Vor 70 Jahren „Kameraden, für uns ist der Krieg zu Ende“

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Osnabrück. Vor 70 Jahren endete für die Osnabrücker der Zweite Weltkrieg. Am 4. April 1945 erreichte die britische Armee die Stadt. Drei Zeitzeugen erinnern sich – an die Angst, als das Panzerdröhnen lauter wurde, und das Gefühl der Erleichterung.

An der Front im Hüggel

Karl-Heinz Städler, 95 Jahre. „Ich war damals Oberleutnant und Batterieoffizier bei einer motorisierten Flak-Einheit. Wir lagen im Hüggel. Unsere Einheit war bereits stark dezimiert. Nach Palmsonntag gab es keinen Luftalarm mehr. Stattdessen hörten wir Geschützfeuer von der näher rückenden Landfront. Mit den genau 13 Granaten, die wir noch hatten, mussten wir mit unseren Flakgeschützen zum Landkampf ausrücken. Wir zogen zur Lengericher Landstraße bei Natrup-Hagen und positionierten unsere Geschütze dort im Straßengraben. Wir hatten die Strecke Richtung Lengerich im Visier.

Es muss am 3. April gewesen sein. Da tauchte ein Verband britischer Panzer auf. Unser Kommandant befahl „Feuer“. Unser vorderstes Geschütz „Anton“ traf tatsächlich den vorausfahrenden Panzer, der anschließend liegen blieb. Der nachfolgende Panzer schob ihn einfach beiseite, wie wir durchs Fernglas beobachten konnten, und feuerte nun seinerseits auf uns. Unser Richtkanonier wurde tödlich getroffen. Das war ein Schock für uns alle und kam uns grausam unnötig vor, denn allen war klar, dass wir nichts mehr ausrichten konnten. Gott sei Dank sah das auch unser Kommandant so. Er sagte: ‚Kameraden, für uns ist der Krieg zu Ende. Seht zu, dass ihr nach Hause kommt.‘ Wir machten die Geschütze unbrauchbar und verdünnisierten uns zu unserem Lager im Hüggel. Da mussten wir uns erst noch um einen verletzten Kameraden mit Beindurchschüssen kümmern. Wir transportierten ihn zu einem Bunker nach Hasbergen, von dem wir wussten, dass dort ein Arzt war. Wir trugen alle weiße Armbinden, zum Zeichen, dass wir den Kampf aufgegeben hatten. In Hasbergen wurden wir vom Engländer gestellt und kamen in Gefangenschaft.“

„Uns war mulmig“

Heinz Ahlert, 85 Jahre. „Uns war mulmig, als es hieß, die Engländer kommen. Man hatte uns vorher Schauergeschichten erzählt, Osnabrück wäre angeblich zur Festung erklärt worden, und deshalb würden die Engländer auf alles schießen, was sich bewegt, mit dem Flammenwerfer in die Bunker hineingehen und so weiter. Wir verkrochen uns trotzdem im Redlinger Bunker, denn noch mehr Angst hatten wir vor einem Granatenbeschuss.

Im Bunker waren neben den Zivilisten ein paar versprengte Soldaten und ungefähr 20 Polizisten. Die wollten alle nicht mehr kämpfen. Sie hatten ihre Gewehre und Pistolen auf einen Haufen geworfen, und wir Hitlerjungen sollten die zerstören. Das ging ganz einfach: Man nahm den Verschluss heraus, schlug ein paar Mal auf einen Stein, dann war das verbogen und unbrauchbar.

Die Engländer kamen mit Panzern gar nicht in die Innenstadt hinein, denn da lag noch alles voller Trümmer und Schutt. Nach dem Palmsonntagsangriff war das öffentliche Leben ja weitgehend zusammengebrochen gewesen, da wurde nichts mehr weggeräumt. Es waren britische Fußtruppen, die zu uns an den Bunker kamen und uns herausholten. Soweit ich mich erinnere, fiel kein einziger Schuss.

Es war günstig, dass die Engländer den Haufen mit den zerstörten Waffen sahen. Die letzten Wehrmachtsoldaten, die noch unter Befehl standen, hatten ja schon ein oder zwei Tage vorher die Stadt Richtung Belm verlassen. Deshalb waren ja auch die Lagerhäuser des Heeresverpflegungsamtes am Hafen, ungefähr da, wo heute Kaffeepartner ist, nicht mehr bewacht. Das sprach sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Stadt herum. Am Tag vor dem Einmarsch noch waren wir mit unserem Handwagen zum Hafen hin und haben zugesehen, dass wir auch Beute machten, einen Sack Mehl, Sauerkraut, Konservendosen mit vorgekochten Erbsen, Büchsenfleisch – es war paradiesisch, was da alles zu holen war. Auch anderswo in der Stadt wurde geplündert. Bei der Schnapsbrennerei Gosling an der Seminarstraße hatten befreite Zwangsarbeiter sich über die Bestände im Keller hergemacht. Jemand hatte wohl in ein Fass hineingeschossen, Schnaps lief aus und stand knöcheltief im ganzen Keller. Da gab es eine Explosion. Ein Bekannter von uns ist dabei verbrannt.

Mit dem Einmarsch der Engländer war es mit den Plünderungen bald vorbei. Wir machten uns vom Redlinger Bunker aus auf den Heimweg. Dabei wurden wir nicht großartig kontrolliert. Ich dachte, mit meiner Hitlerjungen-Uniform, das ist nicht so günstig. Aber ich wurde nicht behelligt. Ich durfte mit meiner Mutter nach Hause gehen. Unser provisorisches Zuhause war bei meiner Cousine in der Parkstraße. Unsere eigene Wohnung in der Heinrichstraße war zweimal ausgebombt. Meine gesamte Kleidung war verbrannt. Ich besaß nichts außer der HJ-Uniform, die ich am Leibe trug. Erst Wochen später bekam ich auf Bezugsschein eine zivile Hose. Und jemand anders schenkte mir eine Uniformjacke. Die durfte nicht feldgrau bleiben, die wurde umgefärbt, und alle Knöpfe kamen ab.

In den nächsten Tagen gingen die Engländer von Haus zu Haus und durchsuchten jeden Raum, ob sich Soldaten versteckt halten, ob alles, was abgabepflichtig war wie Waffen, Fotoapparate und so weiter auch wirklich abgegeben war. Wer größere Mengen an Bettwäsche hatte, musste sie auch abgeben. Das wurde für andere, die gar nichts hatten, beschlagnahmt. Bei uns war aber nichts mehr zu holen.

Sicher, der Krieg war nun verloren, und alles war kaputt. Aber im Großen und Ganzen war man doch froh, dass Ruhe einkehrte, dass es keinen Fliegeralarm mehr gab, dass man nachts durchschlafen konnte. Und wir waren erleichtert, dass Osnabrück praktisch kampflos übergeben wurde, dass die Gerüchte von der ‚Festung‘ nicht stimmten.

Man musste jetzt immer die Plakatanschläge mit den ständigen Befehlen der Besatzungsmacht lesen. Am einschneidendsten war die Sperrstunde. Ein Bekannter von uns war morgens zu früh mit dem Fahrrad unterwegs, noch innerhalb der Sperrzeit. Der wollte nun wirklich keinen Aufstand machen, der wollte nur zu seinem Garten. Aber es half nichts, er musste vier Wochen ins Gefängnis.“

Ein furchtbarer Irrtum

Dr. Udo Goedecke, 84 Jahre. „Den Einmarsch hatten wir erwartet. Es war eine endlose Kolonne, die sich durch die Lotter Straße schob. Das hörte überhaupt nicht auf. Wir bekamen so richtig vor Augen geführt, welche gewaltige Materialübermacht die Engländer aufbieten konnten. Erst kamen Kampftruppen und dann Versorgungseinheiten, die gleich durchmarschierten Richtung Norden. Das Ganze passierte weitgehend kampflos. Organisierten Widerstand gab es wohl überhaupt nicht. Aber die Briten fürchteten einzelne fanatische Heckenschützen.

Und so kam es zu diesem schrecklichen Missverständnis in der Werderstraße. Da stand der Herr Schreck auf dem Balkon, ehemals Stadtdirektor von Bad Ems, der wegen seiner Anti-Nazi-Haltung frühzeitig in den Ruhestand gegangen war. Er winkte den einmarschierenden Truppen begeistert zu. Die deuteten das falsch, sahen nur jemanden mit den Armen herumfuchteln und erschossen ihn.

Viele Mitbürger, die sich in den Luftschutzräumen und Bunkern verkrochen hatten, kamen hervor und schwenkten weiße Handtücher. Die Engländer taten ihnen nichts, man ging zurück in die Wohnungen, das war alles recht unproblematisch.

Zu den ersten Anordnungen gehörte, dass außen am Haus Zettel anzubringen waren mit den Namen aller Bewohner. An den Folgetagen kamen Durchsuchungstrupps. Wir mussten alle Schränke und Türen aufsperren. Die haben nach Waffen gesucht. Sicher, der eine oder andere Fotoapparat ging dabei wohl auch hops. Meiner Tante erging es allerdings schlechter. Ihr Haus an der Mozartstraße wurde beschlagnahmt. Warum ausgerechnet ihres, weiß ich nicht. Zehn oder zwölf Engländer hausten in ihrer Wohnung und haben die ziemlich verwüstet und manches entwendet, während sie selbst im Keller eingesperrt war. Wie wir hinterher hörten, war das aber eine Ausnahme und nicht typisch für das Verhalten der Engländer.

Das öffentliche Leben kam recht schnell wieder in Gang. Man wusste, was zu tun war. Jeder hatte Schutt wegzuräumen und etwas zu reparieren. Ich wurde zum Holzhandel Stracke & Menke geschickt, um Fußboden-Dielen zu besorgen. Die habe ich mit dem Fuchsschwanz zurecht gesägt und in unsere Fensteröffnungen genagelt. Denn an Glasscheiben war so schnell nicht zu denken. Später haben wir dann in der Praxis meines Vaters verglaste Bilder von den Wänden genommen und das Bilderglas zurechtschneiden lassen für einzelne Fensterflächen, um wieder mehr Licht in die Zimmer zu bekommen.

Wir Jungen sind durch die Altstadt gestreift und haben uns die Zerstörungen angeguckt. Ich weiß noch, was das für ein schockierender Anblick war, dass man vom Eingang der Bierstraße auf den Turmstumpf der Marienkirche einen völlig freien Blick hatte. Alle Häuser dazwischen hatten keine Dachstühle mehr, oder es standen nur noch Torsos. Wir schauten den britischen Räumpanzern zu, die die Straßen freiräumten, damit die eigenen Verbände schneller durchmarschieren konnten. In die entgegengesetzte Richtung, also Richtung Lotte, fuhren bald Lkws mit deutschen Kriegsgefangenen auf der offenen Pritsche. Die riefen manchmal den Passanten ihre Namen zu und baten, dass man ihren Angehörigen ein Lebenszeichen übermittelt. Ich erinnere mich, dass wir uns amüsierten, wie schnell alle Männer umgelernt hatten und auf der Straße den Hut zum Gruße zogen und ‚Guten Tag‘ sagten anstelle von ‚Heil Hitler‘ und dem ‚Deutschen Gruß‘.

Ein Engländer gab uns eine Armeezeitung. Da waren Abbildungen drin von den abgemagerten Leichen in Bergen-Belsen, schreckliche Fotos. Ich wusste zwar, dass es Konzentrationslager gab, aber hielt die für Straflager für Leute, die etwas ausgefressen hatten. Man ahnte, dass die dort nicht mit Samthandschuhen angefasst würden, aber dass Menschen dort durch Arbeit und Hunger oder wegen ihrer Rasse planmäßig vernichtet wurden, lag außerhalb meines Vorstellungsvermögens.

Als die große Befreiung habe ich den Einmarsch der Briten damals nicht empfunden. Man war irgendwie gespalten. Einerseits brach die Welt zusammen, an die ich bis dahin als kleiner Pimpf doch mehr oder weniger geglaubt hatte. Geländespiele, Lagerfeuer, Kameradschaft – ich hab gern beim Jungvolk mitgemacht. Auch die Blitzsiege am Anfang des Krieges hatten mich schwer beeindruckt. Das war nun alles perdu. Andererseits war man froh, dass endlich die Fliegeralarme vorbei waren und die Chance zum Neustart gegeben war.

So richtig ans Nachdenken über all das, was passiert war, kam man gar nicht. Man schob das beiseite, weil es ja zunächst ums eigene Durchkommen ging.

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