Erforschung einer seltenen Tierart Osnabrücker Zoo-Sandkatzen unter 24-Stunden-Beobachtung

Siesta: Die Hängematte ist der Lieblingsplatz von Sandkater Naji im Zoo Osnabrück. Foto: Carolin HlawatschSiesta: Die Hängematte ist der Lieblingsplatz von Sandkater Naji im Zoo Osnabrück. Foto: Carolin Hlawatsch

Osnabrück. Im Osnabrücker Zoo leben zwei Sandkatzen, die kürzlich durch 24-Stunden-Videoüberwachung näher erforscht worden sind.

Es gibt eine Tierart, von der die Forscher nicht so genau wissen, wie groß ihre Population auf unserer Erde wirklich ist. Möglicherweise sind es 50000 Individuen, wie vorsichtige Schätzungen lauten, möglicherweise aber auch deutlich mehr oder weniger. Der Grund der Ungewissheit: Die Tiere sind nachtaktiv und leben noch dazu in Gebieten, in denen die Wissenschaft wegen extremer klimatischer Bedingungen wenig Feldforschung leisten kann. Gemeint ist die Sandkatze, die in der nördlichen Sahara und in den Wüsten der Arabischen Halbinsel, Zentralasiens und Pakistans vorkommt. Zwei Vertreter ihrer Art leben im Zoo Osnabrück.

Weitere Gründe, warum die Sandkatze im Vergleich zu anderen Säugetieren relativ unerforscht ist: In ihrem sandigen, kargen Lebensraum ist sie mit ihrem gelb- bis graubraunen Fell perfekt getarnt – und durch Lebensraumverlust und Jagd wird sie immer seltener.

Zoologen wollen mehr wissen

Doch die Zoologen wollen mehr wissen, und an der Befriedigung dieser Neugierde hat der Zoo Osnabrück einen nennenswerten Anteil. Im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms setzt er sich besonders für die Erhaltung und Erforschung der Sandkatze ein.

Der inzwischen zwölfjährige Kater Naji hat 2009 zusammen mit seiner damaligen Partnerin schon einmal erfolgreich zur Erhaltungszucht beigetragen. Dann kam Ashara, die genau wie Naji aus dem Wildlife Centre in Katar stammte. Sehr innig wirkten die beiden allerdings nicht gerade, wenn man sie als Besucher hinter der Glasscheibe beobachtete. Sie liefen, lagen und fraßen meistens im Alleingang. Sandkatzen sind eben Einzelgänger, die sich in der Natur in ihren 15 bis 20 Quadratkilometer großen Revieren nur zur Paarungszeit von Februar bis März treffen.

Kleines Revier

In einem Zoo kann man ihnen zwar Rückzugsmöglichkeiten schaffen – ein so großes Revier wie in der „freien Wildbahn“ kann den Tieren allerdings beim besten Willen nicht geboten werden. Um zu sehen, ob es funktioniert, die Katzen auch außerhalb der Paarungszeit auf begrenztem Raum zusammen zu halten, wurden Naji und Ashara zwei Monate lang 24 Stunden pro Tag mit einer Kamera beobachtet.

Das Filmen und die Auswertung der am Ende 210 DVDs, die circa 1000 Stunden Film enthielten, war Teil der Bachelorarbeit des Biologie-Studenten Tobias Klumpe, inzwischen wissenschaftlicher Assistent im Zoo Osnabrück. „Ich habe da wirklich sechs bis acht Stunden pro Tag gesessen und mir die Sandkatzen-Aufnahmen angesehen. Es war wie ein Blick in ihr Privatleben“, erinnert sich Klumpe und lacht.

Spezialfutter färbt die Federn – Darum sind die Osnabrücker Zoo-Flamingos rosarot

Forschungsarbeiten von Studenten zum Verhalten verschiedener Arten im Zoo helfen dabei, die Tiere zu untersuchen und sicherzustellen, dass es ihnen gut geht. Sie unterstützen somit die Erhaltungszucht mit gesunden Tieren. So wurde durch die Arbeit Klumpes festgestellt, dass Naji nachts sehr unruhig ist. Genau wie die Kater in den Wüsten bei ihrer Jagd auf Beute läuft er sein Revier ab. „Er hat dann einen richtigen Drang zu laufen und muss deswegen im Zoo während der aktiven Phasen beschäftigt werden und Abwechslung geboten bekommen“, erklärt Klumpe.

Nachtaktive Tiere

Die Hauptaktivitätszeiten der Sandkatzen sind abends zwischen 20 und 22 Uhr und nachts von 1 bis 4 Uhr, wobei jedes Tier sein eigenes Aktivitätsmuster hat. In dieser Zeit sind die Tierpfleger aber nicht im Dienst, weswegen der Zoo im Gehege sechs Futterautomaten mit Zeitschaltuhr angebracht hat: Nachts fallen tote Küken, Mäuse oder Ratten von der Decke – an unterschiedlichen Stellen, sodass nicht nur das dominante Tier satt wird.

Die Video-Nachtaufnahmen brachten aber auch noch andere interessante Verhaltensweisen der Sandkatzen zum Vorschein. „In ihrer Kennenlernphase lauerte Ashara an dem Durchgang, den Naji bei seinen nächtlichen Runden passierte. Immer wenn er vorbeikam, gab sie ihm einen Klaps mit der Pfote auf den Rücken, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Naji blieb kurz verdutzt stehen, um dann weiterzulaufen, als wäre nichts geschehen“, berichtet der wissenschaftliche Assistent.

Sandkatze fällt durch Loch

Amüsiert habe er sich auch, als er auf dem Video beobachten konnte, wie Naji durch ein Loch in seiner Hängematte fiel, sich gerade noch mit den Vorderpfoten daran festklammern konnte und dann vergeblich versuchte, sich mit aller Kraft wieder hochzuhieven.

Zwischen 11 und 14 Uhr machten die Osnabrücker Sandkatzen Siesta – Naji am liebsten in seiner Hängematte, Ashara unter einem Steinhaufen im Innenbereich. In freier Wildbahn ist dies die heißeste Zeit, in der sich die Sandkatzen in den Schatten von Sträuchern oder in selbst gegrabene Höhlen zurückziehen.

Hand-Fütterung

Außerhalb der Mittagspause bekamen Naji und Ashara ihre Tagesration manchmal aus der Hand gefüttert, damit die Pfleger die Tiere direkt aus der Nähe sehen und eventuelle Verletzungen oder Krankheiten bemerken konnten. Wobei Naji sich als sehr zutraulich und Ashara (die den Zoo inzwischen verlassen hat und durch die sechseinhalb Jahre alte Katze Imke ersetzt wurde) als eher zurückhaltend erwies.

Die Tagesfütterungen dienen zudem einer weiteren Abwechslung für die Tiere – „Enrichment“, wie es in der Zoo-Fachsprache heißt – und dienen außerdem dazu, den Besuchern die Tiere zu zeigen und Wissen über sie zu vermitteln.


Für den Schutz der Sandkatze und ihres Lebensraums sammelt der Zoo Osnabrück Spenden, um den Sahara Conservation Fund zu unterstützen. Diese Organisation setzt sich dafür ein, die Wüsten der Sahara und der angrenzenden Graslandschaften als Lebensraum für die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt zu erhalten.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN