„Es muss weitere Studien geben“ Ostercappelner Palliativmediziner zum Einsatz von Cannabis

Von Kerstin Balks

Professor Dr. Winfried Hardinghaus
              
              Foto: Kerstin BalksProfessor Dr. Winfried Hardinghaus Foto: Kerstin Balks

Ostercappeln. 2016 soll ein Gesetz in Kraft treten, nach dem die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für den Einsatz von Cannabis in der Behandlung schwerstkranker Patienten übernehmen sollen. Wir haben Professor Dr. Winfried Hardinghaus, ärztlicher Direktor der Niels-Stensen-Kliniken St. Raphael Ostercappeln und Franziskus-Hospital Harderberg und Vorsitzender des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes, um seine Einschätzung gebeten.

Herr Professor Hardinghaus, begrüßen Sie die Freigabe von Cannabis in der Schmerztherapie?

Das muss man sehr differenziert sehen. Bislang liegt ja – außer über eine Sondergenehmigung über die Bundesopiumstelle – die Verordnungsfähigkeit für private Krankenkassen vor und auch für die Ersatzkassen; dort allerdings ausschließlich für die eingeschränkte Indikation Übelkeit und Appetitlosigkeit bei Verwendung im Bereich der sogenannten „Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung“, kurz: SAPV. Dass man es allgemein freigeben möchte, begrüße ich – allerdings mit einer Einschränkung.

Welche Einschränkung wäre das?

Bezüglich der schmerzlindernden Wirkung bedarf es weiterer Studien. Es gibt zwar derzeit Untersuchungen mit bestimmten Patientengruppen, die unter starken Schmerzen leiden, inwieweit Cannabis dort aber überhaupt wirkt, ist noch nicht hinreichend belegt, auch wenn subjektive Hinweise einzelner Anwender vorliegen. Hingegen bestehen klassische Indikationen wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Erbrechen, insbesondere bei Tumor- und Palliativpatienten.

Wird es von Ihnen als Palliativmediziner schon eingesetzt?

Es gibt derzeit ein einziges Präparat auf dem Markt, Tetrahydrocannabinoid (THC). Wir setzen es bei Tumorpatienten häufig ein.

Aber nur unterstützend, nicht als Schmerzmittel...

Ja, gegen Übelkeit und Appetitlosigkeit, und da wirkt es auch gut im Rahmen eines Behandlungskonzepts.

Starke Schmerzmittel haben starke Nebenwirkungen. Ist Cannabis nebenwirkungsärmer?

Ein Cannabispräparat in der richtigen Dosis gemäß der klassischen, o. g. Indikation ist deutlich nebenwirkungsärmer. Jedes wirksame Medikament hat auch Nebenwirkungen. Wenn ich ein Cannabispräparat zu hoch dosieren und vor allem zu schnell höher dosieren würde, wären Müdigkeit und Mundtrockenheit die Hauptnebenwirkungen, natürlich auch psychische Effekte. Bei vielen Schmerzmitteln ist Übelkeit die Hauptnebenwirkung. Und da man Cannabis ja gerade gegen die Übelkeit einsetzt, zeigt allein das, dass es – richtig eingesetzt – relativ nebenwirkungsarm ist.

Trotz ausbaufähiger Studienlage spricht also viel für den Medizinalhanf?

Wenn ich meine, aus bestimmten Gründen könnte Cannabis als Präparat bei meinem Patienten eine günstige Wirkung zeigen, möchte ich natürlich gern die ärztliche Entscheidungsfreiheit haben, es auch bei Schmerzen einzusetzen. Um diese Entscheidungsfreiheit überhaupt zu erlangen, bin ich für eine generelle Freigabe innerhalb der individualisierten Schmerzbehandlung, die ja immer ein multimodales Konzept beinhaltet – mit Gesprächstherapie, Physiotherapie u. a. Dennoch: Es muss weitere Studien geben.

Sind diese Studien nicht zumeist von der Pharmaindustrie initiiert?

Die gibt es zwar auch, aber es liegen überwiegend Studien neutraler wissenschaftlicher Institute vor. Und die interessieren hier in erster Linie. Derzeit werden Cannabinoide bei diversen Krankheiten und Symptomen erforscht, darunter vor allem beim Tumorschmerz, aber auch bei multipler Sklerose und anderen Erkrankungen.

Könnte überhaupt ein Cannabispräparat ohne berauschende Nebenwirkung hergestellt werden?

Einerseits kommt die medizinische Wirkung ja gerade aus dem Cannabis-Wirkstoff THC. Die Hanfpflanze hat aber noch ungefähr sechzig weitere Cannabinoide, zum Teil ohne Einfluss auf die Psyche. Ich denke, dass man auch diese Substanzen in Zukunft für therapeutische Zwecke isolieren kann.

Im Zusammenhang mit einem Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts wurde der Eigenanbau von Cannabis zu Therapiezwecken diskutiert. Was halten Sie davon?

Das befürworte ich nicht, da vor allem die ärztliche Kontrolle wichtig ist und ansonsten leicht Missbrauch betrieben werden kann – durch den Patienten selbst oder durch andere. So gesehen ein Grund mehr, die generelle Verordnungsfähigkeit voranzutreiben, um solche Auswüchse zu vermeiden.