Drei Lesungen, eine Ausstellung beim BBK Günter Grass hat Spuren in Osnabrück hinterlassen

Von Ralf Döring


Osnabrück. Günter Grass hat Spuren hinterlassen, auch in Osnabrück. Immerhin hat er dreimal hier gelesen und dreißig seiner Grafiken gezeigt.

Am Montagnachmittag um 14 Uhr hat Lennard Neuffer längst ein Schaufenster umdekoriert. Ein Poster, das sonst die Buchhandlung schmückt, steht da jetzt und erinnert daran, dass Günter Grass am Montagmorgen gestorben ist. „Und ich bin mir sicher: Das Buch wird das letzte Wort haben“, steht da. Daneben blickt der Literaturnobelpreisträger, wie man ihn kennt: selbstbewusst, ein wenig mürrisch. Vor dem Konterfei: „ Die Blechtrommel “, „Grimms Wörter“, „Hundejahre“ und noch eine Reihe weiterer Bücher von Günter Grass sowie die Biografie des Grass-Herausgebers Volker Neuhaus. Man spürt: Neuffer, der Besitzer der Buchhandlung Zur Heide, hatte ein besonderes Verhältnis zu Günter Grass.

Dreimal Osnabrück

Er ist damit nicht allein; immerhin war der Autor dreimal offiziell in der Stadt. Zuletzt im Januar 2014: Da hat er eine Ausstellung mit seinen Grafiken im Kunstquartier des BBK eröffnet, in der Osnabrück-Halle aus den „Hundejahren“ gelesen und anschließend beim Abendessen im Hotel Walhalla Durchhaltevermögen demonstriert. „Ich bin um ein Uhr in die Knie gegangen“, sagt der BBK-Vorsitzende Jens Raddatz, „da ging Günter Grass mit Lennard Neuffer und Volker Neuhaus in die zweite Runde.“

Erstmals war Grass 2002 nach Osnabrück gekommen; Neuffer hatte ihn zu einer Lesung aus „Im Krebsgang“ eingeladen. Das war damals eine ziemliche Sensation, denn Günter Grass war auf einem Höhepunkt seiner Popularität . 1999 hatte er den Literaturnobelpreis erhalten, und just in jenem Jahr 2002 war „Im Krebsgang“ herausgekommen. In dieser Novelle hat Grass die Rolle der Deutschen im Zweiten Weltkrieg neu beleuchtet: Vor dem Hintergrund des realen Untergangs der Wilhelm Gustloff stellte Grass die Frage, wie legitim es ist, Deutsche im Zweiten Weltkrieg als Opfer darzustellen. Das bescherte dem Autor in Osnabrück ein volles Haus und Neuffer Glücksgefühle: „Ich dachte, das wäre der Höhepunkt meiner Karriere.“ Gleichzeitig empfand er so etwas wie Ehrfurcht: Hier der unbedeutende Buchhändler, dort der große Grass – auf diese Formel lässt sich Neuffers Gefühl bringen.

Donnerwetter für Walser

Dabei war der Meister durchaus umgänglich. „Er war immer offen für Gespräche und für Leute“, sagt Neuffer. Zwar bestand er auf geregelten Abläufen – eine Flasche Rotwein auf dem Hotelzimmer, eine Flasche am Lesepult, von der er aber allenfalls ein Gläschen trank. „Mittags musste ich für seine Frau etwas zu essen besorgen“, sagt Neuffer. „Aber das war alles nicht schwierig. Das Einzige, worauf er bestand, zumal im hohen Alter, war „sein fester Rhythmus.“

Für Überraschungen war er aber selbst da noch gut. Bei seinem ersten Besuch in Osnabrück hatte er im Interview mit dieser Redaktion zur gerade aufgeflammten Walser-Grass-Debatte noch geschwiegen, um abends zum Beginn der Lesung ein Donnerwetter in Richtung seines Kontrahenten loszulassen. Und beim letzten Besuch schaltete er sich in eine Geburtstagsfeier ein – da war Günter Grass der umgängliche Mensch am Nebentisch.

Gleichzeitig bleibt er aber der scharfe Beobachter deutscher Zeitläufte. Das ist der Grass, den Neuffer liebt: „Blech...“, drängt es denn aus ihm auf die Frage nach seinem Lieblings-Grass aus ihm heraus. Bremst sich, setzt neu an: „Begonnen hat es mit der ,Blechtrommel‘“ – da ist er doch, der Romanerstling. Doch es folgen weitere Lieblinge: „Im Krebsgang“ und „Mein Jahrhundert“, Romane eben, die Neuffers Interesse an Geschichte mit abdecken. Karin Steinke-Klingenburg von den Altstädter Bücherstuben hingegen setzt andere Akzente. Auch sie gedenken mit einem Extratisch des großen Schriftstellers. „Ich habe zum Glück noch eine ganze Reihe seiner Bücher da“, sagt die Besitzerin. Ihr persönliches Lieblingsbuch aber sind die „Letzten Tänze“, eine Mischung aus Grafiken und Gedichten.

Nach dem Essen im letzten Jahr hat Neuffer seinen Gast dann schließlich zu seinem Zimmer gebracht; bei einem 86-Jährigen gehört sich das. Dann der Abschied: ein leiser, beiläufiger Abschied von Günter Grass in Osnabrück.


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