Typologie des Gartenverschönerers Vom Gartenzwerg, Gollum, Buddha & Co.



Osnabrück. Er ist so etwas wie die durchsichtige Wetterfolie für ondulierte Damenköpfe oder der Andenkenteller aus Bad Wiessee im Eiche-brutal-Regal. Rot bemützt und lächelnd versprüht der Gartenzwerg den Mief des deutschen Vorgartengrauens zwischen Forsythie und Säulenwacholder. Sagen die Kritiker. Und platzieren hochmoderne Trendzwerge mit pinker oder knallblauer Zipfelmütze im Staudenbeet.

Kommen Sie mit auf einen Spaziergang durch den Garten und in die Seele seines Dekorateurs: Denn ob schön oder schön scheußlich – Dekofiguren sind das i-Tüpfelchen für das zweite Wohnzimmer.

Der Klassisch-Moderne: „Gartenzwerge sind wieder in“, berichtet Sven Gansweidt, „aber eben in neuen, frischen Farben“. Der Chefeinkäufer für Dekoartikel im Gartencenter Münsterland ist jedem Trend zwischen Staketenzaun und Steingarten auf der Spur.

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Leicht abgeschlagen ist dafür der klassische Zwerg, der deshalb etwas griesgrämig über seinen Rauschebart linst. Nur nicht auf einer Parzelle des Osnabrücker Kleingartenvereins „Deutsche Scholle“. Hier hat sich eine fröhliche 200-köpfige Zwergenkolonie angesiedelt.

Jeder von ihnen möchte traditionelles Gartenwerkzeug in der Hand haben – und nicht etwa ein Messer im Rücken, wie es ihm seit den 80er-Jahren immer wieder widerfährt.

Womit wir zur zweiten Kategorie des Gartendekorateurs kommen, dem Spaßvogel: „Nachbars Opfer“, ein Künstlerzwerg, war damals ein Skandal für die Nanologen, die Gartenzwergexperten auf der ganzen Welt. Und es kam noch schlimmer. Domina-Zwerginnen und Exhibitionisten-Zwerge schummelten sich unter Scharbockskraut und Liguster. Der rotzige Stinkefinger-Zwerg beschäftigte die Gerichte. Und der Hippie-Zwerg samt Joint ließ die Puristen erschauern.

Glaubt man der Forschung, ist der Gartenzwerg übrigens ein Migrant aus Anatolien. Sein Urbild sei vor 800 Jahren entstanden, ist ein Forscher sicher, als in den osttürkischen Bergwerken Sklaven aus Nordafrika beschäftigt wurden, vornehmlich Pygmäen, die eine phrygische Mütze trugen.

Von dort seien sie samt Zipfelmütze über Italien und Frankreich in deutsche Gärten immigriert. Der Gartenzwerg, ein aufrechter Multi-Kulti-Beweis und kein spießiger Staatsbürger.

Noch mehr Jux im Garten versprechen der über die Hecke-Spinxer, ein Voyeur mit Fernglas, oder die Dame, der man von hinten unter die Gartenschürze bis zum Rüschenschlüpfer schauen kann: wahre Schenkelklopfer aus Gips, Holz und Kunststoff, aber im Gartenmarkt keine Umsatzbringer.

Der Trendbewusste lässt mindestens ein blaues Schaf den Rasen „mähen“, besser eine ganze Herde. Die hatte sich in der Region erstmals auf der Landesgartenschau in Bad Essen vor fünf Jahren aus dem Stall gewagt. In dieser Saison sind Schafe der Dauergraser auf der Wiese. Wahlweise auch in Pink oder Grün.

Der Romantiker: Wer sich Elfen, liebliche Mädchen und proppere Putten in den Garten stellt, darf getrost Romantiker genannt werden. Küsse verpustend, träumen sich die Damen durch den Tag. Vom Unkrautjäten halten sie nichts. Das überlassen sie denen, die auch sie mit zarter Hand von Moos und Vogelschiet befreien. Aber Engel und Elfen sind auf dem Rückflug. „Engel verkaufen wir fast nur noch zu Weihnachten“, sagt Sven Gansweidt. Und schiebt nach: „Der Kitsch nimmt ab.“

Manchmal erweist sich aber auch eine zu strikte Vorstellung als Kaufhemmnis. „Meine Frau sucht seit Jahren eine lächelnde Frau als Büste“, erzählt der Vorsitzende des Osnabrücker Kleingartenvereins Deutsche Scholle, Emil Zuleia. Aber die gibt‘s nicht. „Entweder lächeln die Damen nicht – oder sie sind zu teuer.“

Rosen aber bleiben. In jeder Form. In diesem Jahr gerne als auf alt gemachte Betonrose im XXL-Format. Dazu passt das Rosengeschirr auf der Rosentischdecke, während aus der Rabatte die Rosenkugeln von ihren Stöckern blitzen. Denn auch die Glaskugeln in Pink, Blau, Rot oder Silber kommen seit der Biedermeierzeit immer wieder, ganz besonders in diesem Jahr, berichtet Marianne Meyer zu Hörste vom gleichnamigen Garten- und Landschaftsbaubetrieb in Bad Rothenfelde.

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Nah dran am Romantiker lebt der Fantasievolle, der sich in seinem Garten mit Trollen, Drachen und Herr-der-Ringe-Figuren umgibt. Denn: Die Welt ist im Wandel. Und Gefährten hat man nie genug.

Auch in höheren Sphären, aber in anderen, schwebt der erleuchtete Purist: Wer sich von den Konfessionen abgewendet hat, aber doch irgendwie glauben möchte, stößt schnell auf Buddha, den sympathischen Herrn aus Indien, der lächelnd gutes Chi im Garten verströmt. Auch für Nicht-Buddhisten ist der „Erwachte“ kompatibel. Und so ruhen die Blicke von Heerscharen mehr oder minder beleibter Buddhas auf den Beeten. Klar, so aussehen wie er will niemand, aber mit seiner Weisheit und Güte kann sich jeder anfreunden. Und er passt zum Wellnesstrend und den modernen, geradlinigen Gärten mit „Kies und Gräsern, Quellsteinen mit Wasser und weißen, schlichten Leuchtkugeln“, weiß Gansweidt.

Aus der Art schlägt auf der Deutschen Scholle ein Buddha-Besitzer, der „ansonsten ein ganz realistischer Typ ist“, so Zuleia. Er kommentierte seinen Einkauf mit den Worten: „Der ist gut, der passt auf meine Fische auf.“

Nicht weit entfernt vom erleuchteten Puristen wohnt der wahre Kunstliebhaber. Ihm kommt keine schnöde Plastikschnecke aus dem Baumarkt unter den Rhododendron. Er sucht das Echte, handgemachte Skulpturale – und wird fündig bei ambitionierten Hobby- oder Profi-Künstlern.

Der Praktische findet: Statt dass sich Deko-Figuren sinnlos im Garten langweilen, können sie sich auch nützlich machen, als Kräutermännchen zum Beispiel.

Der Statusbewusste flankiert seine Einfahrt und die Freitreppe gerne mit Wächtern. Als prestigeträchtig haben sich seit Jahrhunderten Löwen bewährt. Besonders beliebt: ein stehender Steinlöwe mit einem Schild vor dem Bauch, in das die Initialen des Garteneigners gemeißelt werden können. Klar, das hat seinen Preis. Für den Löwen aus Elbsandsteinguss sind 1250 Euro fällig. Auf Wunsch gibt es die passende Patina dazu. Dafür wiegt das Tier mit prachtvoller Mähne und mächtigen Tatzen auch satte 250 Kilo. Aber auch der Löwe zieht sich langsam aus dem Gartencenter in die Steppe zurück.

Ähnliches beobachtet Gansweidt bei den Figuren aus rostigem Eisen, während Marianne Meyer zu Hörste einen ungebrochenen Trend zu gelaserten Silhouetten aus Corten-Stahl erkennt.

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Der Upcycler: Einig sind sich die Experten beim Hyper-Mega-Trend dieses Frühlings: dem zum Zweckentfremden. Ob alte Koffer, Kommoden, Stiefel, Fleischwölfe, Backbleche oder Wäschekörbe: Altes zu Dekoobjekten „upzucyceln“ ist in. Da wird die Gugelhupf-Form mal mit Sukkulenten oder Steingewächsen bepflanzt. Das Ergebnis: reinster Shabby-Chic mit Vergänglichkeitsgarantie. Das Material gibt’s im eigenen Keller, „auf Ebay, bei Haushaltsauflösungen oder auf dem Flohmarkt, oder eben auf Alt gemacht und in poppigen Farben im Gartencenter“, zählt Gansweidt auf. „Die Leute sind heute einfach kreativer“, findet Marianne Meyer zu Hörste.


Wertvolle Ratschläge für das ganze Gartenjahr mit Texten und Bildern der Gartenautorin Ingrid Beucke-Adler gibt die NOZ als Ratgeberbuch heraus. Es ist als E-Book (9,99 Euro) oder gedruckte Ausgabe (24,99 Euro) unter www.noz.de/shop sowie in unseren Geschäftsstellen bestellbar.

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