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Interview Esnaf Begić „Brauchen muslimische Notfallseelsorger in der Region“

Von Sven Kienscherf


Osnabrück. Nach Ansicht der Polizeidirektion Osnabrück fehlt es an islamischen Notfallseelsorgern, die nach schweren Unfällen Angehörige der Opfer betreuen. Am Dienstag findet eine Fachtagung der Polizeidirektion und des Instituts für Islamische Theologie (IIT) der Universität Osnabrück statt. Esnaf Begić vom IIT erläutert, warum islamische Notfallseelsorge notwendig ist, wo es Gemeinsamkeiten mit dem Christentum gibt und wo die Schwierigkeiten bei der Etablierung liegen.

Herr Begić, einfach gefragt: Warum gibt es noch keine muslimischen Notfallseelsorger?

Dass wir auch eine islamische Seelsorge mit all ihren Ausprägungen brauchen, steht außer Frage. Denn die Muslime sind ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Wir befinden uns jedoch erst am Anfang ihres Etablierungsprozesses, bei welchem unterschiedliche Aspekte noch zu klären sind, etwa organisatorischer, ausbildungstechnischer oder inhaltlicher Natur. Das sieht man einfach an der Tatsache, dass sich manche Muslime vereinnahmt fühlen, wenn von der Seelsorge gesprochen wird, während auf der anderen Seite manch ein christlicher Experte so tut, als ob es ein geschützter und nur für den christlichen Bereich bestimmter Begriff wäre. Beides stimmt nicht, und die Forschung muss in der nächsten Zeit klären, womit wir es hier zu tun haben, welche Konzepte dahinter stehen und wie wir es schlussendlich benennen. Das ist ein Prozess, und es wird noch dauern, bis es soweit ist. Gegenwärtig laufen die Verhandlungen zwischen dem Land Niedersachsen und muslimischen Verbänden über einen Staatsvertrag . Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, inwieweit die islamische Seelsorge institutionalisiert wird.

Notfallseelsorge ist vor allem nach schweren Unglücken gefordert. Was ist Kern islamischer Notfallseelsorge?

Es wäre ganz und gar verkehrt, das Unglück sofort und ausschließlich in einen religiösen Zusammenhang zu stellen. Und zwar, weil der Mensch im Vordergrund steht, dem ein schreckliches Ereignis widerfahren ist, der vielleicht einen Verwandten verloren hat. Die Aufgabe des Seelsorgers ist es, sich in die Menschen hineinzuversetzen und ihnen zur Seite zu stehen. Der Seelsorger muss in Erfahrung bringen, inwiefern der Mensch überhaupt religiöse Betreuung braucht, oder ob sie besser jenseits des religiösen Bekenntnisses stattfinden sollte. Wenn der Mensch im Glauben verankert ist, können wir versuchen, das Unglück religiös zu erklären und auf diese Art den Schmerz zu lindern. Deshalb brauchen wir muslimische Seelsorger, speziell auch Notfallseelsorger in Osnabrück und anderswo.

Was unterscheidet islamische Seelsorge von christlicher Seelsorge?

Inhaltlich gibt es wenig Unterschiede. Ein Christ und ein Muslim stellen sich in einer Extremsituation vermutlich dieselben Fragen: Warum trifft es mich? Warum trifft es jemanden, der zu mir gehört? Warum lässt Gott so etwas zu? Womit habe ich das verdient? Manchmal werden religiöse Grenzen auch überschritten.

Was meinen Sie damit?

Das bedeutet, dass die Leute in ihrem ganzen Schmerz Gott für die Situation verantwortlich machen und Gott anklagen, ja blasphemisch werden. Und das ist aus rein menschlicher Sicht nachvollziehbar, aus der Glaubensperspektive jedoch nicht zu vertreten. Die Aufgabe des Seelsorgers ist es, wenn notwendig und gewollt, auch aus religiöser Perspektive dem Unglück einen Sinn zu geben und es als Teil des Lebens aufzufassen.

Welche Bedeutung hat in der islamischen Theologie der Tod?

Der Tod ist aus islamisch-theologischer Sicht ein Teil des Lebens. Mit dem Tod geht das Leben nicht zu Ende. Es geht in einer veränderten Form weiter. Der Glaube an das Jenseits ist einer der Grundpfeiler des islamischen Glaubenssystems . In einer anderen Wirklichkeit lebt man weiter.

Ist das vergleichbar mit dem Christentum?

Ich würde fast sagen, das ist dasselbe. Irgendwann steht auch nach Auffassung des Islam der jüngste Tag an, als der Mensch für das Leiden im Diesseits belohnt wird. Ich weiß, dass viele Menschen sagen, für mich ist das Hier und Jetzt wichtig. Wenn man aber den Islam betrachtet, geht es darum, dass das eigentliche Leben das Leben nach dem Tod ist. Das Leben hier ist nur eine vorübergehende Station. Bei gläubigen Muslimen ist es salopp gesagt so, dass auch der unerwartete Tod natürlich auch eine emotionale Ausnahmesituation darstellt, jedoch keine unüberbrückbare Schwierigkeit im diesseitigen Leben. Denn diejenigen, die im Glauben verankert sind, sind restlos davon überzeugt, dass Familie oder Freunde zwar durch den Tod vorläufig getrennt werden, aber im Jenseits wieder zusammenkommen.

Welche Qualifikation braucht ein islamischer Seelsorger?

In erster Linie kämen Imame dafür infrage, weil sie das theologische Wissen haben und theologische Sachverhalte erklären können. Die Leute kommen zu dem Imam, weil er eine Vertrauensperson ist. Sie sind auch in Bereichen gefragt, die über das Theologische hinaus gehen: als Eheberater, als Streitschlichter, als Schuldnerberater. Allerdings habe ich die Sorge, dass wir die Imame mit allzu vielen Aufgaben belasten . Deshalb bräuchten wir einen Berufsstand an muslimischen ausgebildeten Seelsorgern und Seelsorgerinnen. Wir bieten am Institut einen Studiengang mit Schwerpunkt Gemeindepädagogik und Seelsorge, mit dem wir diese Lücke füllen wollen.

Das Symposium - „Muslimische Seelsorge und Notfallbegleitung im polizeilichen Kontext“ findet am Dienstag, 17. Februar in der Schlossaula der Universität Osnabrück (Neuer Graben/Schloss) statt. Veranstaltungszeitraum 10 bis 17 Uhr. Es sind noch Plätze frei. Anmeldungen bei Sabina Ide (0541/3271181) oder Christian Riedel (0541/3271142) oder per Mail d11@pd-os.polizei.niedersachsen.de.