Gymnasium „In der Wüste“ MdB Middelberg mit Zeitzeugin in Osnabrücker Gymnasium

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Dank Hans Calmeyers Entscheidung wurde Anne Franks beste Freundin, Jaqueline van Maarsen, von der Deportationsliste gestrichen. Von ihren Erlebnissen berichtete sie beim Zeitzeugengespräch im Gymnasium „In der Wüste“, unterstützt von ihrem Mann Ruud (sitzend), Schulleiter Jürgen Westphal (links) und Mathias Middelberg. Foto: Jörn MartensDank Hans Calmeyers Entscheidung wurde Anne Franks beste Freundin, Jaqueline van Maarsen, von der Deportationsliste gestrichen. Von ihren Erlebnissen berichtete sie beim Zeitzeugengespräch im Gymnasium „In der Wüste“, unterstützt von ihrem Mann Ruud (sitzend), Schulleiter Jürgen Westphal (links) und Mathias Middelberg. Foto: Jörn Martens

cby Osnabrück. 300 Schüler der achten und neunten Klasse des Gymnasiums „In der Wüste“ lauschten jetzt in der Schulaula den Worten der 86-jährigen Niederländerin Jacqueline van Maarsen. Gemeinsam mit ihrem Mann und dem Bundestagsabgeordneten Dr. Mathias Middelberg sprach sie über ihre enge Freundschaft zu Anne Frank, dem Überleben unter der deutschen Besatzung und der Bedeutung Hans Calmeyers.

Sie waren beste Freundinnen, doch nur eine überlebte das Grauen der Nazi-Diktatur: Anne Frank und Jacqueline van Maarsen verband ein bewegendes Schicksal. Mehrere Bücher hat van Maarsen über diese Zeit und ihre Freundschaft zu Anne Frank geschrieben. Aus dem 2003 erschienenen Buch „Ich heiße Anne, sagte sie, Anne Frank“ trug sie während ihres Vortrages einige Passagen vor. Eng und intensiv sei ihre Freundschaft gewesen, berichtete van Maarsen, die Anne Frank 1941 im jüdischen Lyzeum Amsterdams kennengelernt hatte. Sogleich nach dem deutschen Einmarsch, ein Jahr zuvor, hatten die Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung in den Niederlanden begonnen, und Entrechtung und Ausgrenzung griffen um sich. Anne Frank und ihre Familie waren bereits Anfang 1934 vor den Nazis ins Exil nach Amsterdam geflüchtet.

Ein sehr lebenslustiges und extrovertiertes Mädchen sei Anne gewesen, berichtete van Maarsen. „Ich habe in meinem ganzen Leben niemanden gekannt, der das Leben so genoss wie sie.“ An das rot karierte Tagebuch, dass Anne von ihren Eltern geschenkt bekommen habe, könne sie sich noch gut erinnern. Es ist jenes Tagebuch, das nach seinem ersten Erscheinen in Buchform 1947 die Menschen weltweit bewegt. Im Sommer 1942 seien die Franks plötzlich verschwunden gewesen, womöglich in die Schweiz ausgereist, wie es zunächst geheißen hätte. Erst nach dem Krieg habe sie erfahren, dass Anne und ihre Familie sich, bis zu ihrer Verhaftung am 4. August 1944, im Hinterhaus in der Amsterdamer Prinsengracht Nr. 263 versteckt gehalten hätten. In Anne Franks Tagebuch findet sich ein Abschiedsbrief an ihre beste Freundin, dessen Zeilen Jacqueline van Maarsen verlas. Auch für Jaqueline van Maarsen und ihre Schwester Christiane spitzte sich die Situation zu. Als Kinder eines jüdischen Vaters und einer römisch-katholischen Mutter galten sie im menschenverachtenden Jargon der Nazis als „Mischlinge“. Daraufhin wandte sich die Mutter an die deutschen Besatzungsbehörden und erklärte, auch mithilfe eigens beschaffter Dokumente, dass ihre Kinder nur aus Versehen bei der jüdischen Gemeinde angemeldet worden seien und tatsächlich eine römisch-katholische Erziehung genossen hätten. Es war der Osnabrücker Hans Calmeyer, der in seiner Funktion als „Rassereferent“ über den Antrag befand und diesem stattgab. Dadurch rettete er Jacqueline, ihrer Schwester und auch dem Vater das Leben. Diesen Umstand habe sie erst durch Herrn Middelberg erfahren, berichtete van Maarsen. Sichtlich bewegt von dem anschließenden Applaus der Schüler beschlossen sie und ihr Mann den Vortrag, an den sich eine offene Diskussion anschloss. „Wie ist es für Sie, über all das heute zu sprechen?“, lautete die Frage eines Schülers an die Niederländerin. „Ich bin froh, dass ich erzählen kann, was geschehen ist“, antwortete sie. Mathias Middelberg, Autor eines soeben erschienenen Buches über den Osnabrücker Calmeyer, moderierte den Gesprächsverlauf und konnte ergänzend nicht nur zahlreiche Originaldokumente auf der Leinwand präsentieren, sondern auch detaillierte Einblicke in Calmeyers Handeln und seine Motive geben, welche zur Rettung von rund 3500 Juden in den Niederlanden führten.


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