In Opa Pentermanns Fußstapfen Oldie-Nachbau startet beim Osnabrücker Seifenkistenrennen

Von Michael Schwager


Osnabrück. Vor knapp 65 Jahren, am 10. September 1950, fand das erste Osnabrücker Seifenkistenrennen statt. Damals noch auf der Rheiner Landstraße. Jetzt, am Himmelfahrtstag, 14. Mai, rollt der Nachbau einer der Ur-Seifenkisten von 1950 über die Strecke am Hauswörmannsweg.

Erinnerungen kommen wieder bei Hermann Pentermann, als er zuschaut, wie das leuchtend rote Gefährt mit den Werbeaufklebern des Sponsors verziert wird. Genauso sah die Kiste aus, mit der er am 10. September 1950 über die Rheiner Landstraße gedüst ist. Wobei – gedüst ist vielleicht etwas übertrieben. Der heute 75-jährige erzählt bei der Präsentation des Nachbaus am Ziegenbrink: „Wir mussten in der Seifenkiste immer vor- und zurückruckeln. Das Gefälle der Straße am Start am Schweizerhaus war einfach nicht groß genug.“ Um noch etwas mehr Schwung zu bekommen, hatten die Fahrer nach einer Probefahrt auf der Albrechtstraße Gehwegplatten in die Seifenkisten gelegt. Aber dieser „Trick“ erwies sich im Rennen als eher nachteilig.

Die Seifenkistenrennen waren nach dem Zweiten Weltkrieg aus Amerika nach Deutschland importiert worden. Ein findiger amerikanischer Seifenfabrikant hatte seinerzeit den Bauplan eines leicht nachzubauenden Autos als Hingucker auf seine Verpackungskisten gedruckt. Später belieferte er die jungen Piloten auch mit weiteren benötigten Bauteilen wie Achsen, Räder, Bremsmechanik und Lenkung.

In Osnabrück dagegen wurde bei der Premiere 1950 noch heftig improvisiert. Der Cola-Importeur Hubert Heydt aus Haselünne hatte den Kinderrennsport zusammen mit seiner koffeinhaltigen Limonade aus den USA in die Region gebracht. Zum Einsatz kamen in Osnabrück damals noch Kinderwagenräder, Sperrholzplatten und abenteuerliche Bremsen, bei denen mit einem Handhebel ein Klotz auf die Hinterräder gedrückt wurde.

Etwas professioneller ging es dann aber schon wenige Jahre später zu, als Gerd Bücker erstmals an den Start ging. Bei ihm war der Vater der eigentliche Impulsgeber. Nachdem er bei einer Präsentation Seifenkisten in der Kaserne am Limberg gesehen hatte. „Eines Tages kam er mit einer dicken Holzbohle und dem Bausatz an.“ In der Werkstatt des Familienunternehmens machte sich Bücker junior an die Arbeit. Aus Bandeisen baute er auf den Holzunterbau einen Rahmen für die Karosserie. Als Verkleidung schraubte er dünne Bleche auf diesen Rahmen. Mit seinem Eigenbau gewann Bücker den Osnabrücker Vorlauf und qualifizierte sich damit für die Bundesmeisterschaft, die in Duisburg über die Bühne ging. Die Firma Opel hatte inzwischen in Seifenkistenrennen als Chance entdeckt, Autobegeisterung bei Jugendlichen zu wecken und sie früh für die Rüsselsheimer Automarke zu interessieren. Opel produzierte einige Standard-Bauteile wie zum Beispiel Räder aus Pressstahl mit Vollgummibereifung. So einen Originalradsatz mit geprägtem Opel Schriftzug hat Bücker, der auch noch seine damalige Rennkluft mit Helm und die Siegerschärpe auf dem Dachboden hatte, den Seifenkisten-Bastlern vom Ziegenbrink zur Verfügung gestellt. Am 14. Mai soll das historische Material zum Einsatz kommen.

Zum Sieg in Duisburg reichte es für Gerd Bücker damals nicht ganz. Dennoch wurde er nach dem Spektakel am Kaiserberg mit den anderen erfolgreichen Teilnehmern zu einer Rundreise durch Süddeutschland eingeladen. Ein Besuch auf der Opel-Teststrecke gehörte mit zum Programm. Bücker erinnert sich noch genau an den Spaß, den sich die Gastgeber mit den jungen Rennfahrern erlaubten: Sie hatten sie aufgefordert, sich neben das Wasserbecken an der Teststrecke zu stellen. Dann raste ein Probefahrzeug mit Tempo an ihnen vorbei, und sie standen dort alle wie die begossen Pudel in ihren kurzen Cordhosen.

Spaß muss sein, und dieses Motto gilt auch wieder in der Fun-Klasse beim 14. Osnabrücker Seifenkisten-Rennen am Himmelfahrtstag. Tischler Paul Hahn hat sich in diesem Jahr zwar auf den Nachbau der Pentermannschen Fünfzigerjahrekiste konzentriert. Vor allem historischen Schwarzweiß-Fotos dienten ihm dabei als Konstruktionsunterlagen.

Unter Paul Hahns Anleitung ist in den vergangenen Jahren eine ganze Flotte von besonderen Rollfahrzeugen entstanden. Rund 40 Einzelstücke sind inzwischen auf Achse – darunter fahrende Rasenmäher mit Motorsound, Nordwestbahn-Triebwagen, rollende Immobilien wie das Osnabrücker Rathaus oder der Dom. „Die Johanniskirche war das Schwierigste, was ich bisher gebaut haben“, findet der versierte Seifenkisten-Chefkonstrukteur vom Ziegenbrink.

Etwas skeptisch reagiert Pentermann jetzt auf den Vorschlag, sich am 14. Mai noch einmal selbst in die Kiste zu setzen, um am Hauswörmannsweg an alte Zeiten anzuknüpfen. Schon 1950 hatte er nicht selbst Rennfahrerambitionen entwickelt, sondern war mehr oder weniger auf Geheiß seines Vaters an den Start gegangen. Und auch diesmal, einige Zentimeter größer und etwas schwerer, schäumt er nicht über vor Begeisterung. Als auch seine Bedenken, die Kiste würde wohl unter ihm zusammenbrechen, vom Tisch gewischt werden, rettet er seinen Hals mit einem cleveren Schachzug: Wie es denn wäre, wenn seine Enkelin Sarah an seiner Stelle in die Lenkseile greifen würde – in dem Punkt also ganz der Vater.


Anmeldung zum 15. Seifenkistenrennen

Ein Hauch von großem Rennsport liegt in der Luft, wenn es am Donnerstag, 14. Mai, ab 9 Uhr wieder heißt Seifenkistenrennen in Osnabrück. Wie die Stadt weiter mitteilt, werden für den Himmelfahrtstag 150 Rennpiloten und 5000 Zuschauer erwartet.

Eine Anmeldung ist für Interessierte möglich. Auch Fahranfänger jeden Alters, die keine eigene Seifenkiste besitzen, können sich ein Renngefährt aus dem Fahrzeugpool des Gemeinschaftszentrums (GZ) Ziegenbrink ausleihen. Anmeldungen nimmt das Gemeinschaftszentrum Ziegenbrink unter Tel. 0541-52344 entgegen.

Neben der Rennstrecke findet ein Familienfest mit Live-Musik, Clownerie sowie Spiel- und Sportaktionen statt. Vereine, Initiativen und Firmen bieten Info- und Präsentationsstände. „Frank und seine Freunde“, „Chris Rehers“ und „Fabulara“ sowie Clown Lille unterhalten die Besucher mit Musik, Spaß und Spielwitz und Beo`s Spielbühne animiert zum Mitmachen.

Vier offizielle Klassen hat der Seifenkistenverband Deutsche Seifenkisten Derby(DSKD) vorgesehen. Die Junior Klasse für Jungen und Mädchen im Alter von 7 bis 12 Jahren, die Senior Klasse von 11 bis 17 Jahren, die sogenannte Elite XL Klasse für größere Fahrer von mindestens 1,75 Meter Größe an sowiedie Elite XL 18 Klasse. Darüber hinaus gibt es die DSKD-Oben-klasse. Diese Abteilung ähnelt der Fun-Klasse, die in Osnabrück schon seit Jahren am Start dabei ist. Piloten von 8 bis 88 Jahren, die nicht nur Spaß am Rennfahren, sondern auch an möglichst originellen Eigenbauten haben, treten in dieser Klasse an.

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