Kraftwerke schreiben rote Zahlen Osnabrücker Stadtwerke haben ein Problem mit der Kohle

100 Millionen Euro Verlust in nur einem Jahr: Das Kohlekraftwerk in Lünen gehört zu knapp zwei Prozent den Osnabrücker Stadtwerken. Foto: Marius Becker/dpa100 Millionen Euro Verlust in nur einem Jahr: Das Kohlekraftwerk in Lünen gehört zu knapp zwei Prozent den Osnabrücker Stadtwerken. Foto: Marius Becker/dpa

Osnabrück. Stabile Strompreise sollten sie garantieren, jetzt werden sie zur Kostenfalle: Die Kraftwerke, an denen sich die Osnabrücker Stadtwerke beteiligt haben, fahren Millionenverluste ein. Für das kommunale Unternehmen bedeutet das sinkende Gewinne. Der Schaden lasse sich durch die Rücklagen aber auffangen, heißt es aus der Zentrale.

Beteiligt sind die Stadtwerke Osnabrück an Kohlekraftwerken in Lünen und Hamm, außerdem an einem Gaskraftwerk in Hamm. Alle drei Anlagen sind in den vergangenen Monaten wegen ihrer anhaltenden Verluste in die Schlagzeilen geraten.

Trianel Lünen: Das Kohlekraftwerk (Baukosten: 1,4 Milliarden Euro, in Betrieb seit 2013) hat im vergangenen Jahr einen Verlust von 100 Millionen Euro erwirtschaftet. Für 2015 wird ein ähnlich hoher Wert erwartet. Zu den 31 Gesellschaftern des Betreiberkonsortiums Trianel gehören auch die Stadtwerke Osnabrück, die mit ihrem Anteil von 4,22 Prozent auch an den Verlusten beteiligt sind . Gegen das Kraftwerk laufen noch Klagen von Naturschützern, über die noch nicht gerichtlich entschieden ist. Dabei geht es um Wasserentnahmen und den Lebensraum von Uhus, den der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) durch den Bau einer Hochspannungsleitung bedroht sieht. Wie alle Gesellschafter müssen auch die Stadtwerke Osnabrück den Strom aus dem Kohlekraftwerk Lünen teurer bezahlen als an der Strombörse.

Gekko Hamm: 23 kommunale Anteilseigner haben sich mit dem RWE zusammengeschlossen, um zwei 800-MW-Kohlekraftwerksblöcke in Hamm-Uentrop zu errichten. Der Anteil der Stadtwerke Osnabrück beträgt 1,96 Prozent. Inzwischen wird das 2,7-Milliarden-Euro-Projekt als das Ergebnis von „Pleiten, Pech und Pannen“ verspottet. Block E ist seit Juli 2014 in Betrieb, Block D sollte eigentlich 2015 folgen. Vielleicht wird er niemals Strom liefern. Aus ungeklärten Gründen sind im Herbst 2013 große Mengen Salzsäure in das Kraftwerk geleitet worden und haben gravierende Schäden verursacht. Ein Jahr später räumte RWE Probleme bei der Dampferzeugung ein, die auf Risse im Leitungssystem zurückgehen sollen. Inzwischen haben die „Rheinische Post“ und das „Handelsblatt“ berichtet, dass dieser Block wohl niemals ans Netz gehen werde. Das könnte immerhin eine Ausstiegsoption für die Stadtwerke sein – ein Szenario, das keine offizielle Stelle bestätigen oder dementieren will.

Trianel Hamm:Seit 2007 ist das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk am Netz. Die Stadtwerke Osnabrück haben sich zusammen mit 27 anderen kommunalen Versorgern an dem Gemeinschaftsprojekt mit 2,5 Prozent (2,1 Millionen Euro) beteiligt. Im Gegensatz zur Kohleverstromung gilt der Betrieb mit Erdgas als umweltfreundlich, aber der Brennstoff ist vergleichsweise teuer. Obwohl das 850-MW-Kraftwerk zu den modernsten und effizientesten Anlagen gehört, wird es nur noch zu 50 Prozent genutzt. Und die Verluste sollen sich inzwischen auf 50 Millionen Euro summiert haben. Sogar eine Stilllegung war schon im Gespräch, allerdings nur als letzte Option. Sie würde allerdings die Zustimmung der Bundesnetzagentur erfordern.

30 Mio. Euro Rücklage

Mit ihren kostenträchtigen Kraftwerksbeteiligungen haben sich die beteiligten Stadtwerke in große Schwierigkeiten manövriert. Vor allem im Ruhrgebiet ist schon von „Restrukturierungsmaßnahmen“ und betriebsbedingten Kündigungen die Rede. In Duisburg wurden Pläne für den Bau eines Wasserkraftwerks und mehrerer Windräder aus Kostengründen aufgegeben, in Dortmund zwangen die Verluste ebenfalls dazu, Investitionen in erneuerbare Energien auf Eis zu legen. Gewinnausschüttungen an die Kommunen sind arg geschrumpft, wenn sie nicht schon ganz eingestellt wurden.

In Osnabrück sank der Jahresüberschuss, der regelmäßig an die Stadtkasse überwiesen wird, zuletzt auf 3 Millionen Euro, obwohl der Umsatz Rekordniveau erreichte. Aber von Katastrophenmeldungen will Marco Hörmeyer nichts wissen. Der Sprecher der Osnabrücker Stadtwerke spricht von „Fehlentwicklungen im Erzeugungsmarkt“, die die Ergebnisse aller Energieversorger belasteten, und räumt ein: „Davon sind auch wir betroffen.“ Aber das Unternehmen sei zuversichtlich, „dass die notwendigen Reformen eingeleitet werden und unsere Kraftwerksbeteiligungen langfristig wieder rentabel werden“.

Schon seit einigen Jahren würden Rückstellungen zur Risikovorsorge gebildet, um drohende Verluste aus den Kraftwerksbeteiligungen zu kompensieren. Derzeit belaufe sich diese Risikovorsorge auf mehr als 30 Millionen Euro, und damit seien die Stadtwerke auch gegen mögliche Verluste der nächsten Jahre gut gewappnet. Diese Rückstellungen würden jährlich angepasst und rollierend fortgeschrieben. Das Eigenkapital bleibe auf jeden Fall verschont.

Auch in diesem Jahr werde es einen Jahresüberschuss geben, kündigt Hörmeyer an, und zwar über dem Vorjahresniveau. Trotz der extremen Schieflage im Energiemarkt seien die Stadtwerke zuversichtlich, auch zukünftig Gewinne zu erzielen. Und die Kraftwerke würden auf lange Sicht ebenfalls rentabel arbeiten, wenn die Politik für die notwendigen Reformen sorge. Inzwischen sei politisch akzeptiert, dass die Rahmenbedingungen für den Erzeugungsmarkt geändert werden müssten.

Warum eigene Kraftwerke?

Dass sich die Stadtwerke Osnabrück am Bau von zwei Kohlekraftwerken beteiligten, rief 2008 viel Kritik hervor. Vorstand Manfred Hülsmann begründete den Schritt damit, dass auch die Stadtwerke den Strom zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten müssten, zumal auch ihre Kunden aufs Geld schauten.

Seitdem haben sich die Rahmenbedingungen auf dem Energiemarkt mehrfach verändert. Zuerst wurde eine Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke beschlossen und nach der Katastrophe von Fukushima wieder außer Kraft gesetzt. Mit dem Vorrang für erneuerbare Energien zeichnete sich langsam ab, dass die Stadtwerke in Lünen und Hamm aufs falsche Pferdgesetzt hatten. Durch Fehlentwicklungen auf dem Energiemarkt sind aus alten, längst abgeschriebenen Braunkohlekraftwerken Umsatzbringer geworden, während weniger umweltschädliche neue Steinkohlekraftwerke und effiziente Gaskraftwerke rote Zahlen schreiben.


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