Dreimal Läuten: Eine Runde Herrengedeck „Grüner Jäger“ in Osnabrück besteht seit 1859

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Osnabrück. „Mein Großvater arbeitete am Kamp und wohnte an der Rehmstraße. Wenn er zu Feierabend nach Hause ging, nahm er oft die ‚Abkürzung‘. Das heißt, er betrat den ,Grünen Jäger‘ von der Osterberger Reihe her und verließ ihn, wann auch immer, auf der anderen Seite in Richtung Katharinenkirche.“ Diese Erinnerung eines Osnabrückers erklärt vielleicht ein klein wenig die anhaltende Erfolgsgeschichte des Gasthauses „Zum grünen Jäger“.

Denn irgendwie liegt der Gebäuderiegel meistens im Weg. Wenn man den „Umweg“ draußen herum vermeiden will, muss man hindurchgehen… und trifft dann natürlich Bekannte im niedrigen Schankraum oder im äußerst kommunikativen Flur daneben. Der Flur erlangte eine gewisse Berühmtheit durch den „Flurverein Grüner Jäger“, dessen Anfänge bis ins Jahr 1937 zurückreichen und der seine große Zeit in den 1960er- und 1970er-Jahren hatte.

Im „Flurverein“ hatten sich einige Osnabrücker Handwerker, Kaufleute, Gewerbetreibende, Angestellte, Arbeiter und Beamte zusammengefunden, um regelmäßig ein geselliges Feierabend-Bier gemeinsam zu genießen. Oder auch zwei. Wenn die Flurbank besetzt war, nahmen die Späterkommenden auf den Treppenstufen Platz, die zum „Saal“ hochführten. Wirt Walter Kahle hatte extra kleine Kissen für die Treppenstufen nähen lassen.

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Auch der letzte Betriebs-Chef der Osnabrücker Straßenbahn, Gerd Haak, war Mitglied im Flurverein. Er sorgte dafür, dass die Herren auf der allerletzten Straßenbahnfahrt im Mai 1960, die eigentlich Stadtwerke-Mitarbeitern und Straßenbahn-Veteranen vorbehalten war, mitfahren durften. Diese Abschiedsfahrt beflügelte die Straßenbahn-Nostalgie im Verein so richtig. Einer hatte bei Sally Münz auf dem Schrottplatz eine ganze Ladung von Emailleschildern abgestaubt. Sie kamen nun im „Grünen Jäger“ zu neuer Ehre. „Die Unterhaltung mit dem Wagenführer ist verboten“, heißt es da, oder „Nicht in den Wagen spucken“.

Nicht nur dekorative Schilder waren gerettet worden, sondern auch die Original-Glocke, mit der der Schaffner dem Wagenführer immer das Signal zur Weiterfahrt gab. Diese Glocke konnten die Gäste im „Jäger“ nun über eine Signalleine betätigen, die im Schankraum gespannt war. Einmal Läuten bedeutete: eine Runde Kurze, zweimal Läuten: eine Runde Bier, dreimal Läuten: eine Runde Herrengedeck (Bier und Korn). Wirt Walter Kahle hatte unter dem Zapftresen die Original-Fußglocke aus dem Fahrstand der letzten Straßenbahn eingebaut bekommen, mit der er die Bestellung quittierte.

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Der heute 86-jährige Fliesenlegermeister Dieter Vallo war letzter „Speaker“ des Vereins, was man als Zeremonienmeister übersetzen kann. Er besitzt zwei dicke ledergebundene Alben, in denen die Nachkriegsgeschichte des Flurvereins festgehalten ist. Sie endet im Juni 1996. „Wir wurden einfach immer weniger“, lautet Vallos simple Begründung für den Abgang des Vereins.

Der Flurverein ist nur einer von vielen Stammtischen und Vereinen, die sich regelmäßig im „Grünen Jäger“ trafen – oder noch heute treffen. Seit über 100 Jahren kommen immer freitags im Gastraum namens „Klause“ die „Klausenbrüder“ zusammen, die es sogar schon bis ins NDR-Fernsehen geschafft haben. „Klause“ ist eine Reminiszenz an das benachbarte Barfüßerkloster, das im Dreißigjährigen Krieg aufgegeben wurde. Die schiere Größe und das hohe Dach des Gasthauses lassen darauf schließen, dass es einst als Herrenhaus des Klosters gebaut wurde.

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Nach einer Abfolge unterschiedlicher Nutzungen begann 1859 mit der Konzessionserteilung an Leinenhändler Thörner die Geschichte der Bierschenke. Thörner war passionierter Jäger, was die Namensgebung erklärt. Zwischen 1892 und 1974 standen drei Generationen Kahle am Zapfhahn: Clamor, Emil und ab 1943 Walter Kahle. Der verkaufte das Haus schließlich an die OAB, die Theo Krall als Pächter einsetzte. Heute wird der „Jäger“ in zweiter Generation von der Familie Rupp betrieben. Pascal Rupp legt Wert darauf, den urig-rustikalen Stil des Interieurs beizubehalten, auch wenn heute nicht mehr Flurvereins- oder Klausenbrüder den Ton angeben, sondern studentisches Publikum.


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