Hirschgeweih als Wahrzeichen Osnabrücker Zeitreise: Das „Jägerheim“ in der Neustadt

Von Joachim Dierks


Osnabrück. Karl Ellinger war ein Freund der Jagd und nannte daher das 1910 von ihm eröffnete Gasthaus an der Johannismauer (heute Johannistorwall 19a) „Jägerheim“. Zwei figürliche Geweihe hatte er zu beiden Seiten des zentralen Fensters über dem Eckeingang angebracht. Sie sollten dafür sorgen, dass möglichst viele Jagdgenossen den Weg in seine „Restauration“ schnell finden konnten.

Der Sockel des zweigeschossigen Hauses bestand aus meterdickem Bruchsteinmauerwerk. Die weiß geputzte Fassade und die mit Sandstein-Leibungen gefassten Fenster unterstrichen den Anspruch einer gehobenen Gastronomie für die „bessere Gesellschaft“. 1935 ersteigerte Landwirt Franz Wöllermann das Haus und führte den Betrieb zusammen mit seiner Schwester Marie weiter. 1942 trafen Bomben das Haus. Wöllermann richtete das Erdgeschoss notdürftig wieder her, sodass er die Gaststube wieder öffnen konnte. Doch nicht für lange. 1945 legte ein zweiter, schlimmerer Bombenangriff endgültig alles in Schutt und Asche.

1946 begann der Wiederaufbau zunächst mit zwei Geschossen für Gaststätte und Privatwohnung. 1965 erhielt das Gebäude dann mit viereinhalb Geschossen das Aussehen, das über viele Jahrzehnte das Gesicht der Kreuzung Johannistorwall/Kommenderiestraße darstellte. Nicht fehlen durfte dem Zeitgeschmack entsprechend die Verkachelung des Parterres.

Der Name „Jägerheim“ blieb erhalten, und auch das Hirschgeweih als Wahrzeichen fand wieder seinen Platz über dem Eingang, diesmal allerdings als Leuchtreklame. Familie Wöllermann bewohnte das Nebenhaus, während im Haupthaus über drei Etagen ein Hotelbetrieb eingerichtet wurde.

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Ab 1985 führte Enkel Ludger Wöllermann den Betrieb. 2006 gab er auf. „Es rechnete sich nicht mehr, die Konkurrenz mit vielen neuen Hotelbetten in besserer Lage war einfach zu groß“, erinnert er sich. Auch Parkplätze für die Autos der Hotelgäste waren schon immer Mangelware gewesen, und das in dieser Zeit eingeführte Anwohnerparken verkomplizierte die Situation noch einmal.

2006 erwarb Immobilienkaufmann Klaus-Peter Zimmer den Komplex und unterzog ihn einer Kernsanierung. Er stockte den Privatwohnbereich auf, baute die Dachgeschosse aus und wandelte die früheren Hotelzimmer in zwölf Mietwohnungen um. Die größte Überraschung erlebten die Bauleute im Keller: Unter der Kellersohle schlummerte ein Bombenblindgänger, der 80 Zentimeter tief in den morastigen Untergrund eingesunken war. In einer Großaktion machte der Kampfmittelbeseitigungsdienst ihn Ende 2006 unschädlich. Zimmer ist noch heute erleichtert, dass die Sache gut ausging: „Vier Jahrzehnte lang haben Tausende von Hotelgästen seelenruhig darüber geschlafen und nichts geahnt.“

Zimmer nahm 1,2 Millionen Euro in die Hand, um sein Konzept eines „Casa Mediterran“ zu verwirklichen. Hier konnte er die Pläne umsetzen, die er schon für die Neugestaltung des Hotel-Bitter-Grundstücks im Wallenhorster Zentrum ausgebreitet hatte, aber dann aus verschiedenen Gründen dort damit nicht zum Zuge kam. Geschaffen wurde ein Wohnkomplex in mediterraner Anmutung , garniert mit einem Restaurant der gehobenen Mittelmeer-Küche.

Leider hat das Umfeld des Hauses inzwischen traurige Berühmtheit erlangt: Zwei Radfahrer kamen 2014 bei Unfällen auf der Kreuzung Kommenderiestraße/Johannistorwall ums Leben, ein weiterer starb bereits 2009 an dieser Stelle.