Netzwerk regionaler Vordenker Osnabrücker „Living Lab“ verbessert Wohnen und Pflege

Von Sebastian Stricker


Osnabrück. Wenn Menschen im Alter, bei Krankheit und als Pflegefall möglichst lange in der eigenen Wohnung bleiben können, spart das Kosten und wahrt Lebensqualität. Dies zu ermöglichen ist Aufgabe des „Living Lab – Wohnen und Pflege“.

Als Netzwerk regionaler Vordenker bündelt es Kenntnisse und Kontakte auf diesen Gebieten. Und gibt damit eine Antwort auf Fragen, die der demografische Wandel stellt.

Ob Pflegewissenschaft, Gesundheitsökonomie, Wirtschaftsinformatik, Ethik oder Industriedesign: In das „Lebende Labor“, wie das Netzwerk auf Deutsch heißt, bringen Universität und Hochschule Osnabrück ihre Erfahrungen, Ideen und Möglichkeiten ein – außerdem der Landkreis und das Bistum. Die Koordination der Projekte übernimmt die Science to Business GmbH, eine Wissenstransfer-Gesellschaft der Hochschule. Um der gemeinsamen Arbeit die rechtliche Grundlage zu geben, unterschrieben Vertreter aller Beteiligten am Dienstagabend im Innovationscentrum Osnabrück einen Kooperationsvertrag – rückwirkend zum 1.Januar 2015.

Mehr Technik

Wie dringend Lösungen für Probleme gesucht werden, die eine alternde Gesellschaft gerade auf dem Land verursacht, beschrieb Kreisrat Matthias Selle: In zehn Jahren werde es in unserer Region fast ein Drittel weniger Kinder und Jugendliche geben als vor zehn Jahren. Zudem siedelten schon heute immer mehr ältere Menschen aus Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet in den Landkreis Osnabrück über, fügte „Living Lab“-Geschäftsbereichsleiter Martin Schnellhammer hinzu.

So entstünden neue Bedürfnisse und Erwartungen an die Wohnumgebung: etwa in Sachen Komfort und Sicherheit, aber auch Angebote an hauswirtschaftlichen und pflegerischen Dienstleistungen betreffend. „Hier setzt das Living Lab an, um die Zahl der Innovationen im Bereich Wohnen und Pflege zu steigern“, sagte Kreisrat Selle. Ferner soll es die Attraktivität des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandortes Osnabrück stärken. Hochschulpräsident Andreas Bertram und Universitäts-Vizepräsidentin May-Britt Kallenrode sprachen in diesem Zusammenhang von einem „Gesundheitscampus“, der Grundlagenforschung und Praxisbezug gewinnbringend miteinander kombiniere.

Mehr Zeit

Denn eins steht fest: Alles, was das Living Lab künftig an technischen Errungenschaften und anderen Neuerungen hervorbringt, dient immer auch der Rationalisierung – also der Einsparung von Personal und Kosten. Der frühere Pflegeheimleiter und Pflegefachberater Schnellhammer rechnete exemplarisch vor: Bundesweit bräuchte es 3900 Pflegekräfte (ohnedies ein Mangelberuf) weniger, wenn die Medikamentenvergabe stärker automatisiert würde.

Nebenbei ließe sich der Kohlendioxid-Ausstoß durch Autofahrten um 20.000 Tonnen pro Jahr verringern, wenn es dank ferngesteuerter Arzneimittelspender nicht mehr nötig wäre, von Patient zu Patient zu hetzen, nur um Pillen zu verabreichen. „Die Pflegekräfte kämen dann zwar seltener ins Haus, könnten aber dreimal länger bleiben“, sagte Schnellhammer.

Mehr Zuwendung

Mit diesem Beispiel betonte er zugleich die moralische Verpflichtung, die sich das Living Lab auferlegt hat. Denn bei allen Verheißungen des technischen Fortschritts – profitieren soll von der Osnabrücker Ideenschmiede vor allem der Mensch. Oder wie Generalvikar Theo Paul es ausdrückte: „Technische Assistenz in der Pflege darf nicht darauf abzielen, menschliche Zuwendung zu ersetzen. Sie muss vielmehr dazu beitragen, dass mehr Zuwendung möglich wird.“