haben.

Delic: Wir haben zu wenig Zeit gehabt. Aber ich merkte immer wieder...

Altaras: ...wie es kurz aufblitzt.

Frau Altaras, Sie sind
in den 60er-Jahren aus
Jugoslawien geflüchtet,
Sie, Frau Delic, in den
90er-Jahren. Hat sich
das auf Ihre „Carmen“
ausgewirkt?

Altaras: Die gemeinsame Geschichte erleichtert den Umgang mit bestimmten Dingen. Wenn ich sage, „Almerija, hart bleiben, lass Dir nichts sagen und bleib trotzdem charmant“, dann weiß sie, was zu tun ist: Die Codes sind ähnlich.

Delic: Absolut. Ich brauche nicht viel von Adriana. Drei Worte, und dann weiß ich, was sie meint.

Auch mal auf Serbokroatisch?

Altaras: Ganz selten. Nur wenn ich nicht will, dass die anderen das verstehen.

Delic: Wir wollten ja immer höflich bleiben.

Altaras: Aber manchmal haben es die Umstände erfordert. Aber das ist unser gemeinsamer Code.

Haben Sie Ihre Inszenierung auf Almerija Delic ausgerichtet?

Altaras: Nein. Aber ich wusste, dass sie das gut machen würde. Umgekehrt hätte ich die Inszenierung ändern müssen, wenn ich jemand anders gehabt hätte. Aber ich wusste ja nicht, was ich alles herauskriegen würde aus ihr. Ich hatte einen ganzen Fragenkatalog, und den haben wir abgearbeitet. Manches haben wir gelöst, manches nicht. Aber wäre es jemand anders gewesen, hätten wir viel weniger herausgekriegt.

War die Arbeit anders als mit den Regisseuren, mit denen Sie bisher gearbeitet haben, Frau Delic?

Delic: Absolut. Für mich war das die schönste Arbeit, seit ich in Osnabrück bin.

Weil Sie eine Hauptrolle singen?

Delic: Auch. Aber mehr noch wegen der Art, wie man arbeitet. Dieses Verstehen, was jemand will. Und dass man diszipliniert arbeitet und trotzdem den Humor nicht verliert.

Altaras: Ich arbeite relativ hart...

Delic: ...diszipliniert, würde ich sagen...

Altaras: ...weil ich früh fertig werden will. Ich habe gerne zwei Durchläufe vor den Hauptproben.

Delic: Mir geht es ähnlich. Ich arbeite auch gern und mag keine stundenlangen Diskussionen, die am Ende nichts bringen.

Altaras: Ein Interview mit den Männern wäre doch interessant! Man müsste sie fragen: „Wie war denn die Arbeit mit den beiden Weibern?“

Das mache ich nach der Premiere. Wo und wann spielt denn Ihre „Carmen“?

Altaras: Der Ort ist allgemeingültig, aber inspiriert von einer Arena, und es spielt in der heutigen Zeit. Keine Rüschen, eher Milieu. Aber keine Angst; die Leute laufen nicht mit Edeka-Tüte rum. Am meisten hat mich das Machtgefüge zwischen Männern und Frauen interessiert, aber auch das zwischen oben und unten.

Delic: Ich finde schön, dass es nicht diese typische, aufgesetzte Carmen ist. Wir haben es geschafft, die Figur in eine authentische Bahn zu lenken.

Altaras: Wenn ich Carmen bin, wie bin ich dann? Das ist doch die Frage. Und die Carmen von Almerija ist eben ihre Carmen.

Delic: Eigentlich unsere. Du könntest sie auch spielen!

Altaras: Aber ich singe extrem schlecht.

Wie intensiv und ausführlich haben Sie über Carmen gesprochen?

Delic: Während des Prozesses.

Altaras: Immer wieder. Ich arbeite ja mit meinen Sängern wie mit Schauspielern. Das heißt: Die müssen sich immer anhören, was ich aufgeschrieben haben.

Delic: Aber genau das fand ich schön: dass du nicht gesagt hast, so ist es, sondern dass Du Fragen gestellt hast.

Altaras: Das Lustige war: Ich habe eine Woche früher angefangen, weil die Premiere eine Woche nach vorne verlegt wurde. Ich dachte, in dieser Woche probe ich mit Almerija. Aber sie war krank...

Delic: ...einmal im Leben!

Altaras: Also haben wir um sie herum geprobt. Dadurch wurde das Vakuum immer größer, die Erwartung wuchs, und dann kam sie und zack - es lief.

Delic: Eigentlich bin ich ja nie krank. Das war die einzige Woche in diesen drei Jahren, seit ich hier bin, dass ich krank war. Ich habe mich so geärgert!

Altaras: Für Almerija ist „Carmen“ das non plus ultra, und es wird sicher nicht das letzte mal sein, dass sie diese Rolle spielt. Das wird so ein Thema werden. Und für mich war es so, dass Ralf Waldschmidt mir das Stück angeboten hat – und dafür bin ich nach Osnabrück zurückgekehrt.


Premiere von Carmen: Samstag, 2.5., 19.30 Uhr (ausverkauft). Restkarten für die Generalprobe am 30.4. 19.30 Uhr. Tel. 0541/7600076

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