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Alte Gräberfelder werden Parks Osnabrücks Friedhofschefin: Grillen wäre unpassend

Von Sebastian Stricker


Osnabrück. Aus den historischen Friedhöfen der Stadt sollen Parks werden. Aber nicht im Sinne von Liegewiesen, sondern von „dreidimensionalen Geschichtsbüchern“, sagt Eva Güse vom Osnabrücker Servicebetrieb. Die für Ende 2015 geplante Entwidmung von Hasefriedhof und Johannisfriedhof sei dafür nicht unbedingt nötig.

Machen wir zu Beginn eine kleine Zeitreise ins frühe 19. Jahrhundert. Denn was uns heute beschäftigt, hat seinen Ursprung im Jahr 1808.

Ganz genau. Damals ließ Napoleon weit vor den Toren der Stadt zwei Friedhöfe bauen, nachdem es für Bestattungen rund um die Kirchen zu eng geworden war: den Hasefriedhof für die Altstadt im Norden und den Johannisfriedhof für die Neustadt im Süden. Seit 1983 sind sie Denkmäler – und ein in Norddeutschland beispielloses Dokument für den Wandel der Bestattungskultur von 1808 bis 1995.

Zudem ruhen hier große Persönlichkeiten der Stadtgeschichte: auf dem Hasefriedhof etwa der Künstler Vordemberge-Gildewart, auf dem Johannisfriedhof der Maler Hecker. Für beide Friedhöfe gibt es auch ausführliche Pläne, die alle herausragenden Grabstätten auflisten und Besucher durch die Abteilungen führen.

Spaziergang über Hase- und Johannisfriedhof: Flyer als PDF herunterladen (1,6 MB) >>

Jetzt will die Stadt aus Johannisfriedhof und Hasefriedhof öffentliche Parks machen. Geht das so einfach?

Es geschieht ja nicht von jetzt auf gleich. Der Prozess wurde bereits 1995 angestoßen, als die Friedhöfe außer Dienst gestellt wurden. Und die Wahrnehmung ändert sich, je länger die letzten Bestattungen zurückliegen. Heute sieht man schon viel mehr Menschen, die aus stadtgeschichtlicher Neugier und Liebe zur Natur über die beiden Friedhöfe spazierengehen, als trauernde Angehörige, die hier die Gräber ihrer Familie besuchen.

Beim Begriff Parks denken viele aber auch ans Picknicken, Fußballspielen, in der Sonne liegen: Wäre das nicht unpassend auf alten Friedhöfen?

Mit der Frage, was passt und was nicht, befassen wir uns schon eine ganze Weile – unter anderem in einem Forschungsprojekt mit der Hochschule Osnabrück, dessen Ergebnisse in diesem Jahr als Publikation beim Kasseler Museum für Sepulkralkultur erscheinen. Persönlich würde ich sagen: Grillen auf einem alten Friedhof passt nicht. Aber wer weiß, was in 100 Jahren ist?

Wir müssen ein Gespür dafür entwickeln, was jetzt schon angemessen ist. Prächtig eignet sich etwa das Kulturprogramm „Neues Leben zwischen alten Gräbern“, wie wir es bereits seit einigen Jahren auf den historischen Friedhöfen anbieten: Da gibt es Auftritte von Klezmer-Gruppen, Saxofonisten, Didgeridoo-Spielern, Gospelchören. Aber auch Beruhigendes wie Yoga und Tai-Chi. So etwas geht auf jeden Fall! Und lockt Hunderte von Besuchern an. Im Mai soll es übrigens wieder losgehen mit einer Vogelstimmenführung.

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Welche baulichen Vorkehrungen sind nötig, um die Friedhöfe in Parks zu verwandeln?

Auf dem Johannisfriedhof sind zum Beispiel gerade erst die gepflasterten Hauptwege erneuert worden. Zusammen mit der Denkmalpflege möchten wir weitere Bereiche besonders schützen: Großbäume, die Mauern zwischen den Abteilungen, die Mauergräber, die Kapellen, bestimmte Einzelgräber. Andererseits müssen wir überlegen, was brauchen Bürger in diesem Teil der Stadt als Freifläche? Was wünschen sie sich? Und was können wir anbieten, um den Genius Loci – den Geist des Ortes – hervorzulocken?

Wir wollen ja gar nicht die 100. Liegewiese werden, sondern den Leuten dieses in Stein gehauene, dreidimensionale Geschichtsbuch näherbringen und sie dafür begeistern.

Hat die Stadt denn genug Geld dafür? Zuletzt fehlten ja sogar die Mittel, um die übrigen, aktiv genutzten Friedhöfe gärtnerisch in Schuss zu halten.

Wir haben ein jährliches Budget, um nach und nach kleinere Mauerabschnitte sanieren zu können. Aber um die Friedhöfe insgesamt weiterzuentwickeln, braucht es mehr Geld – gerade auch für eine qualitativ hochwertige Pflege. Wie viel genau, wird zurzeit ermittelt und dann mit der Politik diskutiert. In jedem Fall sind wir auf Spenden, Investoren und Stiftungen angewiesen.

Alle Veranstaltungen auf dem Johannisfriedhof im Überblick >>

2013 wurde mit städtischen Mitteln die Treuhandstiftung „Historisches Bewahren denkmalgeschützter Friedhofskultur in Osnabrück“ gegründet. Deren Prospekt nennt Preise für Sachleistungen, die Bürger bezahlen können: ein Quadratmeter Friedhofsmauer sanieren kostet 400 Euro, Baum pflanzen 300 Euro, Grabmal aufrichten 250 Euro, Grabmal reinigen 100 Euro. Wird das in Anspruch genommen?

Nein, das läuft noch schlecht. Uns fehlt schlicht das Personal, um diese Form der Mittelbeschaffung zu professionalisieren, indem wir sie etwa mit Fundraising-Konzepten unterlegen. So bleibt es bislang vornehmlich bei Spenden, die uns zum Beispiel anlässlich von Kulturveranstaltungen oder Geburtstagen erreichen. 2014 kamen immerhin 3000 Euro zusammen, die wir in diesem Jahr einsetzen wollen.

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Laut Friedhofssatzung sollen Hasefriedhof und Johannisfriedhof Ende 2015 entwidmet werden. Ist das die formale Voraussetzung für eine offizielle Nutzung als Park?

Ich denke, rechtlich wäre es ausreichend, wenn die Friedhöfe außer Dienst gestellt sind – und das sind sie seit 1995. Wir überlegen deshalb, auf eine Entwidmung der beiden Friedhöfe zu verzichten. Es hätte den Vorteil, dass sie der Friedhofssatzung unterworfen blieben, die strenger und detaillierter ist als die Grünflächensatzung. Die Frage, was erlaubt ist und was nicht, ließe sich so besser beantworten. Zum Beispiel wäre dann ganz klar, dass Hunde dort auch künftig an der Leine zu führen sind.

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Wenn eine Entwidmung also unnötig erscheint, sind dann die beiden historischen Friedhöfe nicht schon längst Parks?

In gewisser Weise ja. Man könnte sagen: denkmalgeschützte Parks mit Friedhofscharakter.