Minderjährige Flüchtlinge in Osnabrück Wenn ein 14-Jähriger kein Taliban sein will

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Osnabrück. Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF) steigt. In Osnabrück gab es im vergangenen Jahr 38 Fälle. 2011 waren es 15, in diesem Januar schon 5. Der Sozialpädagoge Michael Schmidt ist bei der Stadt seit 25 Jahren für diesen Personenkreis zuständig.

Herr Schmidt, aus welchen Gründen kommen minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland?

Das ist sehr unterschiedlich. In der Regel kommen sie aus Kriegs- und Krisengebieten. Die älteren Söhne einer Familie sind dann in Gefahr, für Kämpfe rekrutiert zu werden. Die Eltern wollen sie deshalb außer Landes und in Sicherheit bringen. Sie erhoffen sich für ihre Kinder aber auch eine Perspektive, die sie in der Heimat nicht haben. Viele dieser Jugendlichen zieht es nach Skandinavien, weil sie dort leichter Anerkennung als Asylsuchende bekommen, schneller Arbeit finden und mehr verdienen können. Im europäischen Vergleich steht Deutschland beim Lohnniveau nur in der unteren Hälfte.

Können Sie beispielhaft die Geschichte eines Jugendlichen erzählen?

Zu uns ist ein Jugendlicher aus Afghanistan gekommen. Als sein Vater bei Kämpfen gefallen war, kam er als ältester Sohn mit 14 Jahren in ein Taliban-Camp. Dort wurde er an allen Waffengattungen ausgebildet. Doch der Junge hatte keine Ambitionen zu kämpfen und teilte die politische Ausrichtung nicht. Bei einem Fluchtversuch wurde ihm ins Bein geschossen, dann wurde er mit dem Gewehrkolben verprügelt. Und sie machten ihm klar, dass er beim nächsten Fluchtversuch an die Wand gestellt würde.

Angehörige haben schließlich das Geld für einen Schleuser aufgebracht. In Lkw und Kleinbussen kam er über den Iran, die Türkei, Griechenland und den Balkan nach Deutschland. Hier hat er übrigens den Behörden wichtigen Details über das Ausbildungscamp geliefert. Hier geht er zur Schule. Er ist absolut friedfertig. Ich bin überzeugt davon, dass er seinen Weg machen wird. (Weiterlesen: Gericht stoppt Abschiebung serbischer Familie aus Geeste)

Wer bezahlt die Flucht der Minderjährigen?

Das sind Verwandte, Bekannte, auch Leute, die sich etwas davon versprechen. Die Schleuser kassieren zwischen 5000 und 6000 Dollar. Der Betrag ist oft geliehen und muss zurückgezahlt werden. Manche Jugendliche stecken deshalb in der Zwickmühle: Sie wollen gerne Geld in die Heimat schicken, müssen aber um Geduld bitten, weil sie hier erst zur Schule gehen und eine Ausbildung machen müssen. Wenn sie in Europa sind, schlagen sie sich oft auf eigene Faust weiter durch. So wie die drei Afghanen, die nach England wollten. In Calais haben sie sich zu dritt in einen Kasten unter einem Lkw-Anhänger gequetscht. In Dover angekommen, stellten sie fest, dass sich der Kasten nicht von innen öffnen ließ. Also ging es wieder zurück nach Calais und von dort nach Osnabrück, denn sie hatten sich im Lkw einer hier ansässigen Spedition versteckt. In Osnabrück hatten sie Glück, dass der Fahrer ihr Klopfen gehört hat. Lange hätten sie in der Lage nicht mehr überlebt. (Weiterlesen: 299 Flüchtlinge kommen in den Landkreis Osnabrück)

Die meisten der unbegleiteten Flüchtlinge werden von der Bundespolizei in Zügen aufgegriffen. Was passiert dann mit ihnen?

Wenn die jungen Leute ohne Papiere und ohne Fahrscheine aufgegriffen werden, werden sie dem Jugendamt in der Stadt mit dem nächsten Halt übergeben. Dieses Jugendamt ist dann bis zur Volljährigkeit für den Flüchtling zuständig. Das soll nach dem Haager Minderjährigenschutzabkommen ein Hickhack zwischen Städten und Ländern verhindern. Die örtliche Polizei macht zunächst eine erste Personenfeststellung und ein Interview mithilfe eines Dolmetschers. Danach kommt der Jugendliche in die Inobhutnahme.

Von Anfang haben die Flüchtlinge die gleichen Rechte und Anspruch auf Hilfeleistungen wie ihre deutschen Altersgenossen. Das war nicht immer so: Deutschland hat erst sehr spät die UN-Kinderrechtskonvention unterschrieben (vorbehaltlos im Jahr 2010, Anmerkung der Redaktion).

Bislang kamen die Flüchtlinge aus Niedersachsen in die Clearingstelle Nazareth in Norden/Norddeich. Dort wird ausgearbeitet, welche Hilfen der Jugendliche braucht oder ob aufgrund möglicher traumatischer Erfahrungen eine psychologische Betreuung nötig ist. Da Nazareth seit Monaten ständig überfüllt ist, müssen wir in Osnabrück immer öfter selbst das Clearing übernehmen. Wir sind in Gesprächen mit den freien Trägern der Jugendhilfe, um neue Plätze zu schaffen. Derzeit leben minderjährige Osnabrücker Flüchtlinge im Jugendwohnen der Arbeiterwohlfahrt und in der katholischen Jugendhilfe Don Bosco.

Welchen Aufenthaltsstatus haben die Minderjährigen?

Das ist unterschiedlich. Vor einem Antrag auf Asyl werden sie geduldet, im Asylverfahren haben sie eine Aufenthaltsgestattung. 20 Prozent der Jugendlichen werden als Flüchtlinge anerkannt, die anderen erhalten meist aus humanitären Gründen eine Aufenthaltsgenehmigung, erst für drei, dann für weitere fünf Jahre. Danach können sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen.

Gibt es Überprüfungen, ob die Jugendlichen wirklich minderjährig sind?

Ja, die gibt es. Viele sind aber sehr umstritten. In Osnabrück wird bei Bedarf ein Handwurzeltest im Marienhospital durchgeführt. Der Arzt ist sehr gründlich, die Abweichung liegt bei plus/minus sechs Monate. 80 Prozent derjenigen, die zum Test sollen, setzen sich vorher ab. Das ist wohl der Beweis, dass die Zweifel berechtigt waren. (Weiterlesen: Flüchtlingskinder in Osnabrück lernen schon etwas Deutsch)

Was passiert, wenn die Flüchtlinge volljährig werden?

In einigen Städten ist das ganz einfach: Sie werden aus der Jugendhilfe geworfen und müssen sich obdachlos melden. In Osnabrück erhalten die jungen Volljährigen weiter Hilfe, sofern sie das beantragen. Es wäre doch Unsinn, die gute Entwicklung eines jungen Menschen aufs Spiel zu setzen, nur weil ein bestimmtes Datum erreicht ist. Wir sehen das als einen Prozess an und gehen nach dem Motto: Was man in Jugendliche investiert, zahlt sich später aus.

Wer bezahlt die Unterkunft und Versorgung der Flüchtlinge?

Das bezahlen die Länder. Dafür müssen sich die Jugendämter an bestimmte Verfahren halten, Anträge in vorgegebenen Fristen einreichen. So muss etwa innerhalb von drei Tagen nach Aufnahme ein Antrag auf Vormundschaft an das Familiengericht gestellt werden. Regelmäßige Hilfeplangespräche und Besuche müssen nachgewiesen werden. (Weiterlesen: Migrationsexperte Bade fordert neue EU-Politik)

Gibt es genügend Vormünder für die Flüchtlinge, und können das auch Privatleute übernehmen?

Selbstverständlich können das auch Privatleute machen. Allerdings sollten sie gut angeleitet und begleitet werden. Dass sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen müssen, ist eine Selbstverständlichkeit. Die meisten Privatleute schrecken aber vor der Verantwortung zurück. Wenn es geht, wird die Vormundschaft an Verwandte übertragen. Ansonsten werden gesetzliche Vormundschaften mit Jugendamtsmitarbeitern eingerichtet.

Im vergangenen Jahr weist die Osnabrücker Statistik elf Fälle mit „unbekanntem Aufenthalt“ aus. Was bedeutet das?

Das heißt, sie sind mit unbekanntem Ziel untergetaucht. Oft zieht es die Jugendlichen immer noch nach Skandinavien. Andere gehen in größere Städte, in denen schon Verwandte oder Freunde leben. Sie sind europaweit polizeilich registriert. Wenn sie aufgriffen werden, bekommen sie eine Fahrkarte nach Osnabrück, werden aber nicht zur Rückkehr gezwungen.

Ich denke da an einen Jugendlichen vom Balkan, dessen Familie verfolgt wurde und die getrennt flüchtete. Sein Bruder, der in einer anderen Stadt angekommen war, wurde dort als Flüchtling anerkannt. Derjenige in Osnabrück nicht. Obwohl er nach kurzer Zeit schon super integriert war, drohte ihm später die Abschiebung. Als er dann herausfand, dass seine Eltern nach Schweden geflüchtet und dort als Asylsuchende anerkannt worden waren, hat er sich nach Schweden abgesetzt. Ich hatte Jahre später noch mal Kontakt mit ihm: Er war in Schweden anerkannter Flüchtling und studierte dort Jura. Das zuständige Jugendamt muss die Jugendlichen bis zur Volljährigkeit führen, auch wenn sie abgetaucht sind. Inzwischen bleiben aber immer mehr hier in Osnabrück. (Weiterlesen: Osnabrückerin setzt Zeichen gegen Flüchtlings-Hetze)

Sie sind seit 25 Jahren für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zuständig. Wissen Sie, was aus ihnen geworden ist?

Von denen, die in Osnabrück geblieben sind, weiß ich das meistens. In den Neunzigerjahren gab es auch einige Mädchen, vor allem aus Afrika, die wir zum Teil aus der Prostitution geholt haben. Einige sind verheiratet und haben Familien, andere haben eine Ausbildung gemacht. Die meisten jungen Leute, die ich kennengelernt habe, sind intelligent, wissbegierig und integrationswillig. Sie zeigen häufig schon nach kurzer Zeit erstaunliche Fähigkeiten im Spracherwerb. Sie sind eine Bereicherung unserer Gesellschaft.


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