Interview mit Heinz Rudolf Kunze Heinz Rudolf Kunze: „Ich habe kein Internet“

Literatur und Musik bringt Heinz Rudolf Kunze Anfang März mit in den Rosenhof. Foto: Martin Huch PhotographyLiteratur und Musik bringt Heinz Rudolf Kunze Anfang März mit in den Rosenhof. Foto: Martin Huch Photography

Osnabrück. Seit mehr als 30 Jahren gehört Heinz Rudolf Kunze zu den erfolgreichsten Musikern aus Osnabrück. Als Seitenprojekt zu seinen elektrifizierten Auftritten mit „Verstärkung“ kommt er seit 2006 unter dem Namen „Räuberzivil“ literarisch-musikalisch daher. Am 5. März ist Kunze im Rosenhof zu Gast, um das neue Album „Tiefenschärfe“ vorzustellen. Wir haben vorab mit dem Musiker über seine Lieder, über Neue Medien und das Rauchen gesprochen.

Heinz Rudolf Kunze, worin besteht der Unterschied zwischen „Räuberzivil“ und einem Auftritt mit „Verstärkung“?

Mit „Räuberzivil“ haben wir eine Form gefunden, die meinen alten Fans sehr entgegenkommt. Viele haben sich beklagt, dass der Wortanteil bei den elektrischen Konzerten zu klein geworden ist. Das ist bei den Live-Auftritten mit „Räuberzivil“ ganz anders. Es handelt sich dabei um eine Mischform aus leiser Musik und einem großen Anteil an poetisch-politischem Kabarett. Es gibt also viel gesprochenes Wort zwischen den Liedern.

Welche der beiden Auftrittsformen favorisieren Sie?

Ich mache beides gleichermaßen gerne. Es ist wie bei meinem Vorbild Neil Young: Der geht mal mit seiner lauten Band Crazy Horse auf Welttournee, im nächsten Schritt überrascht er mit etwas ganz Leisem. Ich habe einfach das große Glück, dass mir immer so viele Lieder einfallen, dass ich sie auf mindestens zwei Projekte verteilen muss. Ich könnte ohne Probleme alle vier Monate ein Album herausbringen, aber das will und kann man den armen Menschen draußen ja nicht zumuten.

Haben Sie das neue „Räuberzivil“-Album „Tiefenschärfe“ deshalb als Doppelalbum veröffentlicht?

Ja, das ist ein kleiner Hilfeschrei, der andeutet, dass noch viele Lieder in der Schublade liegen.

Die Texte sind zum Teil wieder sehr kritisch. Fühlen Sie sich nicht manchmal wie ein Rufer in der Wüste?

Wenn ich mir die heutige Musiklandschaft angucke: ja. Aber Rufer in der Wüste zu sein, finde ich gar nicht so schlimm.

Aber Sie schreiben seit über 35 Jahren Lieder über die Dinge, die Ihnen missfallen. Trotzdem bekommt man das Gefühl, dass die Welt um uns herum nicht besser wird.

Das Gefühl teile ich hundertprozentig. Gerade in unserer jetzigen Zeit gibt es wirklich viele Gründe, sich Sorgen zu machen: Die Welt steht in Flammen, immer mehr Länder kann man überhaupt nicht mehr besuchen, weil sie unregierbar geworden sind, weil dort das blanke Chaos herrscht. Auch in den Teilen der Welt, die wir für geordnet und zivilisiert halten, geht im Grunde alles drunter und drüber. Aber ich will hier nicht lamentieren. Fest steht, dass Künstler Menschen mit relativ empfindlichen Sensoren für solche Dinge sind. Dabei bleibt es fraglich, ob sie mit ihren Werken eine Veränderung bewirken.

Aber die Geschichte des Rock’n’Roll hat gezeigt, dass Musik durchaus einen gewissen Einfluss auf junge Leute hat.

Richtig, ich weiß allerdings nicht, wie man diesen Einfluss definieren soll. Es gibt keine Rezepte. Die hat Bob Dylan nicht, die hat Nick Cave nicht, und die hat auch Herbert Grönemeyer nicht. Wir machen den Leuten ein Angebot. Wir erzählen ihnen, was uns bewegt, und hoffen auf eine Resonanz. Im Moment habe ich, wenn ich mich mit Leuten unterhalte, den Eindruck, dass die Sehnsucht nach etwas mehr Substanz wieder wächst. Viele Menschen haben die Nase offenbar gestrichen voll von dem Dreck, der ihnen heutzutage als Popmusik angeboten wird.

Auf Ihrem Räuberzivil-Album gibt es einen Song mit dem Titel „Ponderosa“. Den Begriff dürften die meisten jungen Leute nicht verstehen.

Ja, das mag sein. Das Lied verstehe ich als Replik auf Dylans Song „Maggie’s Farm“. Er singt: „Ich arbeite nicht mehr auf Maggies Farm.“ Damit will er ausdrücken, dass er sich nicht mehr fremdbestimmen lassen will. Dass mancher junge Mensch das nicht mehr entziffern kann, nehme ich in Kauf. Aber es gibt ja die schönen Neuen Medien, und der junge Mensch kann ja googeln, was Ponderosa bedeutet.

Sind die Neuen Medien für Sie eine Quelle der Inspiration?

Was diese Dinge angeht, bin ich ein extremer Dinosaurier. Ich verweigere den Umgang mit Neuen Medien fast komplett. Ich habe zum Beispiel nicht einmal einen Internetanschluss, weil ich diesen Medien zutiefst misstraue. Sie haben ihre Vorteile, wenn es darum geht, schnell eine Öffentlichkeit herzustellen. Aber sie haben eben auch unglaublich viele Schattenseiten. So ist das halt, wenn der Mensch etwas erfindet. Das war nicht nur bei der Atomenergie so.

Das heißt, Sie sind auch nicht bei Facebook unterwegs?

Ich habe natürlich eine Facebook-Seite. Aber die wird von meinem Management betrieben, das von mir bisweilen Texte dafür geliefert bekommt. Aber die Art und Weise, wie sich besonders junge Menschen dort total entblößen, alles von sich preisgeben, in einer unfassbaren Naivität, das ist mir schon sehr unheimlich. Und davor kann ich immer nur warnen.

Im Booklet von „Tiefenschärfe“ sieht man Sie auf einem Foto rauchen. Schadet das heute nicht dem Image?

Nun, ich rauche. Das ist eine private Angelegenheit. Ich bin nicht stolz darauf, denn es nicht unbedingt die Stärke eines Menschen, zu rauchen. Aber es ist eine Schwäche, die ich mir durchgehen lasse.


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