Zuschauer hinter den Kulissen Osnabrück: Fotoshooting für neues Theater-Spielzeitheft

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Hier dürfen sich eigentlich nur Ensemble-Mitglieder aufhalten: Fürs neue Spielzeitheft machte das Theater eine Ausnahme für Fotografin Philine von Sell (mit Kamera), Ann-Kristin Flottmann (2. von rechts) und ihren Großvater Günter (rechts).Foto: Jörn MartensHier dürfen sich eigentlich nur Ensemble-Mitglieder aufhalten: Fürs neue Spielzeitheft machte das Theater eine Ausnahme für Fotografin Philine von Sell (mit Kamera), Ann-Kristin Flottmann (2. von rechts) und ihren Großvater Günter (rechts).Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Für das neue Spielzeitheft hat sich das Theater Osnabrück etwas Besonderes ausgedacht: In diesem Jahr durften Osnabrücker einen Blick hinter die Kulissen werfen. Die renommierte Fotografin Philine von Sell hielt ihre Erfahrungen fest.

Die weiß getünchten Kellerwände schleudern den Gesang zurück, sodass er im Ohr des Besuchers scheppert. Ein Opernensemble in Zivil probt im Osnabrücker Theater für die Premiere von „Carmen“. Beim längeren Hinsehen wollen allerdings mindestens zwei der Anwesenden nicht recht ins Bild passen. Ein rundlicher, älterer Herr im hellblauen Sakko wandert bedächtig durch die Reihen der Sänger, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Er schaut hier in die Noten, tätschelt dort den Arm eines Künstlers. Manchmal lässt er seine Linke auf einem Notenständer ruhen, als überwache er die ordnungsgemäße Umsetzung der Töne. Was auf den ersten Blick ein weißes Einstecktuck in seiner Brusttasche zu sein scheint, entpuppt sich als Eintrittskarte zum Musical „Jekyll&Hyde“ , das kurz zuvor in Osnabrück seine Premiere feierte.

Der Mann im blauen Sakko heißt Günter Flottmann, ist regelmäßiger Theatergänger und wird im neuen Spielzeitheft abgebildet sein. Das kleine Buch kündigt nicht nur Premieren und Konzerte der kommenden Saison an, sondern informiert auf knapp 200 Seiten auch über Mitarbeiter und die verschiedenen Abonnements. Zusätzlich soll es durch Fotos die Verbundenheit des Theaters mit der Stadt und ihren Bewohnern dokumentieren. So hatten die Künstler in den vergangenen Jahren zum Beispiel die Frage nach ihrem „Lieblings-Osnabrücker“ in Bildern festhalten lassen. Für die Spielzeit 2014/2015 hatten sie ihren Lieblingsort preisgegeben.

Carmen-Probe

In diesem soll ein Blick hinter die Kulissen bebildert werden. Darum darf zum Beispiel Günter Flottmann an der Carmen-Probe teilnehmen, andere sitzen fürs Foto während eines Tanzabends im Orchestergraben. Insgesamt 25 Privatleute mit besonderer Beziehung zum Theater wurden ausgewählt. Sie werden zusammen mit den Ensemble-Mitgliedern sowie Kinder- und Jugendgruppen des Theaters abgebildet. Für die zweiwöchige Fotoproduktion ist Philine von Sell eigens aus dem Elsass angereist. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihre Filme, etwa den Sabre Award für eine Siemens-Filmserie zum Thema Werte. Eine ihrer Fotografien wurde 2007 von der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages angekauft.

„Ich bin eine beobachtende Fotografin. Sie ignorieren mich total“, hatte sie ihren Protagonisten zu Beginn der Probe mit auf den Weg gegeben. Da stand Günter Flottmann noch direkt neben seiner Enkelin, der zweiten Besucherin, die heute im Mittelpunkt steht. Ann-Kristin Flottmann ist einen Kopf größer als ihr Großvater. Ihr Strickpullover bildet einen Kontrast zu den kurzen, roten Haaren.

Dass ausgerechnet diese beiden hier stehen, ist kein Zufall. Als Zehnjähriger schlich sich der heute 81-Jährige Günter zum ersten Mal ins Osnabrücker Theater. Seine Großtante war dort Schließerin und ließ den Jungen hinein. Auf der Bühne riss ihn die Geschichte von Siegfried und Krimhild mit. „Es hat mich begeistert, dass da noch die Gerechtigkeit siegt. Seitdem bin ich Theaterfan.“

Sieben Intendanten später geht der Rentner reflektierter an die Aufführungen heran. Den Figaro hat er fünf Mal gesehen. „Nur so kommen Sie der Regie auf die Spur.“ Nach dem Tod seiner Frau begleitete ihn die Enkelin. So mussten die Mitarbeiter an der Theaterkasse nicht lange überlegen, als sie nach bekannten Gästen gefragt wurden. Dass Günter Flottmann so häufig an der Kasse steht, liegt daran, dass er kein klassischer Abonnent ist. Er kauft die Karten gerne spontan. Die „Abonenntenperspektive“ mag er nicht. „Wir sitzen auch nicht immer zusammen“, sagt Flottmann. Seine Enkelin sitze gerne vorne, „ich habe lieber den Überblick“. Die Verwandlung vom Zuschauer in einen Akteur im Fokus der Kamera mache ihnen aber nichts aus, erklärt der 81-Jährige. Tatsächlich haben sowohl Großvater, als auch Enkelin keine Berührungsängste. Ann-Kristin Flottmann sieht sich alles genau an, mal legt sie einen Arm um eine der Sängerinnen – Künstler und Besucher sehen sich schließlich regelmäßig nach den Aufführungen in der Kantine. „Die meisten haben dann eine ausgedörrte Kehle. Man sieht sich zwei, drei Mal und schon weiß man das Wichtigste vom anderen“, erklärt Günter Flottmann.

Während Günter Flottmann und seine Enkelin durch den Raum wandern, bewegt sich Philine von Sell immer auf Höhe der beiden mit. Die Fotografin ist ganz in Schwarz gekleidet, nur die Ringe an ihren Händen blitzen hin und wieder auf, wenn sie die Kamera hochhält.

Schönheit wirken lassen

An ihre Canon 5D hat sie ein Stativ montiert, das sie meist fest umschlossen mit der anderen Hand hält. Mal hält sie inne, mal bewegt sie sich fast tänzelnd um eine Szene herum.

Bei einem anschließenden Kaffee in der Kantine erklärt sie, sie lasse die Schönheit der Menschen wirken, ohne etwas zu stellen. Dazu müsse man warten, Geduld haben und aufmerksam sein. „Du musst dich ganz auf den Moment einlassen und nicht bewerten.“ Es sei wie mit einer Fliege, die sie behutsam fange und versuche, mit heilen Flügeln nach Hause zu bringen.

Der Aufenthalt in Osnabrück ist für Philine von Sell keine ganz neue Erfahrung. Im vergangenen November hatte sie einen Headhunter in der Stadt porträtiert. Außerdem wohnt hier eine Texterin, mit der von Sell regelmäßig zusammenarbeitet: „Osnabrück habe ich ständig am Telefon.“ Beim jetzigen Besuch sei sie trotzdem überrascht gewesen. Zum einen über die Künstler, „tolle, freudvolle Leute“, aber auch über einzelne Begegnungen, wie die mit dieser „wunderbaren Frau von der Kunsthalle – so eine offene, authentische und tolle Frau habe ich in Osnabrück nicht erwartet“, sagt von Sell und meint damit Kunsthallen-Leiterin Julia Draganović . „Das macht Spaß, solche Menschen zu treffen.“

Zufrieden zeigt sie sich auch mit dem Einsatz von Großvater und Enkelin. Wie bei der Sitzwahl im Theater, so gehen die beiden auch im Probenraum meist getrennte Wege und treffen sich selten. Einmal aber sind zufällig beide zur Stelle, als der musikalische Leiter der Probe, der Erste Kapellmeister Daniel Inbal, mit großen Gesten zu Carmen-Darstellerin Almerija Delic geht. „Du singst ein E!“, erklärt er und wirft sicherheitshalber noch einen Blick in ihre Noten. In diesem Moment wird die Sängerin eingerahmt. Rechts sieht ihr Günter über die Schulter und nickt zustimmend, links steht Ann-Kristin. Von Sell eilt hinzu und nutzt die kurze Zeitspanne, in der alle zusammenstehen und lachen, um auf den Auslöser zu drücken.


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