Vom Rollsitzfieber befallen Osnabrücker Ruderverein und Schulen kooperieren erfolgreich


Osnabrück. Der Gemeinschaftssinn ist spürbar am Bootshaus des Osnabrücker Rudervereins (ORV) im Stadtteil Eversburg. „Die Leute sind wie meine Familie. Eigentlich bin ich längere Zeit hier als zu Hause“, erzählt Franka Thöle. Mit anzufassen ist da Ehrensache, wenn das Boot einer anderen Riege zurück in die Bootshalle gebracht werden muss. „Die würden das ja auch für uns machen“, sagt Thöle, die der Ruderriege am Gymnasium Carolinum angehört. Sie klingt dabei nicht wie eine 16-jährige Schülerin, die die neunte Klasse besucht – sondern eher ein paar Jährchen älter. Rudern formt halt den Charakter.

Es wird Frühling. Das merkt man spätestens, wenn man im Nord-Osten der Stadt an der Hase und am Stichkanal vorbeispaziert – nicht nur an den sprießenden Pflanzen und ersten Sonnenstrahlen, sondern auch an den zahlreichen Ruderbooten auf dem Wasser. Die Saison für die Osnabrücker Ruderer geht wieder in ihre heiße Phase. Richtig aufgehört hat sie eigentlich nie. „Die Faustregel lautet: Solange es im Winter nicht schneit, regnet oder eiskalt ist, wird gerudert“, weiß Christian Vennemann, Pressewart beim ORV.

Der Rudersport ist einer mit großer Tradition in Osnabrück. Wer sich allerdings die Ursprünge in der Friedensstadt auf die Fahne schreiben darf, ist auch knapp 100 Jahre nach dem Startschuss nicht ganz klar: „Entweder war es die Gründung des ORV 1913, die den Stein ins Rollen gebracht hat, oder ein Vierer vom Ratsgymnasium, der damals über die Hase geschippert sein soll. Da gibt es zwischen den Parteien einen kleinen historischen Disput“, sagt Henning Winkelmann, stellvertretender Vorsitzender im Bereich Leistungssport beim ORV . Das war es dann aber auch schon an Unstimmigkeiten zwischen den Vertretern von Vereins- und Schulseite. Denn Rudern in Osnabrück, das ist kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander. „Wir versuchen, Synergien zu finden“, sagt Winkelmann und genießt dabei die Zustimmung seiner Kollegen vonseiten der Schulen.

„Die Schulen stellen den Unterbau für den Verein dar“, führt Joachim Bolz aus. Er ist verantwortlicher Protektor an der Angelaschule. Und dieser Unterbau ist groß: mit dem Carolinum, dem Ratsgymnasium und der Angelaschule betreiben gleich drei Osnabrücker Schulen den Rudersport nicht nur als Breiten-, sondern auch als Leistungssport. Insgesamt rudern momentan rund 600 Schüler in der Stadt. „Wir Osnabrücker sind in diesem Bereich führend in Deutschland. Man könnte sagen, wir sind eine wahre Hochburg im Schulrudern“, erklärt Peter Tholl, der im Ruderbereich am Carolinum das Sagen hat. Sein Kollege Bolz geht sogar noch weiter: „Wer in Osnabrück vorne mitrudert, rudert auch in Deutschland vorne mit“, findet der Latein- und Sportlehrer.

Die Entwicklung des Rudersports in der Stadt hat Ewald Reich in den 60er-Jahren entscheidend geprägt. Reich war Sportlehrer und für das Rudern an allen Schulen der Stadt verantwortlich. Von ihm stammt auch die Idee des Generationenvertrages, bei dem die älteren Schüler die Ausbildung und den Trainingsbetrieb der jüngeren übernehmen. Eine dieser Schüler-Trainerinnen ist Carolin Hülsmann. Die Abiturientin trainiert die Wettkampfklasse III Mädchen der Schülerinnen bis 14 Jahre am Carolinum. „Durch die anstehenden Prüfungen habe ich eigentlich gar nicht mehr so viel Zeit. Früher haben wir dreimal, jetzt viermal die Woche trainiert. Wenn dann der Landesentscheid für ,Jugend trainiert für Olympia‘ näher rückt, wollen wir fünfmal pro Woche trainieren“, sagt die Schülerin der zwölften Klasse. Ein straffes Programm, das jeder der Ruderer neben dem normalen Schulalltag bewältigen muss. Denn die schulische Entwicklung steht für die Pädagogen neben dem Spaß im Boot noch immer an erster Stelle.

„Als Lehrer haben wir natürlich einen gewissen Zugang zu den Noten und bekommen von den Kollegen sofort mitgeteilt, wenn da etwas verkehrt läuft. So können wir unmittelbar eingreifen und gegensteuern“, gibt Tholl preis. Häufig kommen diese Probleme allerdings nicht vor, auch wenn parallel zum Sport gelernt werden muss. Da sitzen die Schüler dann auch mal in Trainingspausen zusammen und pauken für die nächste Klausur oder das nächste Referat. Besonders im Winter, wenn es die Witterung wieder einmal nicht zulässt, mit dem Boot auf den Kanal zu fahren: „Da kann es teilweise schon zu kleinen Winterdepressionen kommen, weil man einfach keinen Bock mehr auf die Halle und das Lernen hat. Im Winter macht man immer das Gleiche – Rausfahren ist einfach viel geiler“, findet Franka.

Und recht hat sie, die frostigen Monate im Kalenderjahr können so manchen Ruderer zur Verzweiflung bringen. Die Protektoren versuchen in solchen Momenten gezielt die Schüler bei Laune zu halten: „Durch das Fahren auf dem Ergometer und Krafteinheiten wollen wir die Kids ermutigen, immer weiterzumachen. Durch die Verknüpfung von Spaß und Training gelingt uns das ganz gut“, berichtet Marcus Funke, Ruderprotektor am Ratsgymnasium.

Da das Rudern in den Schulen nach dem Abitur ein Ende findet, braucht es natürlich eine Institution, die den Schulabgängern eine Möglichkeit bietet, ihrem Hobby weiter nachzugehen. Hier tritt nun der Osnabrücker Ruderverein in den Vordergrund: „Wir versuchen, eine Klammer um die Schüler zu ziehen und die Zusammenarbeit mit den Schulen zu suchen. Und den Schülern, denen der Schulrudersport allein noch nicht ausreicht, können wir natürlich noch mehr bieten“, sagt Winkelmann und fügt hinzu: „Für Ruderer ist das zwar eine abgedroschene Phrase, sie gilt dennoch: Rudern ist ein Gesundheitssport, der – wenn er richtig ausgeübt wird – bis ins hohe Alter ausgeführt werden kann.“ Kollege Vennemann hat sogar sofort ein passendes Beispiel parat: „Wir haben einen Weltkriegsversehrten im Verein, dem ein Bein fehlt. Der geht im Sommer mindestens einmal pro Woche mit Altersgenossen ins Boot und schippert entspannt den Kanal entlang.“

Für die Schüler ist dieses Denken allerdings noch in weiter Ferne. Das kurzfristige Ziel ist der Landesentscheid für „Jugend trainiert für Olympia am 12. und 13. Juli in Hannover. Die Gewinner der jeweiligen Wettkampfklassen qualifizieren sich für das Bundesfinale vom 20. bis 24. September in Berlin. Der Gedanke, später einmal an den Olympischen Spielen teilzunehmen, ist den Jugendlichen aber noch nicht gekommen: „Wenn man es so weit schaffen will, muss man sein ganzes Leben auf den Sport einstellen. Mittlerweile gibt es eine so große Leistungsdichte in Deutschland, dass es enorm schwer ist, so weit zu kommen“, meint der 16-jährige Paul Seiters vom Carolinum. Und auch sein Protektor Tholl findet, dass es nicht das Ziel sei, Olympiasieger hervorzubringen. Das Hauptaugenmerk solle vielmehr auf dem Bestehen des Abiturs liegen.

Zu wenig Werbung für den Sport macht der Mathematik- und Sportlehrer aber beileibe nicht. „Das Ratsgymnasium war einmal im Rahmen eines Austausches in Orlando in den USA. Als die Schüler dann dort ins Bootshaus gegangen sind, lag selbst dort ein Jahresbericht über das Rudern am Carolinum – ausgelegt von Peter Tholl“, erzählt Paul Seiters.

Das Osnabrücker Rudern macht halt die Runde und begeistert Hunderte von Schülern in der Stadt. Seiters weiß das Ganze ganz gut zu beschrieben: „Wenn man in die Ruder-AG kommt, wird man Teil einer Gemeinschaft. Und wenn man einmal dabei ist, kommt man so schnell auch nicht mehr raus. Wie bei einer Sekte – aber im positiven Sinne.“ Franka stimmt ihrem Ruderkumpel zu: „Wer einmal infiziert ist, wird nicht mehr aufhören können.“ Osnabrück ist also vom Ruderfieber befallen – ohne Sicht auf Besserung. Und der beginnende Frühling scheint dagegen wohl kaum die passende Medizin zu sein.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN