Wenn das Instrument krank macht Hochschule Osnabrück erforscht Physiotherapie für Musiker


Osnabrück. Profimusiker sind ähnlichen Belastungen wie Hochleistungssportler ausgesetzt. Der Unterschied: Kaum jemand weiß das. Die Hochschule Osnabrück will dazu beitragen, diesen Missstand zu beheben. Deshalb arbeiten dort seit Januar Musiker, Physiotherapeuten und Informatiker zusammen. Sie wollen der Physiotherapie für Musiker ein wissenschaftliches Fundament geben.

Robert G. (Name von der Redaktion geändert) ahnt natürlich, woher seine Rückenbeschwerden kommen. „Vom Üben mit dem Bogen“, sagt er. Dabei beugt er sich über den Korpus seines Kontrabasses , und so gekrümmt steht er dann fünf, sechs Stunden lang. „Zwangshaltung“ nennt Physiotherapeutin Camilla Kapitza das. Und sie spricht von „Überlastungssyndromen“. Robert G. ist da keine Ausnahmeerscheinung: Christoff Zalpour, Professor für Physiotherapie an der Hochschule Osnabrück, sagt: „Profimusiker sind High-Performer; die brauchen Begleitung. Im Sport ist das sehr akzeptiert.“ In der Musik herrsche noch starker Nachholbedarf.

Fürs Erste kann dem Kontrabassisten geholfen werden: Nach ein paar kräftigen Handgriffen von Kapitza fühlt sich Kontrabassist Robert G. deutlich besser. Das Problem spezifischer Musikerleiden ist allerdings nicht neu. Eines der prominentesten Beispiele hat Robert Schumann geliefert: Seine Pianistenkarriere endete, bevor sie begonnen hatte, weil der Mittelfinger der rechten Hand nicht mehr funktionierte: Er litt an einer fokalen Dystonie, weiß man heute. Aber so final muss sich das gar nicht auswirken. Christof Lehan, Posaunist im Osnabrücker Symphonieorchester und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft bei der Deutschen Orchestervereinigung, sagt: „Die wenigsten Orchestermusiker sind beschwerdefrei.“

Seit 2007 bietet Zalpours Institut für angewandte Physiotherapie und Osteopathie (INAP/O) eine Musikersprechstunde an. Sie wurde zur Keimzelle eines Binnenforschungsschwerpunktes an der Hochschule Osnabrück, die in einer Kooperation aus Musikern, Physiotherapeuten und Informatikern Grundlagen für die Musikerphysiotherapie erarbeitet.

Start in einer Bretterbude

In Osnabrück angetreten ist Zalpour 2003 mit dem Anspruch, „der Physiotherapie akademisches Gewicht zu geben“. Der erste Schritt war ein Aufbaustudium für Physiotherapeuten, „und da kamen die jungen Leute mit allen möglichen Ideen“, sagt Zalpour. Darunter waren auch junge Männer und Frauen mit musikalischem Hintergrund, und daraus erwuchs die Idee der Musikersprechstunde. „Begonnen haben wir in einer Bretterbude“ –Zalpour nennt die Dinge beim Namen. Der 1,90-Meter Mann redet ausführlich über seine Arbeit, und gleichzeitig wirkt er auf eine sympathische Art geerdet. Ob er musikalisch vorgebildet ist? Nein. „Die Musik ist mir durch meine Studierenden zugefallen.“

Bereits 2010 war er zusammen mit Studierenden bei einem alljährlichen Fachkongress in Aspen/Colorado, „und dieses Jahr sind wir mit vier Beiträgen vertreten“, sagt er. „Wir haben uns schnell einen Ruf als Osnabrueck-Group erarbeitet.“

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Dass Zalpour den richtigen Weg eingeschlagen hat, beweist ihm eine Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft: Die hat, zusätzlich zu den 630.000 Euro von der Hochschule, weitere 157.000 Euro gestiftet. „Das ist ein Ritterschlag“, sagt Zalpour. Mit diesem Geld wurden Hochgeschwindigkeitskameras angeschafft, die in einem Raum auf dem Gelände der ehemaligen Britenkasernen im Hafengebiet hängen. Mit ihnen können Musiker gefilmt und die Bewegungen anschließend am Computer analysiert werden; der wissenschaftliche Mitarbeiter Dirk Möller demonstriert am Bildschirm, wie aus zweidimensionalen Bildern dreidimensionale Vektorenmodelle werden. Zalpour hofft, daraus zu erkennen, was Musiker mit Beschwerden anders machen als die Kollegen ohne. Auch lässt sich so vielleicht messen, wie effektiv Behandlungsmethoden sind. Allerdings „springen wir da in eine Blackbox“, sagt Möller. In diese Kiste fließen zunächst einmal viele Daten, die Möller ordnet, um sie dann zu analysieren. „Diese Grundlagenforschung macht so keiner“, sagt Zalpour. Die Hochschule kann wohl noch lange daran arbeiten.


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