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Germanwings-Flug 4U-9525 „Ermittlungen an einer Absturzstelle sind Detektivarbeit“

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Osnabrück. Wie laufen Untersuchungen an Absturzstellen ab? Muss man Angst haben, in einen Airbus A320 zu steigen? Steffen Schrader hat fünf Jahre lang Absturzstellen untersucht. Er unterrichtet an der Hochschule Osnabrück Luftfahrttechnische Fächer.

Herr Schrader, bei dem abgestürzten Flugzeug handelt es sich um einen Airbus A320. Sollten sich Menschen Sorgen machen, die in den nächsten Tagen mit diesem Modell in den Urlaub fliegen?

Nein! Der Airbus A320 ist ein absolut zuverlässiges Lastentaxi, über das man nichts Schlechtes sagen kann. Das Modell absolviert täglich weltweit Tausende von Flugstunden, es sind alle Kinderkrankheiten ausgemerzt. Wenn Sie mit dem Modell nicht mehr fliegen wollen, dann dürften sie auch keinen Golf mehr fahren, weil auch bei einem Golf sicherlich schon mal ein Rad abgefallen ist.

Nach dem Absturz des Flugzeugs in Südfrankreich ist die Ursache unklar. Wer untersucht nun die Unglücksstelle?

In diesem Fall ist neben der Bundesstelle für Unfalluntersuchung (BFU) aus Braunschweig auch das französische Pendant BEA zuständig. Die Experten sind auch die einzigen, die nach den Rettungskräften Zutritt zur Absturzstelle haben .

Wie muss man sich die Arbeit vorstellen?

Es ist vergleichbar mit der Spurensicherung an einem Tatort . Zunächst grenzt man die Absturzstelle ein: Liegen die Trümmer über eine große Fläche verteilt, oder liegen sie alle auf einem Haufen? Das lässt Rückschlüsse zu, auf welcher Bahn das Flugzeug runtergekommen ist. Die Flugunfalluntersucher müssen vorgehen wie Detektive. Selbst kleinste Teilchen können entscheidend sein: Ist ein Teilchen beschädigt, weil es plötzlich gebrochen ist oder aufgrund von Verschleißerscheinungen? Es ist ein Riesenpuzzle, bei dem es auch auf Zeit ankommt. Sind Flugzeugteile vereist gewesen, lässt sich das schon nach ein paar Stunden, wenn das Eis geschmolzen ist, nicht mehr feststellen.

Was passiert mit den verstorbenen Passagieren?

Zunächst bleiben die Insassen am Unfallort, da auch die Lage der Toten Hinweise auf die Absturzursache geben kann. Das ist ähnlich wie bei einem Tatort. Für die Ermittler ist das natürlich belastend, vor allem wenn es sich um eine Maschine mit vielen Menschen an Bord handelt.

Wie wird man Flugunfalluntersucher?

Das sind in der Regel Piloten und Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen, die entsprechend geschult werden. Es müssen bei den Untersuchungen Standards eingehalten werden, angefangen damit, wie Fotos gemacht werden bis hin zum Vergeben von Dateinamen zur Dokumentation der Inhalte. Die Untersuchung folgt weltweiten Standards die von der ICAO festgelegt werden, einer Uno-Behörde.

Besonders wichtig bei der Ermittlung der Unfallursache ist der Flugschreiber, oder?

Ja, der Flugschreiber zeichnet hunderte von Parametern auf, den kompletten Flug. Von Geschwindigkeit und Flughöhe über die Temperatur der Triebwerke bis hin zu der Frage, ob die Landeklappen eingefahren worden sind. Anhand der Daten können die Ermittler dann den Flug auf dem Computer rekonstruieren. Wichtig ist aber auch die Voicebox, auf der alle Gespräche im Cockpit aufgezeichnet werden.

Wie sehen Flugschreiber und Voicebox aus?

Sie sind von der Grundfläche etwa doppelt so groß wie ein Laptop und orange, damit man sie gut findet. Außerdem sind sie natürlich extrem robust. Sie müssen kurzfristig Temperaturen von 1000 Grad aushalten können sowie enorme Aufprallgeschwindigkeiten. Meistens sitzen sie im Heck des Flugzeugs, weil das in der Regel bei einem Absturz schon deutlich gebremst aufschlägt.

Was passiert eigentlich mit den Trümmerteilen nach einem Absturz?

Wenn sie noch längerfristig für die Ermittlungen gebraucht werden, werden sie in einer Trümmerhalle eingelagert. Die gibt es beispielsweise im Braunschweig, wo das BFU sitzt.

Wie lange dauert es in der Regel, bis eine Absturzursache ermittelt ist?

Das lässt sich nicht pauschalisieren. Das kann Wochen, aber auch Monate oder sogar Jahre dauern. Da ist einfach Geduld gefragt.


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