Osnabrück startet Performance-Reihe „Parabelkonferenz“ in der Kunsthalle


Osnabrück. . Eigentlich fand die Eröffnung erst am Sonntag statt. Doch schon am Samstag, 7. Februar, hat das Kunstprojekt „Was für ein Fest?“ begonnen - mit der „Parabelkonferenz“ und einem Pablo Helguera als Kunst-Conferencier.

Der Mann mit der weißen Fliege ist gut bei Stimme und überhaupt von gewinnender Art. Mit gepflegter Emphase singt er nostalgische Songs aus den Dreissigern in das Mikrofon. Gesang und leicht halliger Klavierklang schweben an weiß gedeckten Banketttischen vorbei, auf denen große Kandelaber stehen. Freundliche Gastgeber servieren Prosecco und Suppe. Im milden Licht einer festlichen Soirée pflegt die Abendgesellschaft Konversation. Gedämpftes Stimmengemurmel steigt in die Höhe gotischer Kirchengewölbe. Eine Dinnergesellschaft in der Kunsthalle? Nein, wir sind in der Performance „Parabelkonferenz“ und der Mann am Mikrofon ist Pablo Helguera , Performer und Kunstvermittler.

Die 100 Auserwählten

„Gehörst Du auch zu den Auserwählten?“. Diese ironisch eingefärbte Frage hat manche jener rund 100 Personen begleitet, die Monate zuvor die Einladung von einem gewissen Pablo Helguera aus New York erhielten, sich am 7. Februar 2015 um 19 Uhr in der Kunsthalle Osnabrück einzufinden. In den folgenden Wochen erreichten die Geladenen weitere Briefe mit rätselhaften Erzählungen von heiteren und tragischen, aber seltsam berührenden Lebensgeschichten.

Wer sitzt nun am 7. Februar in der Kunsthalle? Ein guter Teil der Nomenklatura der Osnabrücker Kulturgesellschaft. Kulturverwalter, Kulturförderer, Kulturpolitiker, Hochschullehrer, Künstler, einige Studierende, manche Person des sogenannten öffentlichen Lebens: Die Gesellschaft, die sich hier unter dem Eindruck einer Kunstperformance erfrischend neu formieren soll, ist bereits miteinander im Gespräch und sich bestens bekannt. Alle haben, so die Regieanweisung, in schwarzweißer Abendgarderobe zu erscheinen. Wie gut, dass Manche dabei noch eigene Akzente setzen. Ratsfrau Brigitte Neumann hat ein gewagtes Hütchen auf ihr rotes Haar gesetzt. Uni-Professor Andreas Brenne revitalisiert mit Turnschuhen zum Jackett den Joschka-Look, während Franz-Josef Hillebrandt, Vorsitzender des Kuratoriums der Bohnenkamp-Stiftung, auf den klassischen Smoking setzt, und sich die Kulturdezernentin Rita Maria Rzyski für jene schwarze Halbjacke entschieden hat, die für sie auch bei Theaterpremieren im Großen Haus erste Wahl ist.

Wir sind alle Pablo

Recht hatte sie damit, denn eine Performance ist immer auch eine theatralische Aufführung. Und jeder spielt dabei mindestens zwei Rollen. Pablo Helguera hat sich als Conferencier eingeschmeichelt und den Maître de Plaisir mit einem Hauch Casino-Charme gegeben. Dabei hat der Performance- und Vermittlungsprofi das hintersinnige Konzept dieses Sets entworfen. Und die Gastgeber an den Tischen drehen sich mit einem Mal zur Mitte des Saals, sprechen sieben, natürlich sieben Geschichten Helgueras. „Wir sind alle Pablo“, hat Andrea Casabianchi kurz vor dem Start noch verraten. Wie ihre Kollegen Thomas Kienast und Johannes Bussler ist die Schauspielerin vom Theater Osnabrück bestens bekannt. Als die vier weiteren „Pablos“ treten Stephan Ullrich, Carolina Walker, David Hammann und Anne Hoffmann auf. Dirk Engler vom Institut für Musik an der Hochschule Osnabrück hat gemeinsam mit Helguera die Choreografie des Abends einstudiert.

Sieben „Pablos“ beklagen die Terminüberfrachtung des Alltags, die Tatsache, dass es oft die falsche Kunst ist, die Aufmerksamkeit erfährt, und erinnern an die Briefe als Symbole einer altmodischen, aber ganz anderen Form der Kommunikation. Und sie erzählen sieben Geschichten. Die handeln von dem Shaker-Mädchen Alison, dem Kunststudenten Justiniano, der Malerin Ivana oder Menschen einer antiken Stadt, die mit den Vögeln kommunizierten. Jede dieser Geschichte ist eine Parabel, eine verrätselte Gleichniserzählung. Jede handelt von Kunst und von einem traurig vergeblichen Leben. Jede darf als ein Stück erzählter Kunsttheorie verstanden werden und zugleich als Orakelspruch, der auf jeden Zuhörer die bange Frage zurückwirft: Und wie ist Dein Leben?

Anstöße statt Lösungen

Die Erzähler wechseln im Takt der Episoden ihre Plätze, im Publikum entspinnen sich halblaute Gespräche über das Gehörte. Kein Wunder. Jeder Gast erkennt in der einen oder anderen dieser Geschichten jene Rätselerzählungen aus den Briefen wieder. „Vor ein paar Tagen war ich bei einer Geburtstagsfeier. Da haben sich schon vier Leute über die Briefe unterhalten, die sie von Pablo Helguera erhalten haben“, erzählt Kunsthallen-Direktorin Julia Draganović nach der Performance. Menschen verbinden, indem man sie auf einen neuen Weg der Diskussion bringt, sie in der Erfahrung gemeinsamer Suche vereinigt? Dies könnte eine Lesart der „Parabelkonferenz“ sein, die ihr Publikum nicht mit vorformulierten Lösungen überfrachtet, sondern Anstöße setzt. Damit präsentiert sich Pablo Helguera als dezenter Arrangeur, als Katalysator in Person, aber auch als planvoll Verwirrender, denn nichts verleiht soviel Dominanz wie der Gestus, aus erhöhter Position heraus in Rätseln zu sprechen.

Immerhin einer der Gäste hat dagegen Einspruch erhoben. Sven Jürgensen, Pressesprecher der Stadt und Philosoph, verliest seine Antwort auf Helgueras Einladungsschreiben, in dem er sich gegen das Lob verwahrt, das ihm ein Unbekannter ausspricht, und die Selektion, die sich darauf gründet. Jürgensen bringt die Performance bestens auf den Punkt - mit Immanuel Kant und seinem Satz, schöne Kunst befördere „die Gemütskräfte zur geselligen Mitteilung“, und mit dem Diktum Hölderlins: „“Komm! Freund, ins Offene!“. Pablo und seine sieben Doubles treten zum letzen Bild in eine Reihe, Helguera singt das Lied eines tragischen Sängers. Und vorüber ist die „Parabelkonferenz“. In einer Woche geht es weiter auf der Perlenschnur der Performances. Sie sollen Menschen neu bewegen - gern hinaus ins Offene.


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